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Potsdam Was Corona für das Handwerk in Brandenburg bedeutet
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14:22 04.09.2021
Die Führungsspitze der Handwerkskammer Potsdam: Kammerpräsident Robert Wüst (l.) und Hauptgeschäftsführer Ralph Bührig.
Die Führungsspitze der Handwerkskammer Potsdam: Kammerpräsident Robert Wüst (l.) und Hauptgeschäftsführer Ralph Bührig. Quelle: Varvara Smirnova
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Potsdam

Die Handwerkskammer Potsdam konnte nach dem Corona-bedingten Ausfall im vergangenen Jahr nun am 28. August dieses Jahres wieder eine Meisterfeier ausrichten und 239 Handwerkern ihre Meisterbriefe überreichen. Kammerpräsident Robert Wüst und Hauptgeschäftsführer Ralph Bührig blicken auf ein bewegtes Jahr zurück.

Endlich wieder eine große Meisterfeier – nach zweieinhalb Jahren. Was ist das für ein Gefühl?

Robert Wüst: Es ist toll, dass wir unsere neuen Meister wieder auf einer Veranstaltung feiern können. Seit März letzten Jahres haben 239 Frauen und Männer die Meisterprüfung erfolgreich abgeschlossen. 183 davon werden bei der Feier in Potsdam dabei sein. Wir sind stolz auf unsere Handwerker und darauf, dass sich junge Leute für die Meisterausbildung entscheiden.

Ralph Bührig: Wir wissen, dass mit der Meistervorbereitung eine Menge Arbeit verbunden ist – bei den Jungmeistern und deren Familien, aber auch bei den Ausbildern in Götz, die in schwierigen Zeiten einen super Job gemacht und sehr schnell Online-Formate für die Fortbildung angeboten haben. Nicht zu vergessen: die Prüfer. Es war unsere große Sorge, ob wir unter Pandemiebedingungen Prüfungen durchführen können. Es ist uns aber mit dem Engagement aller Beteiligten gut gelungen. Dafür ein Dankeschön an alle.

Ist das ein besonderer Jahrgang?

Bührig: Die Pandemie hatte Auswirkungen auf alle Bereiche. Für uns alle war es daher ein besonderes Jahr. Für unsere Meisterschüler waren diese Bedingungen eine zusätzliche Herausforderung.

Wüst: Die Pandemie hat aber auch gezeigt, welche Zukunftschancen das Handwerk hat. Das hat sicher auch einige Handwerker dazu motiviert, ihren Job mit der Qualifizierung zu sichern und sich für die Zukunft optimal aufzustellen.

Die Feier zeugt von so etwas wie Normalität. Wie weit ist das Handwerk wirtschaftlich von der Normalität entfernt?

Wüst: Das ist derzeit unterschiedlich zu bewerten. Wenn es um die Corona-Pandemie geht, dann muss ich sagen, dass wir noch nicht wieder auf dem Vor-Corona-Stand sind. Der Bau- und Ausbaubereich ist vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Für andere Branchen ist es immer noch schwierig, die vergangenen anderthalb Jahre wettzumachen. Hinzu kommen weitere Probleme, die Corona verursacht hat: Materialengpässe, Preissteigerungen und nicht zu vergessen die schwierige Fachkräftesituation. Für viele Betriebe stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Wie entwickelt sich der Markt?

Welche Gewerke sind vor allem betroffen?

Bührig: Friseure und Kosmetiker, aber auch Veranstaltungstechniker und Messebauer waren von Schließungen betroffen. Bäcker und Fleischer mit Catering- und Cafébetrieb konnten zeitweise ihre Imbissbereiche nicht öffnen. Da hat es deutliche Umsatzrückgänge gegeben. Die Friseur- und Kosmetikbranche steht ja fürs Wohlfühlen – und das stellt sich mit Maske nicht so leicht ein. Es gab viele Diskussionen mit der Politik über den Umfang von coronabedingten Schließungen. Bei manchem Selbstständigen hat sich die Erkenntnis verstärkt, dass man als einzelner Betrieb einen schweren Stand hat und gerade in einer solchen Situation die Unterstützung der Berufskollegen und der Handwerkskammer braucht. Im Ergebnis hat sich bei vielen das Berufsverständnis geändert und der Wunsch nach Zusammenhalt ist gewachsen. So hat sich beispielsweise eine neue Landesinnung der Kosmetik als Interessenvertretung der Betriebe gebildet.

Wüst: Viele Gewerke haben aktuell mit Lieferengpässen bei Holz und Kunststoff zu kämpfen. Es mangelt an Chips für die Autoindustrie. Werden keine Autos gebaut, können sie auch nicht repariert oder gewartet werden. Das hat starke Auswirkungen für unsere Kfz-Betriebe.

Bei der Konjunkturumfrage im Frühjahr 2021 ging der Daumen aber leicht nach oben …

Wüst: Zu diesem Ergebnis hat vor allem das Bau- und Ausbaugewerbe beigetragen. Es war unsere starke Basis auch in den Monaten der Pandemie. Klar ist aber auch, dass es Unsicherheiten weiterhin gibt.

Und wie steht es um den Nachwuchs?

Bührig: Was die Ausbildungsverträge angeht, mussten wir 2020 nach dem guten Trend der letzten Jahre einen deutlichen Rückgang hinnehmen – auch coronabedingt. In diesem Jahr konnten wir den Negativtrend, der im Handwerk immer noch geringer als in anderen Branchen ausfiel, wieder umkehren. Wir haben deutlich mehr neue Ausbildungsverträge als vor einem Jahr. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir noch hinter dem Ausbildungsniveau von 2019 zurückliegen.

Woran liegt das?

Wüst: Das größte Problem ist, dass unsere Betriebe nicht die Möglichkeit hatten, in die Schulen zu gehen und für ihr Handwerk zu werben.

Bührig: Die Pandemie hat das Problem noch einmal verdeutlicht: Viele Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule ohne richtige Berufsorientierung. Durch Distanzunterricht fehlte der Kontakt zum Lehrer, es gab keine Praktika in den Betrieben, viele Ausbildungsmessen haben nicht stattgefunden. Digitale Ausbildungsmessen sind zwar eine gute Ergänzung, aber kein Ersatz für Präsenzangebote.

Im Frühjahr hat die Bundespolitik entschieden, dass die Ausbildungsprämien verdoppelt werden. Ist das die erwartete große Hilfe?

Wüst: Die Idee ist gut – die Umsetzung aber schlecht. Es kommen ja nur die Betriebe in den Genuss der Prämie, die wegen der Pandemie Kurzarbeitergeld beantragen mussten oder große Umsatzeinbußen haben. Das wurde anfangs gar nicht so deutlich kommuniziert. Aber damit werden gerade die Betriebe bestraft, die gekämpft haben, die alles versucht haben, ihre Mitarbeiter zu halten und ohne staatliche Hilfen klarzukommen. Was unsere Betriebe wirklich brauchen, ist eine dauerhafte Entlastung bei den Ausbildungskosten.

Privat haben viele Menschen die vergangenen Monate genutzt, um eine Art Neustart zu wagen. Gab es das auch bei den Handwerksbetrieben?

Wüst: Das lässt sich nur schwer übertragen. Ja, viele Betriebe haben sich in den vergangenen Monaten neu aufgestellt. Stichwort: Digitalisierung. Vieles wäre ohne die Pandemie nicht so schnell vorangegangen. Ich erinnere mich an Workshops zum Thema Online-Auftritt und Social Media. Die waren sehr gut nachgefragt.

Bührig: Deshalb spielt das Thema Digitalisierung eine große Rolle in unseren Beratungsangeboten. Den Betrieben stehen Berater kostenfrei zur Verfügung. Sie fungieren als Aufschließer: Sie zeigen Potenziale in den Betrieben auf, welche Prozesse digitalisiert werden können, etwa bei der elektronischen Rechnungslegung oder Buchführung.

Wüst: Wir haben aber auch gesehen, dass sich während der Pandemie einige Betriebsinhaber, bei denen die Nachfolge nicht geklärt war oder die vielleicht mehrfach von Schließung betroffen waren, umorientiert haben.

Das heißt: Betriebsaufgabe?

Wüst: Ja. Einige haben sich eine Anstellung gesucht oder die Branche gewechselt. Es gibt auch Betriebe, die diese Zeit nicht überstanden haben.

Bührig: Im Großen und Ganzen sehen wir aber keinen Anstieg der Insolvenzzahlen. Das Erstaunliche ist sogar, dass wir 2020 unter dem Strich einen Betriebszuwachs hatten. Wir hatten mehr Neueinträge als Löschungen. Das Handwerk hat sich insgesamt als krisenfest erwiesen und gezeigt, dass es auch in Zukunft gute berufliche Perspektiven bietet.

Welche Themen spielen im nächsten Jahr für das Handwerk eine Rolle?

Bührig: Natürlich die Fachkräfte. Viele junge Leute streben zum Abitur und Studium. Da müssen wir ansetzen und noch deutlicher machen, dass auch das Handwerk alle Perspektiven für eine erfolgreiche berufliche Karriere bietet. Da brauchen wir auch die Unterstützung der Politik.

Wüst: Auch die anstehenden Betriebsübergaben bleiben wichtiges Thema. Wir freuen uns über jeden Jungmeister, der den Weg in die Selbstständigkeit geht und den wir als Dienstleister des Handwerks unterstützen können.

Von Ute Sommer