Handwerk Potsdam: Keramiker-Künstlerin Anette Weber in Babelsberg verliert ihre Werkstatt
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Potsdam Traditions-Keramikerin verliert ihre Werkstatt in Babelsberg
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Handwerk Potsdam: Keramiker-Künstlerin Anette Weber in Babelsberg verliert ihre Werkstatt

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20:14 19.10.2020
Anette Weber soll ihre Werkstatt in Babelsberg räumen. Quelle: Varvara Smirnova
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Babelsberg

Die Keramikwerkstatt O-Ton am Plantagenplatz muss schließen. Wie Inhaberin Anette Weber der Märkischen Allgemeinen Zeitung sagte, hat der Besitzer des Hauses Eigenbedarf zum Wohnen angemeldet und ihr vor zwei Jahren gekündigt; drei Jahre Frist hat Weber. „Seit der Kündigung suche ich unablässig nach einem anderen Objekt“, sagt sie: „Doch es sieht extrem schlecht aus.“

Der Brennofen verkraftet viele und auch große Stücke: Er ist schwer und stromdurstig. Quelle: Varvara Smirnova

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100 Quadratmeter und starker Strom

Immerhin braucht sie nicht einfach nur wieder rund 100 Quadratmeter Fläche, sondern ebenerdig einen festen Aufstellplatz für den fast mannshohen Brennofen, der immerhin 850 Kilo wiegt und stündlich 32 Kilowatt Strom zieht. Dafür sind ein Starkstromanschluss und ein Abzug für die Brenngase nötig, die auf 1300 Grad kommen. In der alten Werkstatt ist dieser Abzug an einen alten Schornsteinschacht angeschlossen.

Fast 150 Jahre altes Haus

Anette Weber hat die Werkstatt vor 18 Jahren in einer früheren Polsterei an der Wichgrafstraße eingerichtet. Die Türen hatten Überbreite; der Ofen kam durch ein Garagentor rein. Sie macht dort teils großformatige Kunst, von der allein sie niemals leben könnte. Töpfer- und Keramikkurse für Interessierte vom Grundschul- bis zum Erwachsenenalter bringen das Geld zum Leben, doch in Corona-Zeiten ist auch das stark ausgedünnt und bedrohlich zurückgegangen.

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In der Sommerferienzeit ist so gut wie gar nichts los, aber in den Wochen und Monaten zwischen den Herbstferien und Weihnachten brummt es. Annette Weber soll ihr Atelier nun bis Ende 2021 verlassen haben, muss aber ab dem Sommer ausräumen und verliert das beste Quartal des Jahres. Die Schlüssel erst im Februar 2022 abzugeben, lehnen die Eigentümer ab.

Neuer Besitzer hat andere Pläne mit dem Haus

Der Besitzer ist nach Webers Kenntnis zwar gebürtiger Babelsberger, aber aus Augsburg wieder zurück gekommen. Das Haus mit der Werkstatt gehört zum Erbe – er habe andere Pläne damit, sagt Weber.

Die Zeichen stehen auf Räumung. Quelle: Rainer Schüler

„Gäbe es die DDR noch, müsste ich mir 200-prozentig keine Sorgen um meine Existenz machen“, sagt Weber: „Doch jetzt stehe ich vor dem Ende meiner Existenz.“ Sie habe etliche Objekte besichtigt; sie waren alle zu klein, nicht belastbar genug, viel zu teuer oder zu abgelegen oder alles zugleich: „Wenn mich keiner sieht, kommt keiner. Und Eltern machen für Kurse ihrer Kinder keinen Shuttle-Service.“

„Laufgegend“ ist optimal

Die jetzige Werkstatt liegt in einer „Laufgegend“ mit Grundschule, Gymnasium, Spielplatz und einer interessierten Nachbarschaft. Die macht ihr aber moralisch auch schwer zu schaffen, denn seit sie mit einem Aufsteller vorm Haus auf das Ende ihrer Werkstatt hinweist, gibt es immer mehr „Leidensgespräche“ und viele Ausweichtipps. „Wenn jetzt einer fragt: ’Wie geht es Dir?’ geht der ganze Fächer an Emotionen auf“, sagt sie: „Ich finde gar keinen Abstand mehr.“

Die Uhr läuft immer schneller ab

Gleichzeitig läuft der studierten Kunstkeramikerin die Zeit immer schneller davon. Die Idee, vielleicht bei einer Schule unterzukommen, erscheint ihr inzwischen unrealistisch aus verschiedensten Gründen: Zwar hätte manch Altbau-Schule große, ungenutzte Kellerräume, aber die bräuchten feuerfeste Türen, und es dürfte nichts Brennbares in der Nähe lagern. Auch der Publikumsverkehr wäre schwierig zu organisieren im fremden Objekt.

Anette Weber betreibt seit 18 Jahren das Atelier o-ton in der Babelsberger Wichgrafstraße nahe des Plantagenplatzes. Sie hat dort ihre Werkstatt und einen Laden als Show-Room. Das muss sie räumen.

Aufs Dorf ziehen kann sie auch nicht, weil ihr dann die Lauf- und Kurskundschaft fehlt und sie ihre Produkte auf Märkten verkaufen müsste, ein viel zu hoher Aufwand für die Einzelkämpferin. Auch wenn sie einen großen Ofen habe, machten Serienproduktionen keinen Sinn: „Ich käme preislich gar nicht an gegen China und Ikea.“

Kann das „Werkhaus“ sie retten?

Im Freiland hat sie sich erkundigt, im Waschhaus, im Treffpunkt Freizeit – nichts kam in Frage. Hoffnung setzt sie in das Werkhaus an der Rudolf-Breitscheid-Straße, das bereits eine kleine Keramikwerkstatt betreibt und auch Erwachsenenbildung im Programm hat. Eine Mitarbeiterin habe ihr signalisiert, dass eine professionell geführte Werkstatt passen würde und es auch Raum dafür geben könnte. Sie wartet noch auf Rückmeldung vom Verein Inwole, der das Werkhaus betreibt.

„Prinzipiell können wir uns das als Verein gut vorstellen, weil sich hier die Bedürfnisse kleiner, kreativer Gewerbeunternehmen mit unseren Ideen selbstbestimmter, sozialer Eigenarbeit gut verbinden lassen“, sagte Holger Zschoge vom Inwole-Verein: „Deshalb sind wir auf jeden Fall weiter an einer Zusammenarbeit interessiert. Gleichzeitig ist der Fall von Frau Weber leider ein weiteres Beispiel, was die kommunale Orientierung der Mietenpolitik am Markt mit dieser Stadt und ihren Menschen macht.“

Studiert auf Burg Giebichenstein

Anette Weber hat im thüringischen Bürgel ihren Facharbeiter für Töpferei gemacht und auf Burg Giebichenstein (Sachsen-Anhalt) Kunst studiert. Sie hat einen Abschluss in Reprofotografie. Seit 1994 ist sie selbstständig, erst in Werder, jetzt in Potsdam-Babelsberg. Sie hat zwei Kinder, die in Ausbildung stehen und für die sie sorgt.

Anette Weber muss ihre Keramikwerkstatt aufgeben. Quelle: Varvara Smirnova

Die Werkstatt war zum Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und vom Großvater des jetzigen Besitzers als Polsterei eingerichtet worden. Bauliche Details wie die Metall-Sprossenfenster auf der Straßenseite dürfen nicht verändert werden. Die Mauern sind nur eine Steinlänge dick und die Einfachscheiben lediglich eine Windbarriere. Ohne Außen- und Innendämmung bedarf die Werkstatt einer kostspieligen Heizung. Die hohen Betriebskosten sind nur über Einnahmen aus den Kursen zu erwirtschaften. Viele Kurs-Teilnehmer fangen bei ihr im Grundschulalter an und machen bis zum Abitur weiter.

Einzelstücke, keine Massenware

Bei Anette Weber werden keine großen Stückzahlen gefertigt, und es wird keine fertige Gusskeramik bemalt in den Kursen. Hier lernen die Teilnehmer, ihre eigenen Formen zu schaffen und die ganze handwerkliche Kette bis zum fertigen Stück zu bewältigen. „Da kann man viel lernen, und es dauert seine Zeit“, sagt Weber, „die Keramik ist mein Leben und meine Existenz. Ich kann nichts Anderes. Ich fühle mich nicht berufen, auf dem Markt Socken zu verkaufen.“

Tag der offenen Ateliers

Der Wechsel in ein anderes Objekt würde ein Kraftakt. „Einmal mit dieser Werkstatt umziehen, ist wie einmal abbrennen.“ Wer der Keramikerin helfen kann oder einen Tipp hat, wohin sie umziehen könnte, gehe auf die O-Ton-Webseite oder rufe sie an unter 0331/7409880. Am 25. Oktober nimmt sie teil am Tag der offenen Ateliers, muss aber wegen der Corona-Pandemie diesmal auf Mitmachangebote verzichten.

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Von Rainer Schüler