Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Wellen, Segel und Feinheiten, in denen Schönes liegt
Lokales Potsdam Wellen, Segel und Feinheiten, in denen Schönes liegt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
20:12 14.05.2018
Dieses Bild ist Teil der Ausstellung "Bruch", die in der Kirche auf Nikolskoe am Pfingstsonntag um 19 Uhr mit einer Vernissage eröffnet. Quelle: Foto: Friedrich Bungert
Anzeige
Nikolskoe/Potsdam

Als schaue der Betrachter aus dem Wannsee-Wasser heraus und befinde sich selbst kinntief in dessen Wogen; der Horizont hat keine gerade Linie, sondern steigt in der Ferne an und ist gesäumt von wippenden Segelbooten. Über dieser Szenerie braut sich ein Sturm zusammen, blaugraue Wolkenschwadenberge, die sich in einem fort wie dichter Rauch übereinanderstülpen. Dieses Bild, in dem die Farben den Schatten und Kontrasten Vortritt lassen, ist eines der zentralen in der Fotoausstellung „Bruch“, die am Pfingstsonntag zur Langen Nacht der Offenen Kirchen in der Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe eröffnet wird.

Minimalistische Architekturdetails versus Dynamik und Drama

„Bruch“ ist die erste Einzelausstellung von Friedrich Bungert, der schon seit Jahren als freier Fotograf journalistische Arbeiten wie Porträts für die MAZ macht. Bjarne Mädel, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Landesbischhof Markus Dröge, Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier und viele andere bekannte Gesichter hat er bereits abgebildet, nicht nur für diese Zeitung. Die Ausstellung dagegen zeigt künstlerische Ausdrucksformen.

Anzeige
Eine der Segelfotografien, die in der Ausstellung zu sehen sein werden Quelle: Friedrich Bungert

„Der Titel „Bruch“ meint den Unterschied zwischen den Bildstilen: Zu sehen sind einerseits ruhige minimalistische Bilder aus dem Bereich Architektur, auf denen der Betrachter nicht gleich ein Objekt erkennt. Und andererseits zeige ich dynamische, dramatische Segelfotografien, die keine klassischen Sportfotografien sind“, sagt Friedrich Bungert. Letztere sind beispielsweise mit einer Unterwasserausrüstung entstanden. Bungert hat die Kamera im Unterwassersack für solche Aufnahmen immer wieder eingetaucht beim Segeln, das Auge mittendrin im Wellengang.

Zum Segeln kam der 22-Jährige als Jugendlicher zufällig, mit etwa 14 Jahren hat er die Segelprüfung in Berlin gemacht, segelte Laser und nahm an Regatten teil. „Aber Segeln ist für mich mehr Freizeit als Leistungssport“, sagt Bungert. Was ihn daran begeistert: „Du bist komplett allein. Jede kleine Bewegung wirkt sich aus. Du bist den Elementen ausgesetzt, dem Wasser und dem Wind.“ Es sei meditativ und herausfordernd, habe mit Taktik zu tun, man müsse sich mit dem Boot auskennen, viel basteln. „Im Prinzip sind alle Sinne angesprochen“, so Bungert. Vor ein paar Jahren konnte er verletzungsbedingt einmal selbst nicht segeln, aber begleitete seinen Trainer im Boot und machte Aufnahmen. Seitdem ist er der Segelfotografie auf Havel und Wannsee treu geblieben.

Der Versuch in Richtung Fine Art zu gehen

Wenn Bungert über das Fotografieren spricht, lassen sich Analogien zum Segeln finden. Die Leidenschaft begann damit, dass den gebürtigen Berliner die Mechanik faszinierte – aufziehen, auslösen, verewigen. Sich selbstständig mit einer Technik durchs Gefilde schlagen. Ein bedächtiger Beutezug, zugunsten des und der Gezeigten. „Ich war von Anfang an begeistert davon, dass man Momente auf Bilder bannen kann“, erzählt er. Die erste Kamera war analog, eine Minolta XD 7, sie gehörte dem Vater. Heute hat Bungert fünf analoge Kameras, drei digitale, zwei Spiegelreflex, eine Dunkelkammer, eine Systemkamera, zwölf Objektive, ein Unterwasserset, er arbeitet mit anderen Fotografen zusammen, etwa mit einem Kollegen, der auf Luftbildaufnahmen spezialisiert ist.

„Die Ausstellung ist mein Versuch in Richtung Fine Art zu gehen. Ich will meine Vertriebswege testen“, sagt der Fotograf. Die Architekturaufnahmen beschreibt er als „minimalistisch, abstrakt, mit wenig Vorgaben und viel Spielraum für die Betrachter“. Die Bilder sollen lange interessant sein, für Bungert sind sie „losgelöst von dem, was man den ganzen Tag über die verschiedenen Kanäle sieht“. Ein Abstraktionsversuch mit schlüssigem Bildaufbau, ein Blick auf „Kleinigkeiten, in denen sehr viel Schönes liegt“.

Israelische Moderne in preußischer Schinkel-Stüler-Kirche

Friedrich Bungerts Ausstellung „Bruch“ läuft bis zum 29. Juli 2018, die Finissage findet an diesem Tag um 19 Uhr statt. Quelle: Friedrich Bungert

Diese Ästhetik hat Antje von Streit in Bungerts Bildern gefunden. Über sie kommen die Werke jetzt großformatig in die Kirche auf Nikolskoe, oberhalb der Havel mit Blick auf Sacrow und die Pfaueninsel. Dort organisiert Antje von Streit seit einem Jahr Veranstaltungen. Im Oktober besuchte sie die Gruppenausstellung „Lichtraum“ von 20 Studenten des Studiengangs Screen Based Media (Audiovisuelle Medien) der Beuth Hochschule für Technik Berlin, kuratiert von Friedrich Bungert, der aktuell im 6. Semester studiert. Alle Erlöse gingen an die Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten – für die Bungert seit vier Jahren ehrenamtlich arbeitet.

„Ich fand die Bilder und das Engagement ganz großartig“, sagt Antje von Streit, der die Idee für eine Einzelausstellung des Fotografen kam. Sie mag den Kontrast der „Strenge, die klaren Linien“ der Architekturbilder, die neben „bewegten und bewegenden“ Segelfotografien hängen werden. Von Streit: „Beides passt gut in den kirchlichen Raum. Die moderne Architektur stammt ja aus Israel, wo der Ursprung des Christentums liegt und jetzt holen wir das in diese klassische, sehr preußische Schinkel-Stüler-Kirche“, die selbst gar keine Gemeinde hat, sondern eine reine Hochzeits-, Tauf- und Ausflugskirche und in der Unesco-Weltkulturerbe-Liste eingetragen ist.

Kirchensteuer ja, gläubig nein

Die evangelische Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe wurde zwischen 1834 und 1837 für die Bewohner der Pfaueninsel und von Kleinglienicke auf Erlass des Königs Friedrich Wilhelm III. erbaut. Sie beteiligt sich mit der Vernissage am Pfingstsonntag zur Langen Nacht der Offenen Kirchen. Quelle: Friedrich Bungert und Richard Gasch

Friedrich Bungert bezahlt in Berlin Kirchensteuer, ist Gemeindemitglied und dennoch „nicht gläubig, aber von vielen Punkten der evangelischen Kirche überzeugt: als Träger für Flüchtlingshilfe, Obdachlosenarbeit und Suchtberatung zum Beispiel“. Mit dem ländlichen Raum ist das ähnlich. „Ich bin sehr viel in Brandenburg unterwegs, weil ich ein naturbezogener Mensch bin. Mich zieht es zur Landschaft, zum Grün, ans Wasser“, sagt Bungert, der dann gern sein Handy ausschaltet. Und den Bruch zu Berlin genießt.

Info: Die Vernissage der Fotoausstellung „Bruch“ mit Jazz von der Combo Fifty Something findet statt am Pfingstsonntag, 20. Mai, 19 Uhr in der Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe, Nikolskoer Weg 17, 14109 Berlin.

Von Michaela Grimm

Anzeige