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Potsdam Helfen, wenn Worte zur Qual werden
Lokales Potsdam Helfen, wenn Worte zur Qual werden
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19:53 18.01.2017
Es ist nie zu spät, richtig lesen und schreiben zu lernen. Quelle: dpa
Potsdam

Schreiben, rechnen, lesen: Was in unserer Gesellschaft als selbstverständlich gilt, ist für unzählige Männer und Frauen eine Qual. In Deutschland gelten laut einer Schätzung der Universität Hamburg allein 7,5 Millionen Erwachsene als funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können nur unzureichend lesen und schreiben, sie verstehen einen Text nur schwer oder gar nicht, arbeiten sich mit Mühe von Buchstabe zu Buchstabe, von Wort zu Wort.

Auch in Potsdam leben erwachsene Menschen, die nicht fließend lesen und schreiben können. „Wie viele das genau sind, wissen wir nicht“, sagt die Leiterin des Grundbildungszentrums. „Bricht man die deutschlandweite Zahl prozentual auf Potsdam herunter, kommt man auf 14 000.“ Das ist natürlich keine belastbare Zahl, sie gibt aber ein Gefühl dafür, wie groß das Problem tatsächlich ist.

In Potsdam finden Betroffene seit einem Jahr schnell und unkompliziert Hilfe. Im Grundbildungszentrum an der Volkshochschule können sie sich beraten und einstufen lassen und mit kompetenter Unterstützung üben, was auch immer ihnen schwer fällt. Einmal in der Woche öffnen das Lerncafé Deutsch und das Lerncafé Mathe. Das Angebot ist kostenlos. Niemand braucht sich anzumelden und jeder entscheidet selbst, wie oft er wiederkommt. Wer intensiver arbeiten möchte, kann sich zu einem der Kurse anmelden. Die sind zwar auch kostenlos, doch regelmäßiges Erscheinen ist Pflicht.

Besser lesen, schreiben, rechnen: Das mögen sich viele wünschen. „Der Leidensdruck ist sehr hoch“, sagt Katrin Wartenberg. „Für die meisten Betroffenen ist funktionaler Analphabetismus aber ein Tabuthema. Schreiben und Lesen gelten hierzulande als Grundfertigkeiten. Wer das nicht kann, spricht nicht darüber.“ Beim Rechnen sei das ein wenig anders. Es sei für viele einfacher zuzugeben, dass sie in Mathe nicht so gut seien. „Beim Lesen und Schreiben ist die Scham größer.“

Viele fürchten das Vorurteil „Wenn man nicht mal das gelernt hat, dann stimmt mit einem etwas nicht“. Meist entwickeln Betroffene ausgeklügelte Strategien, um ihr Problem zu verheimlichen. Wer sich aber einmal überwunden und seinen Weg ins Grundbildungszentrum gefunden hat, dem fällt eine zentnerschwere Last vom Herzen, berichtet Katrin Wartenberg. Deshalb wolle man das Thema in diesem Jahr noch stärker in die Öffentlichkeit tragen, etwa auf Stadtteilfesten, Bildungsmessen, an wandernden Info-Ständen und mit Ausstellungen wie der, die ab 28. März im Bildungsforum zu sehen ist und den Titel „Lesen verbindet“ trägt.

Helfen können aber auch die Angebote für Nichtbetroffene. „Multiplikatoren“ heißen die im Schlachtplan des Grundbildungszentrums. Wer zum Beispiel in der Stadtverwaltung, in einem Bürgerhaus oder Verein arbeitet, ist so ein Multiplikator und kann sich schulen lassen, wie man Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten erkennt, wie man auf Betroffene zugeht, ihnen eine Brücke baut und sie über Hilfsangebote informiert. Bereits zwölf solcher Schulungen hat das Grundbildungszentrum im ersten Jahr seines Bestehens veranstaltet. Es hat zudem 53 Beratungen am Telefon oder persönlich durchgeführt, 87 Besucher in den Lerncafés begrüßt und 798 in der Lernwerkstatt Deutsch, die für Migranten eingerichtet und mit dem Weiterbildungspreis des Landes ausgezeichnet wurde. Die Lernwerkstatt ist übrigens nur eine von drei Kooperationen das Grundbildungszentrums. In den Oberlinwerkstätten führt es einen Lese- und Schreibkurs für Menschen mit Lernschwierigkeiten durch und an der Fachhochschule „Clara Hoffbauer“ eine Seminarreihe zum Thema Analphabetismus.

Einfach vorbeikommen und loslegen

Lesen, schreiben und rechnen üben, ist in den Lerncafés möglich. Wer mitmachen möchte, braucht nur vorbeizuschauen – ganz ohne Anmeldung.

Das Lerncafé Deutsch findet jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr in der VHS, Am Kanal 47, im Raum 2-12 statt.

Das Lerncafé Mathe öffnet jeden Dienstag von 15 bis 17.30 Uhr in der VHS im Raum 2-38.

Zu erreichen ist das Grundbildungszentrum unter 0331/2894574 und über gbz@rathaus.potsdam.de

Finanziert wird das Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes sowie von der Stadt. nf

Von Nadine Fabian

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