Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam „Es ist schwer zu vermitteln, was Freiheit bedeutet“
Lokales Potsdam „Es ist schwer zu vermitteln, was Freiheit bedeutet“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:34 09.08.2019
Jann Jakobs (l.) und Heinz Kleger waren die Gastgeber der Runde. Quelle: Bernd Gartenschläger
Berliner Vorstadt

Potsdams Ex-Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und der emeritierte Politologie-Professor Heinz Kleger haben ihre Feuertaufe als Talk-Moderatoren am Donnerstag in der gut besuchten Reithalle des Hans-Otto-Theaters erfolgreich bestanden. Nicht zuletzt auch dank der starken Protagonisten, die man unter dem Titel „Wunderbarer Osten?! Der Ost-Ost-Dialog“ eingeladen hatte: Theaterintendantin Bettina Jahnke, Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI), Dieter Wiedemann, Ex-Rektor der Filmhochschule, sowie Druckerei-Unternehmer Christian Rüss – alle mit viel Selbstreflexion und Eloquenz ausgestattet.

Wobei angesichts ihrer wechsel- und prallvollen Lebensläufe jeder der Gäste schon allein für sich locker einen Talk-Abend gefüllt hätte. Oft hätte man gern mehr gehört. Etwa wenn Bettina Jahnke von aufregenden Leipziger Studententagen erzählte, wo man hinter verschlossenen Seminargruppentüren durchaus offen über Gorbatschows Glasnost sprechen konnte, oder wenn Dieter Wiedemann über seine Arbeit beim Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung berichtete: Man habe zwar alles – von Homosexualität bis hin zur Klassik im Theater – erforschen können, doch die Ergebnisse landeten meist im Panzerschrank.

„Wunderbarer Osten?! Der Ost-Ost-Dialog“, so der Titel des neuen Talk-Formats. Auf dem Podium: Ex-Oberbürgermeister Jann Jakobs, Druckerei-Unternehmer Christian Rüss, Theaterintendantin Bettina Jahnke, der ehemalige Rektor der Filmhochschule, Dieter Wiedemann, HPI-Direktor Christoph Meinel und der emeritierte Politik-Professor Heinz Kleger (v.l.). Quelle: Bernd Gartenschläger

Christian Rüss und Christoph Meinel schilderten die Hürden, die man als Kind eines Pastorenhaushalts überwinden musste. Rüss blieb das Studium verwehrt, so dass er Buchbinder lernte – mit Anfang 20 war er der jüngste Buchbindermeister der DDR. Meinel konnte sich seinen Traum vom Studium nur erfüllen, indem er sich in der Produktion „bewährte“ – in seinen Papieren war als Herkunft ein „S“ vermerkt, Abkürzung für „Sonstige“, worunter Pastoren fielen. Lehrers­tochter Jahnke firmierte unter „I“ (Intelligenz). Mehr über dieses Gesellschaftskorsett zu erfahren, wäre für Menschen ohne DDR-Hintergrund sicher lehrreich gewesen.

Blick ins Publikum in der Reithalle. Quelle: Bernd Gartenschläger

Spannend: Der heutige Blick auf die ’89er-Zäsur und die damit verbundene Frage: Inwieweit stößt man an die Grenzen des Erzählbaren, wenn man Nachgeborenen von dieser einmaligen Erfahrung berichten will? „Es ist schwer zu vermitteln, was Freiheit bedeutet“, sagte Meinel. Zur Illustration schilderte er seine Grenz-Erfahrungen nach der Wende, als er von seinem neuen Arbeitsort Trier aus öfter in die westlichen Nachbarländer fuhr. Diese Grenzübertritte ganz ohne Restriktionen – für den Wissenschaftler ein unbändiges Freiheitsgefühl. „Ich habe jedes Mal gerufen: ,Guckt mal, wir fahren über die Grenze!’ Am Anfang haben die Kinder noch müde vom Gameboy aufgeguckt, dann gar nicht mehr.“

Für Jahnke wiederum bedeutet das Erzählen über diese jüngere Vergangenheit die Beschäftigung mit allgemeingültigen Themen – etwa jenem der Haltung.

Interessant fielen auch die Antworten auf Jakobs’ und Klegers Frage nach den Nach-Wende-Erfahrungen aus. Während Rüss auf der beruflichen Reise vom Buchbinder zum Druckerei-Inhaber das knallharte freie Unternehmertum bewältigte, sahen sich Meinel und Wiedemann mit einer Hochschullandschaft konfrontiert, die weder in Ost noch West zu den Wendegewinnlern zählte: „Alle Mittel aus dem Westen flossen in den Osten, zum Aufbau der Hochschullandschaft“, erzählte Meinel, der damals in Trier war. Wiedemann erlebte die Situation in Babelsberg auch als karg. „Von dem Geld, von dem du gesprochen hast, ist in der Filmhochschule nichts angekommen“, sagte er beim Talk humorvoll zu Meinel gewandt. Der Etat wurde gekürzt; in den ersten drei Jahren gab es nur Halbjahresverträge.

Jann Jakobs (links)und Heinz Kleger beim MAZ-Interview über ihren neuen Talk. Quelle: Bernd Gartenschläger

All diesen Herausforderungen begegneten die Gäste, indem sie für sich neue Wege beziehungsweise auch neue Antworten fanden. Bettina Jahnke etwa, die in den Turbulenzen der Wende am Sinn des Theatermachens gezweifelt hatte („Plötzlich war das Theater auf der Straße.“), die aber später erkannte, „dass Theater immer seine Geschichten finden wird“. Jahnke war es auch, die am Ende etwas Bedenkenswertes zu den künftigen Auflagen des Ost-Ost-Talks sagte: Auf dem Podium seien diesmal nur Menschen mit Erfolgsgeschichten versammelt – doch ist dies nur ein Teil der Wahrheit des Ostens.

Von Ildiko Röd

Potsdam Rekonstruktion des Wasserlaufs Bekenntnis zum Stadtkanal gefordert

In der Kooperationsvereinbarung des kommenden rot-grün-roten Bündnisses spielt die Wiederherstellung des Stadtkanals keine Rolle. In der Stadtverwaltung wird dagegen bereits am Herzensprojekt von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) gearbeitet.

09.08.2019

Im Freiland Potsdam versammeln sich dieses Wochenende Streetart-Künstler und malen ein Utopie-Wunderland. Neben den großen Flächen ist auch Platz zum selbst sprühen – und tanzen.

09.08.2019

Nach der Gassirunde mit dem Hund lehnte ein Umschlag an der Hauswand. Als die 14-jährige Lisa-Maria ihn öffnete, hielt sie einen anonymen Drohbrief und ein Foto ihres Hauses in den Händen. Inzwischen ist ein zweiter Fall gemeldet worden. Die Kriminalpolizei ermittelt.

10.08.2019