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09:25 26.04.2018
Etwa 350 Teilnehmer kamen zum Marsch „Potsdam trägt Kippa". Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Was für ein Bekenntnis gegen religiöse Vorurteile und Gewalt: Etwa 350 Menschen nahmen am Mittwochabend an dem Marsch „Potsdam trägt Kippa“ durch die Innenstadt teil – ein klares Zeichen gegen die antisemitischen Übergriffe; unter anderem in der vergangenen Woche am Berliner Prenzlauer Berg , als arabische Jugendliche den Träger einer jüdischen Kopfbedeckung attackierten. Zur Potsdamer Solidaritätsaktion hatten die Nagelkreuzgemeinde, die in der Nachfolge der Garnisonkirchengemeinde steht, mit der Jüdischen Gemeinde und der Synagogengemeinde eingeladen. Nicht gekommen war der ebenfalls angekündigte Imam der muslimischen Gemeinde, Kamal Abdallah, der ursprünglich auch am Brandenburger Tor sprechen sollte. Auf MAZ-Nachfrage erklärte Abdallah, er habe einen „spontanen Termin“ am neuen Moschee-Standort wahrnehmen müssen, dessen bauliche Abnahme heute erfolgt. Ein Vertreter sei auf die Schnelle nicht abkömmlich gewesen.

Die Landeshauptstadt Potsdam setzt ein Zeichen gegen Antisemitismus: Rund 350 Menschen kamen zum Marsch „Potsdam trägt Kippa“.

Anders als in Berlin, wo am Mittwoch eine Kundgebung in Neukölln nach Beschimpfungen durch Zuschauer aus Sicherheitsgründen abgebrochen wurde, blieb beim Potsdamer Marsch alles ruhig. Start war um 18 Uhr in der Seelenbinderstraße vor dem Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde, wo es ein christliches und ein jüdisches Friedensgebet mit der Pfarrerin der Nagelkreuzgemeinde, Cornelia Radeke-Engst, und Landesrabbiner Nachum Presman gab. Zuvor hatte man Kippas verteilt. Obwohl es im Judentum üblich ist, dass Männer die Kippa tragen, steckten sich am Mittwoch auch viele Frauen die kleine kreisförmige Mütze an den Hinterkopf.

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Jüdische Gemeinde lobt gelebte Vielfalt in Potsdam

„Ich bin wirklich stolz auf die Bewohner der Stadt – wir sind zwar nicht gleich, aber wir sind zusammen“, sagte eine Frau aus der Jüdischen Gemeinde mit Blick auf die vielen nicht-jüdischen Teilnehmer. „Das macht unsere Stadt besonders“, meinte auch Anna Antonova, die im jüdischen Jugendklub Lifroach mitarbeitet. In der Vergangenheit habe sie sich manchmal im Stich gelassen gefühlt; etwa als im Jahr 2012 Zettel mit antisemitischem Inhalt an der Gemeinde vorgefunden wurden. „Doch heute bin ich wirklich stolz“, sagte die 25-Jährige.

Die Kippa: Das Zeichen gläubiger Juden

Die Kippa ist eine meist in Ausübung der Religion gebräuchliche Kopfbedeckung männlicher Juden. Üblich ist sie beim Gebet, überhaupt an allen Gebetsorten wie beim Synagogenbesuch oder auf Friedhöfen; viele orthodoxe Juden tragen sie auch im Alltag.

Im Laufe der Zeit ist die Kippa zu einem Erkennungszeichen der Juden geworden, die den Sitten Israels treu sind und die Erfüllung aller Pflichten auf sich genommen hat.

Die Vertreter der Jüdischen Gemeinde mit dem Vorsitzenden Michail Tkach und der Synagogengemeinde rund um Ud Joffe betonten am Mittwoch die gelebte Vielfalt in Potsdam. Zudem sei es eine vergleichsweise sichere Stadt, sagte Evgeni Kutikow von der Jüdischen Gemeinde. Aber: „Wir fühlen uns unsicherer als früher.“ Die religiösen Veranstaltungen seien öffentlich zugänglich; zur Kontrolle des Zugangs gibt es nur eine Schließanlage. „Potsdam ist eine ruhige Stadt“, sagte Rabbiner Presman zur MAZ. Er sieht keinen Anlass zur Sorge – nur zu mehr Aufmerksamkeit. Gar nicht infrage kommt für ihn, auf die jüdische Kopfbedeckung im Alltag zu verzichten, um Ressentiments zu entgehen. „Wir müssen stolz sein, die Kippa zu tragen. Wir sind nicht nach Deutschland gekommen, um Angst zu haben.“ Mit Potsdamer Muslimen pflege man einen Dialog, betonte der Rabbiner.

Gefühl der Unsicherheit steigt bei Juden

Walter Homolka, Rektor des renommierten Abraham-Geiger-Kollegs zur Rabbiner-Ausbildung, findet „die Solidarität der Bevölkerung aktuell wichtig und wohltuend“. Dennoch will er nicht seine Sorge verhehlen: „Natürlich ist das Gefühl der Unsicherheit gestiegen.“ Während der Planungen für die Restaurierung des Hofgärtnerhauses am Neuen Palais für das Kolleg würden Fragen der Sicherheit „eine große Rolle spielen“, sagte Homolka, der derzeit auf Auslandsreise ist, am Mittwoch gegenüber der MAZ. Dass Zentralratspräsident Josef Schuster Einzelpersonen dazu geraten hat, sich das Tragen einer Kippa im öffentlichen Raum gut zu überlegen, kann Homolka nachvollziehen. Er selbst habe dieselbe Warnung schon 2012 nach dem Überfall auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter ausgesprochen.

Sozialdezernent Mike Schubert (SPD) betonte als Abgesandter der Stadt bei den Reden am Brandenburger Tor, dass auch weiterhin die Willkommenskultur gelebt werde. „Aber jeder und jede muss respektieren, dass wir Rassismus und Fremdenfeindlichkeit keineswegs dulden.“

Von Ildiko Röd

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