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Potsdam Zwei Städte zwischen den Weltkriegen
Lokales Potsdam Zwei Städte zwischen den Weltkriegen
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00:21 27.02.2019
Das Militär war omnipräsent in der Stadt Potsdam – nicht nur in den Kasernen, sondern auch im Kinderzimmer. Quelle: Bernd Gartenschläger
Innenstadt

Im Sommer 1929 spielte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei noch keine Rolle in Potsdam. Nur gut sieben Prozent der Wähler machten bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung ihr Kreuz bei der Partei Adolf Hitlers. Die Potsdamer waren mehrheitlich konservativ und wählten deutschnational. Sie dachten an die vergangene Größe als Residenzstadt der preußischen Herrscher und flaggten bei Gelegenheit gerne in den kaiserlichen Farben schwarz, weiß und rot. Das republikanische und demokratische Schwarz-Rot-Gold war einem großen Teil der Potsdamer zuwider.

„Die zum Himmel stinkende Republik“

Als sich der „Verfassungstag“ – der Nationalfeiertag der Weimarer Republik – am 11. August 1929 näherte, erhielt Otto Becker eine Nachricht. Der hoch geachtete, langjährige Organist des Glockenspiels der Garnisonkirche wurde anonym davor gewarnt, an diesem Tag „unter keinen Umständen über der Gruft Friedrichs des Großen irgendwelche Lieder spielen zu wollen. Die Stunde der Not und bittersten Trübsal verbietet die zum Himmel stinkende Republik noch zu feiern“, schreibt der Unbekannte „im Namen Tausender“ an Becker.

Potsdam-Museum Sonderausstellung Umkämpfte Wege der Moderne , Ausstellungsassistenz Jan Kostka und Drohbrief an Otto Becker Glockenspieler der Garnisonkirche Quelle: E-Mail-MVD

Fast 300 Fotos und über 200 Exponate werden gezeigt

Die mit der Schreibmaschine getippte Warnung kann seit diesem Wochenende im Potsdam-Museum betrachtet werden. Sie ist Bestandteil der neuen Sonderausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945“. Bis zum 23. Juni werden fast 300 Fotos und über 200 Exponate gezeigt, die die Entwicklung Potsdams und Babelsbergs von einem Weltkrieg zum nächsten exemplarisch zeigen.

Babelsberg, das damals noch Nowawes hieß, war republikanisch

Der Erzählung von Potsdam, das nach dem Kriegsende 1918 ohne Kaiser und mit geschrumpfter Reichswehr seine wirtschaftlichen Standbeine verloren hatte, steht darin der von Babelsberg gegenüber, das zu diesem Zeitpunkt noch Nowawes hieß und die größte Industriestadt des Kreises Teltow war. Nowawes war eine Stadt der Arbeiter, in der Sozialdemokraten und Kommunisten im Jahr 1929 fast 60 Prozent der Stimmen errangen. Hier war die Republik fest verankert. In Groß-Demonstrationen wurde das jeweilige Terrain markiert. Saalschlachten und Schlägereien in den politisch klar zugeordneten Lokalen gehörten zur Tagesordnung in der Weimarer Zeit.

Kuratorin Wenke Nitz: „Potsdam war Rückzugsort für Nostalgiker“

Potsdam war Rückzugsort für Nostalgiker einer vergangenen Epoche, die von den Entwicklungen vergangener Jahrzehnte längst überholt worden waren. Doch dieser symbolische Ort war auch umkämpft“, sagt Wenke Nitz vom Potsdam-Museum. Vier Jahre lang erarbeitete sie als Kuratorin die Ausstellung und hat mit den Mitarbeitern der Schau dabei auch Pionierarbeit geleistet. „Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in der Potsdamer Stadtgeschichte nicht aufbereitet“, sagt Nitz.

Die Kuratorin der Ausstellung Wenke Nitz Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Besucher der Ausstellung können den Gegensatz der zwei 1939 vereinigten Städte nachvollziehen. Die einfache Küche eines Arbeiters wird dem prächtigen Mobiliar eines höheren Beamten gegenüber gegengestellt. Eine Handpresse aus Babelsberg diente zum Druck von Flyern und politischer Propaganda, die sich in der Ausstellung wiederfinden.

Mit Hilfe alter Schulbänken werden die Reformbemühungen im Babelsberger Bildungswesen gezeigt, die möglichst allen Kindern einen Abschluss ermöglichen sollte. Doch es werden auch die nach 1933 von den Nationalsozialisten verfolgten Lehrer thematisiert.

Alte Potsdamer Schulbänke stehen symbolisch für die Reformbewegung im Bildungswesen. Quelle: Bernd Gartenschläger

Im Untergeschoss des Museums widmet sich ein großer Bereich der Kunstwelt dieser Epoche. Hier wird sichtbar, was Nitz die „Inseln der Moderne“ nennt, „die aus dem konservativen Milieu herausragen“. In zahlreichen Gemälde wird deutlich, dass die Avantgarde trotz aller Nostalgie nach der Kaiserzeit auch in Potsdam Fuß fassen konnte, es aber stets schwer hatte.

Gelungene Gestaltung mit zahlreichen Übersichtsplänen

Besonders gelungen ist die Gestaltung der Ausstellung. Üppige Fotowände laden zum langen Betrachten und Suchen ein. Mehrere große Stadtpläne sorgen für Übersicht in komplexen Themen – wo befand sich Militär in der Stadt? Wo hatten die Nationalsozialisten ihre Institutionen? Wo gibt es heute Stolpersteine für deportierte Mitbürger? Eine Hörstation wurde vom Gestaltungsbüro Freybeuter aus Groß Kreutz sogar mit Telefonhörern aus dunklem Bakelit-Kunststoff und mit geflochtenen Schnüren zeitgenössisch nachgeahmt.

Holzköpfe für ein Kasperletheater – geschnitzt von einem französischen Kriegsgefangenen in einem Potsdamer Zwangsarbeiterlager. Quelle: Bernd Gartenschläger

Fotografien prägen die fünf Räume und viele Aufnahmen werden erstmals gezeigt: Das rege Vereinsleben, das in der Weimarer Republik auflebte, wird in Bildern dokumentiert, auch die Veränderungen im Stadtbild durch das Neue Bauen und anschließend die Umgestaltung der Stadt unter den Nationalsozialisten.

Unbekannt waren auch Fotos des mit Hakenkreuzfahnen geschmückten Stadtschlosses und der Menschenmassen auf dem Alten Markt am „Tag von Potsdam“, am Beginn der Naziherrschaft 1933. Sieben Jahre später zeigen Bilder, die Nitz „einzigartig“ nennt, erneut den Jubel der Potsdamer, als siegreiche Truppen aus dem Frankreichfeldzug in die mittlerweile größte Garnisonstadt des deutschen Reiches zurückkehren. „Nicht wenige werden gehofft haben, dass der Krieg damit beendet sei“, so Nitz.

Die Schau ist bis 23. Juni zu sehen

Mit der Zerstörung Potsdams 1945 endet die Ausstellung. Dort wird ab dem 24. August der nächste Teil der Ausstellungsreihe „Umkämpfte Wege der Moderne“ anknüpfen: „Potsdam unter dem Roten Stern“.

Begleitprogramm zur Ausstellung

Kuratorenführungen finden am 28. Februar um 18 Uhr, sowie am 24. März und am 23. Juni, dem letzten Öffnungstag, jeweils um 14 Uhr statt.

Die Lesung „Welch ein Glück, in dieser Zeit zu leben!“ am 7. März um 18 Uhr hat Erinnerungen des Potsdamer Kunst- und Buchhändlers Karl Heidkamp zum Thema. Am 3. Mai um 18 Uhr wird aus den Memoiren der Babelsbergerin Martha Ludwig gelesen.

Mehrere Vorträge (jeweils um 18 Uhr) greifen Aspekte der Zeit auf: Am 25.4. spricht Kuratorin Wenke Nitz über „Potsdam als Spiegel der gespaltenen Republik“. Der Wohnungsbau von 1918 bis 1933 ist das Thema von Thomas Sander am 23. Mai. Um verfolgte Lehrkräfte im Nationalsozialismus geht es am 7. Juni und um die Potsdamer Verlage in den 1920er Jahren am 12. Juni (bereits um 14 Uhr).

Eine Führung zur Potsdamer Kunst dieser Epoche bietet Museumsdirektorin Jutta Götzmann am 16. Mai um 18 Uhr an.

Von Peter Degener

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