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Potsdam Wenn das Tier sich vom Denken löst
Lokales Potsdam Wenn das Tier sich vom Denken löst
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13:22 18.10.2018
Rita Feldmeier als Haifa in „Occident Express“. Quelle: HOT/Thomas M. Jauk
Potsdam

„Occident Express“ von Stefano Massini ist die Geschichte einer Flucht. Haifa und ihre Enkelin Nassim in einer Siedlung im Norden Iraks sind die einzigen Überlebenden eines Massakers. Sie begeben sich auf die Suche nach einem sicheren Ort. Ein Hirte, der ihnen helfen will, wird von Terroristen erschossen. Er hinterlässt drei kleine Söhne. Nun ist Haifa mit vier Kindern auf dem Weg.

„Occident Express“ ist quasi tagesaktuell. Mit Wien, Köln und Kiel haben es gerade drei deutschsprachige Bühnen im Programm. Am Freitag ist die Premiere im Hans-Otto-Theater (HOT). Spielen werden Franziska Melzer, Jonas Götzinger, Arne Lenk und Rita Feldmeier, die mal Erzählerin, mal Haifa ist. Die Bühne im großen Theaterhaus ist karg. Ein Flügel, ein Stein. Arabische Sätze aus einem abgelegten Diktiergerät. So beginnt das Stück.

Rita Feldmeier ist seit 42 Jahren Ensemblemitglied am HOT. Doch etwas Vergleichbares habe sie noch nie gespielt. Zuletzt war sie 2005 als Luisa Meyer in dem Solostück „Welche Droge passt zu mir?“ in der Villa Kellermann durchgängig auf der Bühne.

Beim Willkommensfest im September 2015 in der Heinrich-Mann-Allee in Potsdam. Quelle: Friedrich Bungert

Auch „Occident Express“, „eine der wichtigsten und intensivsten Arbeiten der letzten Jahre, die ich hier machen darf“, ist als Monolog angelegt. Mit Musik, die treiben und bremsen kann. Mit Gefährten, die schon im nächsten Augenblick in die Rolle von Gegnern, von Feinden wechseln können. Manchmal ist es zwischen ihnen so still, dass es schmerzt. Das Publikum sitzt auf der Bühne in Hufeisenformation mit Augenkontakt zu den Schauspielern.

Rita Feldmeier war unter den Helfern, als im Herbst 2015 die ersten Busse mit Flüchtlingen in der Heinrich-Mann-Allee ankamen. „Das war sehr bedrückend. Die Menschen, die da gekommen sind, waren sehr eingeschüchtert. Du hast gemerkt, was sie hinter sich hatten.“ Die Schauspielerin gab Frühstück aus: „Aber nur ab und an als Aushilfe, nicht wie andere regelmäßig.“ Im „Café der Begegnung“ in Stahnsdorf ist sie noch heute aktiv über einen Verteiler, „wo man sagt, wenn etwas gebraucht wird. Da organisiere ich mit. Ich bin sozusagen ein kleiner Springer.“

Abordnung des Hans-Otto-Theaters bei der Großkundgebung „Unteilbar“ in Berlin. Intendantin Bettina Jahnke hält das Plakat. Quelle: HOT/Fichtner

Willkommenskultur am Hans-Otto-Theater

Die Begegnung mit Flüchtlingen und der Einsatz für sie haben am Hans-Otto-Theater Tradition. So wurde kurz nach der Ankunft der ersten Busse im Herbst 2015 in der Reithalle ein Willkommenfest ausgerichtet. Vermittelt von Rita Feldmeier, kamen über das Café der Begegnung auch Gäste aus der Stahnsdorfer Unterkunft nach Potsdam.

Für Schlagzeilen sorgte im Mai 2016 die deutsche Erstaufführung des dokumentarischen Stücks „Illegale Helfer“ von Maxi Oberexer. Die AfD kritisierte vor der Premiere, das Hans-Otto-Theater feiere „Gesetzesbrecher“ und „täte gut daran, sein Programm zu überdenken“.

An der Großdemo des Bündnisses „Unteilbar“ für „Solidarität statt Ausgrenzung“ am vergangenen Wochenende in Berlin beteiligte sich eine HOT-Abordnung von 40 Mitarbeitern einschließlich Intendantin Bettina Jahnke.

Die Geschichte, die sie auf der Bühne erzählen, ist universell. „Ich gehe immer davon aus: Wie wäre es, wenn ich diejenige wäre, der dieses Schicksal passiert? Wir verdrängen immer: Uns geht es gut, bei allen Problemen, die es gibt. Denn wenn man keinen Krieg im Land hat, dann geht es einem gut.“

Einen Leitsatz hat das Stück zu Beginn und am Ende. „Wenn ich die Wahl gehabt hätte, ich hätte keinen einzigen Schritt getan.“ Noch seien die Erinnerungen wach an deutsche Fluchtgeschichten: „Ich kenne das von meiner Schwiegermutter, die aus Pommern fliehen musste mit drei Kindern, die sie wie ein Tier verteidigt hat.“

Nur einmal denkt Haifa ans Aufgeben. Sie müssen auf einen fahrenden Zug aufspringen. Die 60-Jährige wurde gewarnt: Alte würden das nicht schaffen. Dann kommt die Bahn. Die Kinder sind schon oben „und sie merkt: Die Beine wollen nicht mehr. Sie bleibt stehen, hat es aufgegeben, sich zu retten“. Doch dann „erwacht das Tier in ihr. Und wenn das Tier sich vom Denken löst, entsteht eine wahnsinnige Kraft. Und dann beginnt sie zu rennen.“

„Occident Express“ ist mehr als eine Fluchtgeschichte, sagt Rita Feldmeier: „Es gibt so viele Gedanken von dieser Frau, die allgemeingültig sind. Es geht darum, wie stark es ist, in Notsituationen Kraft zu entwickeln. Dieser Abend soll ganz viel Mut machen. Nicht aufzugeben, weiterzumachen. Ich denke, man kann sehr viel Positives für sich mitnehmen. Es soll nicht um Mitleid gehen. Es geht um Verständnis.“

Rita Feldmeier: „Es soll nicht um Mitleid gehen.“ Quelle: Bernd Gartenschläger

Nach jeder Vorstellung von „Occident Express“ gibt es für Interessierte ein Publikumsgespräch im Glasfoyer: „Wir werden immer reden nach der Vorstellung“, sagt die Schauspielerin: „Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass Lehrer den Mut haben, mit ihren Schülern zu kommen.“ Der Gedankenaustausch sei ihr wichtig. „Denn wenn wir politisch nicht aufpassen: Kann es nicht einmal anders kommen? Dass die Situation hier sich verschärft und umkippt. Sind wir dann vielleicht diejenigen, die fliehen müssen?“

„Occident Express“ endet im Ungewissen: „Es bleibt offen, ob Haifa und die Kinder in Stockholm ankommen. Sie sind auf der Mole, der Container wird heruntergelassen, in den sie sich einschließen lassen, und man weiß nicht: Wird es gefährlich sein, wenn die Luft nicht reicht, weil das Schiff nicht rechtzeitig ankommt? Es bleibt offen, ob sie das schaffen.“

Info Premiere am Freitag 19.30 Uhr. Weitere Termine: 28.10. und 11.11. jeweils 17 Uhr, 14. und 29.12, jeweils 19.30 Uhr.

Von Volker Oelschläger

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