Garnisonkirche: Kein Platz für unbequeme Kunst
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Potsdam Garnisonkirche: Kein Platz für unbequeme Kunst
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Garnisonkirche: Kein Platz für unbequeme Kunst

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18:50 04.10.2020
Stiftungsvorstand Wieland Eschenburg (M.) bei der ersten Führung durch die drei Tage dauernde Ausstellung im Rohbau des Turms der Garnisonkirche. Quelle: Peter Degener
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Potsdam

35 Künstler haben am vergangenen Wochenende drei Tage lang den Rohbau des Turms der Garnisonkirche zur Galerie gemacht – nun werden Zensurvorwürfe laut. Die Ausstellung „Blickwinkel 1.0“ sollte nach eigenem Bekunden „Stadträume, Sichtachsen und Positionen“ thematisieren. Nicht jede Position war dabei allerdings genehm, wie im Laufe der Ausstellung bekannt wurde.

Zwei Arbeiten wurden kurzfristig aus der Ausstellung entfernt

Die Künstler Bernd A. Chmura und Simone Westphal kritisieren, dass sie ihre für die Ausstellung geschaffenen Werke nicht zeigen durften. Die Kuratoren Lars Kaiser und Jeanne van Dijk hatten die Arbeiten, die sich kritisch mit der Geschichte der Garnisonkirche auseinandersetzen, unmittelbar vor der Vernissage am Freitag von der Ausstellung ausgeschlossen.

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Konkret geht es um ein rund vier Meter hohes Banner, auf dem die Kirche als Kulisse allein von einem Hitlergruß gestützt wird. Sie ist dabei mit fallenden Bomben und Symbolen des Nationalsozialismus dekoriert. „Die Kulissenstütze“ nannte Chmura das Bild.

Simone Westphal hatte eine kleine Filzfigur Adolf Hitlers angefertigt – dargestellt als Maler und mit einer amputierten rechten Hand. „Wenn Hitler zum Kunststudium zugelassen worden wäre und der Handschlag mit Hindenburg nicht stattgefunden hätte, wäre das alles vielleicht nicht passiert. Ich hab die Geschichte am Ort des Handschlags umgedeutet“, erklärt sie ihr Werk. Beide Werke sind von den Kuratoren der Ausstellung, Lars Kaiser und Jeanne van Dijk, nach emotionalen Diskussionen von der Schau ausgeschlossen worden.

Kuratoren: Arbeiten unpassend und auch anders abgesprochen gewesen

Deren Reaktion: „Wir haben uns gesagt, dass wir keinen ,Hitler’ auf der Ausstellung haben wollen, denn das erwartet jeder. Die Kunst kann mehr als nur einen Hitler zu bedienen. Mir war es zu platt“, so Kaiser zur MAZ. Zudem hätten sich Chmura und Westphal nicht an die Absprachen gehalten.

„Wir haben vor einem halben Jahr konkret besprochen, welche Werke wir hängen werden und was wir bezwecken wollen. Kurz vor der Eröffnung kam Bernd Chmura mit diesem Banner an, auf dem unserer Meinung nach Sachen waren, die nicht im Kontext zu den anderen Künstlern stehen und das für mich als Kurator auch wegen der Größenordnung nicht ausstellbar war.“ Seine Arbeit sei „sehr gut und mit spitzer Feder gemalt“, sei für die Schau aber weder passend noch geplant gewesen. „Ich habe als Kurator beschlossen, dass es nicht in diese Ausstellung hinein passt“, sagt Lars Kaiser. Bei Westphal sei es ähnlich gewesen – mit ihr war eine Filzpuppe von Preußenkönig Friedrich II. abgesprochen gewesen.

In der Ausstellung sind äußerst verschiedene Werke zu sehen. Quelle: Bernd Gartenschläger

Simone Westphal gesteht ein, dass sie sich äußerst kurzfristig umentschieden hatte, weil sie mit ihrem Friedrich-Werk unzufrieden war. „Ich frage mich, warum man eine Ausstellung an diesem besonderen Ort macht, wenn man sich nicht mit diesem Ort auseinandersetzen soll“, verteidigt sie die spontan geschaffene Filzfigur Hitlers. Sie ließ sich auf einen Kompromiss ein. Anstelle von Hitler steuerte sie eine bereits bestehende Figur Friedrich Nietzsches bei, die sie „Ersatzspieler“ taufte.

Das Gemälde „Übung“ im Hintergrund stammt von Menno Veldhuis. er setzte sich mit der militärischen Tradition Potsdams auseinander. Quelle: Bernd Gartenschläger

Chmura widerspricht: Sein Plan für die Karikatur sei bekannt gewesen

Bernd Chmura dagegen widerspricht der Darstellung der Kuratoren: Bereits seit dem Frühjahr hätten sie gewusst, welches Werk er beisteuern wolle und wie groß es werde. „Sie wussten, dass es eine Karikatur auf die Kirchengeschichte ist, die auch NS-Symbole verwendet“, sagt Chmura. Zuletzt seien noch einige Symbole hinzugekommen, die im ursprünglichen Entwurf gefehlt hatten.

„Aber offensichtlich passen derartige Kunstäußerungen nicht in das Bild, das die Stiftung Garnisonkirche gerne vermitteln möchte“, so Chmura. Sein Eindruck: Stiftungsvorstand Wieland Eschenburg, der sich an der emotional geführten Debatte beteiligt hatte, habe Druck auf die Kuratoren ausgeübt.

Kurator Lars Kaiser in einem Raum der Ausstellung mit einer Installation von Chris Hinze. Quelle: Peter Degener

Eschenburg: Schwarz-Weiß-Malerei lenkt von anderen Arbeiten ab

Eschenburg verteidigt die Entscheidung, die allein die Kuratoren getroffen hätten: „Wir haben einen gemeinsamen gedanklichen Ansatz für die Ausstellung, den alle Künstler kennen, die sich darauf eingelassen haben. Was Bernd Chmura vorgestellt hat, war einfach nicht für dieses Konzept geeignet. Es geht nicht, dass plötzlich ein Duktus in die Ausstellung gebracht wird, der von den Arbeiten der 35 beteiligten Künstler ablenkt und in genau die Schwarz-Weiß-Malerei übergeht, die wir unterbinden wollen.“

„Das ist für mich Zensur, ein Angriff auf die Freiheit der Kunst, wenn Arbeiten kommentarlos entfernt werden“, sagte Chmura. Der Ort habe ihn „geradezu herausgefordert, meine Arbeit auf das Gebäude und die damit verbundene Geschichte zu fokussieren. Für mich ist diese symbolträchtige Kirche vor allem ein Ort der unheiligen Synthese von Staat, Kirche und Militär.“

Chmura sagt von sich selbst, er sei kein Wiederaufbaugegner. Man dürfe jedoch bei der „Freude über die Wiedergewinnung eines stadtbildprägenden Bauwerkes nicht vergessen, welche Kräfte die schöne Kulisse gestützt und letztendlich auch gestürzt haben“, so Chmura.

Von Peter Degener