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Potsdam Nach Streit mit der Stadt: Chefs der Potsdamer Verkehrsbetriebe hören auf
Lokales Potsdam Nach Streit mit der Stadt: Chefs der Potsdamer Verkehrsbetriebe hören auf
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00:22 12.05.2019
Im März versprachen Oliver Glaser (li.) und Martin Grießner weniger personalbedingte Ausfälle im Bus- und Bahnbetrieb. Sie hielten Wort, sind jetzt aber selbst ein Personalausfall. Foto: Varvara Smirnova
Babelsberg

Alarmstufe Rot beim Verkehrsbetrieb in Potsdam (ViP): Die Geschäftsführer Oliver Glaser und Martin Grießner geben auf Druck der Kämmerei der Stadt ihre Führungsposten auf. Nach MAZ-Informationen sind die Bedingungen der Vertragsauflösung noch unklar; also weiß auch niemand, wann die beiden gehen. Für eine Stellungnahme waren sie am Mittwoch nicht erreichbar. Die Stadtverwaltung bestätigte den Vorgang nicht, doch war von Stadtverordneten zu hören, dass die Personalien bei Aufsichtsrats-Sondersitzungen des ViP am Donnerstag und der Stadtwerke am Freitag behandelt werden.

Kämmerer beanstandet Beratervertrag

Wie aus gut unterrichteten Kreisen der Stadtwerke zu erfahren war, beanstandet Finanzdezernent und ViP-Aufsichtsratschef Burkhard Exner (SPD) einen Beratervertrag des Verkehrsbetriebes mit einem externen Unternehmen, bei dem eine hohe sechsstellige Summe geflossen sein soll, ohne dass dies von der Stadt genehmigt war. Ein Schaden sei der Stadt durch diese Ausgabe nicht entstanden, heißt es. Zudem soll Exner nur widerstrebend eine einstellige Millionensumme für Planungsleistungen bewilligt haben, die nötig sind, um eine Straßenanbindung nach Krampnitz herzustellen. Ohne diese Planung werde sich die Tram-Anbindung von Krampnitz deutlich verzögern, sollen die ViP-Chefs gewarnt haben. Exner soll verärgert gewesen sein, dass die Geldforderung für die Krampnitzplanung erst Ende 2018 vorgelegt wurde.

Gerüchteküche brodelt seit Freitag

Die Gerüchteküche in den Stadtwerken brodelt, seit am vergangenen Freitag bei einer Führungskräftetagung des kommunalen Konzerns die beiden ViP-Chefs, ProPotsdam-Geschäftsführer und Stadtwerke-Interimschef Jörn-Michael Westphal sowie Stadtentsorgungschef Burkhard Greiff überraschend fehlten. In der Führungsebene der Stadtwerke ist der Konflikt zwischen Exner und den ViP-Geschäftsführern seit längerem bekannt, schon bis in die Belegschaften durchgesickert.

Dem Finanzdezernenten ist der ViP offenbar zu teuer. Um die Verlängerung der Combino-Straßenbahnen von Siemens um zehn auf 40 Meter soll es zehn Monate heftige Auseinandersetzungen gegeben haben. Exner soll im Dezember 2018 vom Verkehrsbetrieb verlangt haben, ab 2020 eine Million Euro einzusparen.

ViP braucht 150 Millionen

Von 2015 bis 2019 gab es ein 50-Millionen-Euro-Investitionspaket. Um die Vorhaben für die kommenden Jahre wird seit Ende 2018 heftig gestritten. Die Verträge seien unterschriftsreif, sagte Glaser damals noch. Er sei „guter Hoffnung“, dass sie bald abgeschlossen werden. Von einem künftigen Bedarf über 150 Millionen Euro ist bislang die Rede.

Martin Grießner (56) ist seit Januar 2004 beim ViP und seit Ende Mai 2011 Geschäftsführer. Er trat die Nachfolge von Martin Weis an, der um seine Freistellung gebeten hatte. Weis war seit 2004 Geschäftsführer; der Aufsichtsrat hatte ihm vorgeworfen, den ViP totzusparen.

Der Verkehrsbetrieb in Zahlen

Der 1994 gegründete Verkehrsbetrieb in Potsdam (ViP) ist Partner des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB).

Er betreibt sieben Straßenbahn- und 25 Omnibuslinien sowie eine Fährverbindung.

Bei einer Streckennetzlänge von etwa 29,8 Kilometern (Gleislänge: 59,6 km) nutzen jährlich etwa 34 Millionen Fahrgäste das ÖPNV-Angebot des ViP, täglich rund 83.000.

Drei Viertel der Potsdamer leben weniger als 300 Meter von einer Haltestelle entfernt.

407 Mitarbeiter hat das Unternehmen laut eigener Internetpräsentation. 100 arbeiten bei der Tram, 142 beim Bus, 2 bei der Fähre, 165 in Werkstatt, Infrastruktur und Verwaltung.

53 Trams sind unterwegs: 18 Tatras, 17 Combinos und 18 Varios.

54 Busse sind im Bestand: 40 Niederflur-Gelenkbusse und 14 Niederflur Standard-Busse.

Das Netz verfügt über 618 Haltestellen (Tram: 133, davon 122 barrierefrei; Bus:448)

Schon 2016 kündigte Grießner an, seinen zum 17. Januar 2017 auslaufenden Geschäftsführervertrag nicht verlängern zu wollen. Er war dem Vernehmen nach nicht damit einverstanden, dass die Stadt ihren Stadtwerken größeren Einfluss auf die Tochterunternehmen geben wollte. Grießner wurde aber vom damaligen Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) im Amt gehalten. Glaser (48) ist seit Januar 2013 technischer ViP-Geschäftsführer.

Kette erzwungener Abgänge

Der unfreiwillige Abgang von Glaser und Grießner reiht sich ein in eine Kette von Amtsenthebungen und Vertragsauflösungen in den Stadtwerken. Fünf Jahre nach der Demission des mächtigen Stadtwerkechefs Peter Paffhausen 2011 hatte die Stadt Anfang Mai 2016 Holger Neumann als Geschäftsführer der Energie und Wasser Potsdam (EWP) und Enrico Munder als Geschäftsführer der Stadtentsorgung Potsdam (Step) suspendiert; sie sollen einer Step-Prokuristin eigenmächtig Gehaltserhöhungen und Sonderzahlungen zugestanden haben.

Im Juni 2018 gab der Katastrophenschutz- und Feuerwehrchef Jörg Huppatz seinen Posten auf, den er erst zum Jahresanfang übernommen hatte. Angeblich hatte er keine geeignete Wohnung für sich und seine Familie gefunden, doch wenig später wurde bekannt, dass er einen Job in der freien Wirtschaft bekommen hatte. Aus gut unterrichteten Kreisen der Feuerwehr hieß es, Huppatz habe die Feuerwehr modernisieren und umbauen wollen, sei damit aber auf den Widerstand der Stadt gestoßen.

Anfang November 2018 teilte als nächstes dann EWP-Geschäftsführer Ulf Altmann mit, er müsse „Potsdam und die EWP mit größtem Bedauern aus persönlichen Gründen verlassen“. Er bat um vorzeitige Auflösung seines Vertrags zum Jahresende; der galt eigentlich bis April 2022. Wie sich herausstellte hatte er ein Job-Angebot aus Rostock: Er wurde Geschäftsführer der Nordwasser GmbH. Altmann hatte den EWP-Führungsposten erst im April 2017 gemeinsam mit Sophia Eltrop angetreten. In den Stadtwerken ist zu hören, er habe etwas verändern wollen, sei aber „anhaltend gegängelt“ worden. Altmann stammte aus Dresden und hatte bei verschiedenen Versorgern in Berlin und Brandenburg gearbeitet.

Von Rainer Schüler

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