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Potsdam „Wir haben keine Angst. Bitte haben Sie auch keine Angst“
Lokales Potsdam „Wir haben keine Angst. Bitte haben Sie auch keine Angst“
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18:15 10.11.2019
Gedenken an Reichspogromnacht 1938 am 09.11.2019 in Potsdam am platz der Einheit und am Baufeld der neuen Synagoge mit Rabbiner Nachum Presman - Kristallnacht Quelle: Peter Degener
Potsdam

Über 400 Synagogen wurden in der Nacht zum 10. November 1938 in Deutschland geschändet und zerstört. Die Potsdamer waren damals keine Ausnahme.

An diese Reichspogromnacht wurde am Sonnabend auch in Potsdam erinnert – in Groß Glienicke, am Standort der alten Synagoge am Platz der Einheit, sowie am Baufeld der neuen Synagoge.

250 Menschen beim Gedenken zur Pogromnacht

Direkt neben der Hauptpost stand einst die Potsdamer Synagoge. Dort das Gedenken am Sonnabend. Quelle: Peter Degener

Über 250 Menschen waren zugegen, als am Platz der Einheit an die Zerstörung des prächtigen jüdischen Gotteshauses vor 81 Jahren erinnert wurde.

„Heute dürfen wir frei in diesem Land leben, doch manche sehnen sich nach dem alten Hass auf die Juden und andere Menschen. Wir gedenken der Juden, die damals verfolgt worden sind. Wir gedenken auch der beiden Menschen, die dem antisemitischen Anschlag in Halle zum Opfer fielen“, sagten Evgeni Kutikov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, und Stadtkirchenpfarrer Simon Kuntze gemeinsam vor der Kranzniederlegung.

Zu den opfern, denen am Sonnabend gedacht wurde, gehören auch die zwei Menschen, die beim Anschlag auf die Synagoge von Halle Anfang Oktober getötet worden waren Quelle: Peter Degener

Anschließend zogen die Menschen hinter das Filmmuseum zur Schloßstraße zum Baufeld der neuen Synagoge. Dort erschallten die Gebete und der Gesang von Rabbiner Nachum Presman über den Platz. Schüler des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums verlasen die Namen deportierter Potsdamer Juden. Junge Gemeindemitglieder entzündeten für die Opfer Kerzen an einem Davidstern auf dem Baufeld.

Am Ort der Synagoge erinnert diese Tafel an die Pogromnacht. Die Ruine des Gotteshauses wurde in den Fünfziger Jahren abgetragen und an gleicher Stelle ein Wohnhaus errichtet. Quelle: Peter Degener

„Wir haben keine Angst, bitte haben Sie auch keine Angst“

Bei den Gedenkreden kam auch der Neubau der Synagoge an diesem Ort zur Sprache. Wie die MAZ berichtete hatte, Ud Joffe, Vorsitzender der Synagogengemeinde, erst in der vergangenen Woche den architektonischen Entwurf infrage gestellt.

Am Sonnabend spielte er erneut auf den Streit zur Gestaltung und Nutzung des Hauses an: „Sicherheitsglas und Schleusen – damit sollen wir unsere Kinder für unsere Tradition gewinnen? Das ist schwierig, aber wir werden es versuchen. Wir werden ein fröhliches Haus errichten, einladen und ausstrahlen“, sagt er.

Angesichts eines wachsenden Antisemitismus in Deutschland sagte er: „Wir haben keine Angst, bitte haben Sie auch keine Angst.“

An dieser Stelle in der Schloßstraße hinter dem Filmmuseum soll die neue Synagoge gebaut werden. Ein Davidstern mit Lichtern erinnerte am Abend an die Opfer der Pogromnacht. Quelle: Peter Degener

Kulturministerin Martina Münch (SPD) wandte sich in ihrer Rede an Joffe und sagte: „Ich bin voller Hoffnung, lieber Herr Joffe, dass es gelingt, den Bau der Synagoge im nächsten Jahr zu beginnen, damit wir in einem Jahr nicht nur vor diesem Davidstern in der Baugrube stehen.“

Rabbiner Nachum Presman zeigte sich ebenfalls zuversichtlich: „Ich bin sicher, dass wir schnell eine Einigung finden. Ich weiß nicht wie schnell, das weiß nur Gott.“

Rabbi Nachum Presmann (r.) und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Ewgeni Kutikov, beim Gebet am Baufeld der neuen Synagoge. Quelle: Peter Degener

„Wir sind ziemlich weit und sollten den Weg nun zu Ende gehen“, sagte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD). Er erinnerte in seine Rede auch daran, dass Potsdam „zu dieser Zeit kein Hort des Widerstands“ war, sondern die Potsdamer von der Ausgrenzung der Juden aus allen Gesellschafts- und Lebensbereichen“ profitierten.

In Groß Glienicke brannten Nazis das Haus eines jüdischen Arztes nieder

Auch in Groß Glienicke wurde an die Pogromnacht erinnert. Im Alexanderhaus schilderte Ortsvorsteher Winfried Sträter am Sonnabend, was aus dieser Nacht bekannt ist.

„Wenn man in so eine Dorfgeschichte hineinschaut, sieht man, wie der Nationalsozialismus verankert war und im Dorf gelebt wurde“, sagte er. In der Ortschronik findet sich eine lapidare Notiz. „Ein Haus an der Seepromenade wurde in der Kristallnacht 1938 demoliert (war Jude)“ heißt es dort.

„Der jüdische Arzt Alfred Wolff-Eisner hatte dort sein hölzernes Wochenendhaus. Ein Trupp zog durch das Dorf und zündete das Haus an“, sagt Sträter. „Gar nichts erinnert dort an diese Geschichte. Ich sehe es als kommunalpolitische Aufgabe an, dort mit einer schlichten Gedenktafel darauf aufmerksam zu machen.“

Von Peter Degener

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