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Potsdam Freispruch trotz Pöbeleien im Gerichtssaal
Lokales Potsdam Freispruch trotz Pöbeleien im Gerichtssaal
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18:55 23.04.2014
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Potsdam

Torsten S. steht vor Gericht, weil er seinen Nachbarn mit der Faust zu Boden gestreckt haben soll, sodass der mit Schädel-Hirn-Trauma, aufgeplatzter Lippe und Gedächtnisverlust in der Klinik landete. Zu beweisen aber ist ihm nichts. Er wird freigesprochen. "Das heißt nicht, dass wir Ihnen glauben", sagt Richterin Reinhilde Ahle. Der Tatvorwurf passe zu seiner Vita und zu seinem Verhalten. "Aber wir urteilen ohne Ansehen der Person und nur nach Tatsachen, die hier vorliegen." Torsten S. - gelernter Schlosser, Hartz IV, 50 Jahre, dem Alkohol zugetan - steht nicht zum ersten Mal vor Gericht. Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Verstoß gegen das Waffengesetz, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, fahrlässiger Vollrausch: 23 Einträge umfasst sein Vorstrafenregister. Er beschäftigt Gerichte in ganz Deutschland.

Jetzt wurde ihm Raub vorgeworfen. Er soll am 29. April 2011 den damals 23-jährigen Jörg S. zuerst in der Straßenbahn ins Kirchsteigfeld bedroht und ihn später an der Endhaltestelle geschlagen und ihm das Smartphone weggenommen haben. Zeugen für das, was sich vor gut drei Jahren ereignet hat, gibt es nicht. Das Opfer hat zudem die Erinnerung an den Vorfall verloren. Ob durch einen Schlag auf den Kopf - wie die Staatsanwaltschaft meint - oder durch einen selbst verursachten Sturz - wie der Angeklagte behauptet - ist nicht eindeutig zu sagen.

Unstrittig ist, dass sich die beiden Männer gegen Mitternacht in der Tram begegnen. Das zeigt das Überwachungsvideo. Er habe ordentlich getrunken, sagt Torsten S. "Die Stimmung war entsprechend locker und gelöst." Dann entdeckt er im fast leeren Wagen Jörg S. "Ich quatschte ihn aa - ich kannte ihn ja vom Sehen. Im Alkrausch war ich überschwenglich, redete immer weiter auf ihn ein. So in der Art: Was ist mit dir Herr Nachbar? Warum so verkrampft?" Torsten S. bedrängt Jörg S., setzt sich neben ihn, fordert den Jüngeren zu Klimmzügen heraus, um zu zeigen, was er noch drauf hat. Was er nicht mitbekommt - oder nicht mitbekommen will: Der "Herr Nachbar" fühlt sich bedroht.

An der Endhaltestelle steigen die Männer aus. Jörg S. fühlt sich weiter verfolgt. Er wählt mit dem Handy die 110. Sein Notruf ist dokumentiert. Der junge Mann bittet um Hilfe, sagt dann "Da kommt er schon wieder!", es folgt Geschrei, plötzlich bricht das Gespräch ab. Als der wachhabende Polizist zurückruft, springt die Mailbox an.

"Ich sah ihn auf mich zurennen und ab da weiß ich nichts mehr", sagt Jörg S. vor Gericht. "An einen Schlag kann ich mich nicht erinnern, auch nicht daran, dass mir das Handy weggenommen wurde - aber es muss so sein. Dass ich gestürzt bin, halte ich für unwahrscheinlich." Torsten S. steht zur Tatzeit unter vierfacher Bewährung - er dürfte ein vitales Interesse daran gehabt haben, den Notruf zu unterbinden.

Die Staatsanwaltschaft forderte ein Jahr Haft, die Verteidigung den vom Schöffengericht schließlich aus Mangel an Beweisen verhängten Freispruch. Am 9. Mai muss Torsten S. dennoch ins Gefängnis - eine seiner Bewährungen wurde widerrufen.

Von Nadine Fabian

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