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Potsdam Potsdam als Hauptstadt der Hausbesetzer
Lokales Potsdam

Hausbesetzer in Potsdam

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08:16 30.06.2021
Im Oktober 1993 forderte das Bundesvermögensamt von den Besetzern der Hegelallee 5, das Haus besenrein zu übergeben. Sie nahmen die Aufforderung wörtlich.
Im Oktober 1993 forderte das Bundesvermögensamt von den Besetzern der Hegelallee 5, das Haus besenrein zu übergeben. Sie nahmen die Aufforderung wörtlich. Quelle: Matthias Littwin
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Potsdam

Ein indisches Restaurant im Souterrain und darüber eine Anwaltskanzlei - das ist die Hegelallee 5 gleich neben dem Potsdamer Verwaltungscampus heute. Vor gut 25 Jahren aber machte das Haus durch eine satirische Kunstaktion von Hausbesetzern regional Schlagzeilen.

Unmittelbar nach der gewaltsamen Räumung des autonomen Kulturzentrums Fabrik in der Gutenbergstraße 105 im September 1993 besetzt, forderte das Bundesvermögensamt als Hausverwalter die Nutzer kaum vier Wochen später auf, die Villa besenrein zu übergeben.

Fotografen der MAZ waren oft dabei. Hier eine Auswahl von Bildern aus den wilden 1990er Jahren in der Potsdamer Innenstadt.

Zum Termin präsentierten fein gekleidete Besetzer im Beisein von Lokalpresse und Schaulustigen eine Puppenstube mit der Aufschrift „Haus Besenrein“.

Die Hegelallee 5 blieb noch bis Februar 1994 Kulturzentrum, dann setzten die neuen Eigentümer einen Räumungstitel durch und mauerten die Fenster zu.

Schwarzwohnen und Hausbesetzer

Die Geschichte des „Hauses Besenrein“ ist eine von unzähligen Anekdoten aus den 1990er Jahren, die der Potsdamer Historiker Jakob Warnecke für seine Dissertation zum Thema „Schwarzwohnen und Hausbesetzungen“ in Potsdam zusammengetragen hatte. Ende November 2017 an der Fakultät für Kunst, Geschichte und Orientwissenschaften der Universität Leipzig verteidigt, war die Arbeit anschließend in erweiterter Fassung im BeBra-Verlag als Buch erschienen.

Episodenhaft angerissen wurde die Geschichte der Hausbesetzungen in Potsdam und das Vorspiel Ende der 1980er Jahre durch sogenannte „Schwarzwohner“ schon in den 2017 erschienenen Wendezeit-Kompendien „Revolution in Potsdam“ von Rainer Eckert, „Im Riss zweier Epochen“ von Peter Ulrich Weiß und Jutta Braun, sowie der im Westfälischen Dampfbootverlag erschienenen Textsammlung „30 Jahre Antifa in Ostdeutschland“.

Die 1987 in Opposition zum SED-Staat gegründete Potsdamer Antifa-Gruppe hatte im Dezember 1989 mit der Dortustraße 65 die erste offizielle Hausbesetzung in Potsdam initiiert und blieb auch in den Jahren danach eine treibende Kraft in der Szene.

Warneckes fast 300 Seiten starkes Buch „Wir können auch anders - Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren“, ist die erste umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, die sich ausschließlich diesem Thema widmet. „Wir können auch anders“ war der Titel eines Nachwende-Roadmovies, das 1993 in die Kinos kam.

„Wir können auch anders“ stand auf dem Transparent an der Spitze eines Demonstrationszuges, mit dem 150 Besetzer und Sympathisanten am Tag danach zunächst friedlich gegen die Räumung der Hegelallee 5 protestierten.

Die Demonstration, die mit eingeschlagenen Fensterscheiben in Geschäften und Banken auf der einen, mit Polizeigewalt, dem Einsatz von Schlagstöcken, Hunden und vielen Verhaftungen auf der anderen Seite endete, war der Auftakt für eine neue Gewaltspirale.

Straßenfest vor der Dortustraße 65

Potsdam galt als die Besetzerhauptstadt Deutschlands, nirgendwo seien auf die Einwohner hochgerechnet so viele Häuser wie hier besetzt, hieß es Anfang der 1990er Jahre. Jakob Warnecke liefert die Zahlen dazu.

Unmittelbar vor der Wende standen in der maroden Innenstadt fast 3500 Wohnungen leer. Allein im Holländischen Viertel waren zehn Häuser von sogenannten Schwarzwohnern besetzt, die einfach ohne Mietvertrag eingezogen waren und von den Behörden meist geduldet wurden.

Cartoon von Georg Jarek im Stadtmagazin „Potz“, November 1993. Quelle: Georg Jarek

Der Dortustraße 65 als dem ersten, mit einem Straßenfest eröffneten besetzten Haus folgten zum Jahreswechsel 1989/90 rasch weitere, darunter die von jungen Filmkünstlern besetzte Albert-Einstein-Straße 15, die Benkertstraße 1, heute Sitz des Szenencafés „Leander“, und im Februar 1990 die Fabrik in der Gutenbergstraße 105.

1991 schließlich waren in Potsdam 30 Häuser gleichzeitig besetzt. Damals hatte die Stadt tatsächlich republikweit die meisten besetzten Häuser, schreibt Warnecke. Im Laufe der Jahre sollte sich die Anzahl zeitweilig besetzter Häuser insgesamt auf 70 erhöhen, als Ausweichobjekte geöffnete Adressen wie die Uhlandstraße 24 in Babelsberg oder die Zeppelinstraße 26 mit der Kneipe „Black Fleck“ sind nicht eingerechnet.

Das Mobilisierungspotenzial war beträchtlich

Die Anzahl der Hausbesetzer wurde von der Stadt Anfang 1994 auf 200 bis 250 geschätzt, das Mobilisierungspotenzial unter Studenten, Künstlern, Jugendlichen und schließlich auch Bürgerrechtlern aber war beträchtlich: Zu einer ersatzweise für eine abgesagte Demonstration ausgerufenen Kundgebung der „Initiative gegen die Kriminalisierung von Jugendlichen“ kamen am 5. März 1994 mehr als 600 Menschen auf den Platz der Einheit.

Besetzer-Kundgebung im März 1994 auf dem Platz der Einheit. Quelle: Roger Drescher

Und das Frühjahr 1994 brachte der Szene neue Adressen, darunter das 2000 geräumte „Bouman’s“ in der Kurfürstenstraße 5 und das „Archiv“ in der Leipziger Straße 60, bis heute das größte selbstverwaltete Kulturzentrum im Land Brandenburg.

Mit der Sanierung der historischen Bausubstanz schwanden stadtweit die Räume für alternative Wohn- und Lebensentwürfe. Das 2008 eröffnete Kulturzentrum „La Datscha“ an der Humboldtbrücke ist das letzte über lange Zeit besetzte Haus in Potsdam. Kurze, zumeist symbolische Besetzungen aber gibt es bis heute immer wieder einmal.

Interaktiver Stadtplan mit allen besetzten Häusern in Potsdam

Im Vergleich zu anderen Städten haben die Besetzer in Potsdam laut Warnecke weniger nachhaltige Spuren hinterlassen. Es entstand keine alternative Wohngenossenschaft wie in Leipzig und auch kein alternativ ausgewiesenes Szeneviertel wie in Dresden-Neustadt.

Doch die Besetzer haben die Kultur geprägt mit Institutionen wie dem Waschhaus und der Fabrik, die ihre Wurzeln in der Gutenbergstraße haben, mit der linksalternativen Rathaus-Fraktion Die Andere, die von Aktivisten der Besetzerszene und einem Abtrünnigen der SPD formiert wurde, mit dem SV Babelsberg 03, der unter dem Einfluss von Punks und Besetzern aus der Innenstadt zum „FC St. Pauli des Ostens“ wurde.

Info
Jakob Warnecke: „Wir können auch anders“, BeBra Wissenschaft Verlag; 286 Seiten, Paperback, 34 Euro, ISBN 978-3-95410-234-1

Von Volker Oelschläger

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