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Potsdam Potsdamer kehren mit Baby von Weltreise wieder
Lokales Potsdam Potsdamer kehren mit Baby von Weltreise wieder
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09:33 26.07.2018
Zurück in Potsdam: Jessica (27) und Benjamin (30) Heese mit Tochter Lotti (16 Monate). Quelle: Foto: Gartenschläger
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Babelsberg

Jessica Heese entdeckte den schwarzen Skorpion auf der Wickeltasche auf der Rücksitzbank als Erste. Die ganze Zeit hatte er an der Außenseite der Tasche gehangen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Benjamin (30) und Tochter Lotti (16 Monate) war sie gerade unterwegs im Auto im zentralamerikanischen Costa Rica zum Strand. In der Aufregung krabbelte das Tier unter den Autositz und verschwand. Lotti und Jessica wechselten in das Auto der Freunde, die gerade zu Besuch waren. Benjamin fuhr mit dem Auto samt Skorpion weiter. „Das war ein komisches Gefühl – man sah ihn, aber kam nicht ran“, erzählt er .

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Zurück in Potsdam-Babelsberg können sie über den Vorfall heute lachen. Um ihre Träume zu verwirklichen und die Zeit mit Lotti bewusst zu erleben, waren sie Ende Oktober des vergangenen Jahres zu einer Weltreise aufgebrochen und von Amsterdam, Den Haag, Brüssel, über Costa Rica bis nach Hong Kong getourt. Schlafen konnten sie unter anderem in Motels oder bei Freunden. Eine geplante Route über die Kontinente gab es nie. „Wir haben uns nur nach den Flugpreisen gerichtet“, erzählt Benjamin Heese. Nur seinen 30. Geburtstag Mitte April wollte Benjamin in Bangkok feiern.

Mit dem Eltern- und Kindergeld kam während der Reise ein regelmäßiges Einkommen in die Kasse. Die Wohnung in Potsdam-Babelsberg hatten die Weltenbummler an ein Paar untervermietet. „Es war die Zeit unseres Lebens“, schwärmt Benjamin Heese. Besonders San Francisco hatte es dem Paar angetan. Die Stadt sei bei 25 Grad und permanenter Sonne einfach lebenswert, findet Jessica Heese. „Die Menschen sind freundlich und helfen dir beim Tragen des Kinderwagens“, erzählt die 27-Jährige, die kurz vorm Reiseantritt Ende Oktober ihr BWL-Studium abschloss.

Lotti habe Zugfahrten und Flüge, bis auf kleine Jetlags, sehr gut weggesteckt. „Sie ist heute sehr aufgeschlossen“, sagt Jessica Heese und schaut zu ihrer Tochter hinüber, die freudig im Sandkasten spielt. Die gemeinsamen Momente, die sie mit Lotti verbringen konnten, möchten sie nicht missen. „Sie hatte ihre Eltern die ganze Zeit um sich – das ist unbezahlbar“, sagt Benjamin Heese.

Der Reisekoller kommt

Das Ende ihrer Tour über die Kontinente kam dann unverhofft mitten im Paradies. Die drei saßen Ende April am weißen Sandstrand auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi und blickten auf das türkisfarbene Wasser, die Palmen im Hintergrund – da überkam sie plötzlich der Reisekoller. „Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas tatsächlich gibt“, sagt Benjamin Heese. Vor allem Jessica wollte nicht mehr aus dem Koffer leben. Kurzerhand buchten sie wenig später einen Flug zurück nach Deutschland.

Jessica Heese ist wieder in Potsdam angekommen und derzeit auf Jobsuche, Lotti wird ab August zur Tagesmutter gehen – nur ihrem Mann fällt die Umgewöhung an das Leben in Deutschland schwer. Nörgelnde Menschen würden ihm besonders aufs Gemüt schlagen. So eine Weltreise verändert den Blick aufs Leben, sagt Benjamin Heese. „Früher war man oft wie fremdgesteuert.“ Zuhause habe er oft nach Feierabend den Fernseher angeschaltet, um runterzukommen. Das haben sie sich abgewöhnt. Alles Hab und Gut wie Auto oder Fernseher hatten sie im Oktober verkauft – und möchten auch nicht mehr anschaffen. „Mit dem Rad entdeckt man so viel Neues in Potsdam und auch einkaufen funktioniert super“, weiß der Familienvater.

Nicht zurück ins Hamsterrad

Bis letztes Jahr hat der 30-Jährige die Gebietsleitung einer Bank verantwortet und bis zu 60-Stunden in der Woche gearbeitet, derzeit sei er noch im Urlaub. „Hast du dich nicht lange genug ausgeruht? Willst du nicht langsam wieder etwas Ordentliches machen?“ – diese Fragen hört er in letzter Zeit oft. Aber Benjamin Heese hat keinen Druck. „Arbeiten wird hier als Mittelpunkt des Lebens gesehen, man identifiziert sich darüber“, sagt er, „Ich möchte nicht mehr komplett ins System zurück.“ Mit seinem ehemaligen Chef plant er nun ein Projekt mit Kindern. Ganz auswandern würde die Familie nicht, aber wenn das Projekt gut läuft, würden sie zwischenzeitlich gerne einige Monate in den USA leben.

Von Anne Knappe