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Potsdam Wie viel Kaiserreich verträgt die Demokratie?
Lokales Potsdam

Historiker und Denkmalschützer mahnen zur Gelassenheit im Umgang mit Kaiserreichs-Symbolik

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20:27 26.10.2021
Kaiser Wilhelm II. auf einem Porträt im Neuen Palais.
Kaiser Wilhelm II. auf einem Porträt im Neuen Palais. Quelle: Ralf Hirschberger
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Potsdam

In der Debatte um den Umgang mit dem Erbe des Kaiserreichs hat der Chef der Stiftung Schlösser und Gärten, Christoph Vogtherr, auf Versuche der Vereinnahmung der Baudenkmäler hingewiesen. Erst in letzter Zeit habe es allein vier Wahlveranstaltungen der AfD vor Schlössern gegeben. Auch eine Gruppe Reichsbürger habe sich vor dem Neuen Palais eingefunden, um das von ihnen behauptete Fortbestehen des Deutschen Reichs ins Bild zu setzen. Es handele sich noch um „keine breite Welle“, jedoch warnt der Schlösser-Chef: „Dieses Identifikationspotenzial ist da. Wir müssen aufklärerisch dagegenhalten.“

Vogtherr erinnerte auch daran, dass bis heute Monumente im Stadtbild ziemlich unangefochten hingenommen würden, die offen die Niederschlagung der demokratischen Bewegung 1848 feierten: Das Triumphtor am Winzerberg und das Michaelsdenkmal in Babelsberg. „Wir müssen Informationen und Positionen liefern, die für unsere Besucher hilfreich sind“, folgerte Vogtherr.

Der Stiftungs-Chef sprach als Teilnehmer auf dem ersten von vier Foren, zu denen das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam und die Stiftung selbst geladen haben. Die Reihe ist eine Reaktion auf die die Hohenzollern-Debatte um Entschädigungsforderungen des ehemaligen preußischen Herrscherhauses. ZZF-Forscher waren selbst von den Hohenzollern verklagt worden. Am Dienstagabend ging es um das Thema: „Wie viel monarchisches Erbe verträgt die Demokratie? Das Kaiserreich zwischen Historisierung und Aktualisierung.“ Die Runde war erklärtermaßen bemüht, nicht erneut den Streit mit den Nachfahren der Dynastie aufzukochen. Stattdessen nahm man eine Bestandsaufnahme monarchischer Symbole vor.

Downton-Abbey-Sehnsucht

Über eine recht verbreitete Form des „soften“ Gedenkens ans Kaiserreich sagte Vogtherr, unter den Besuchern der Parks und Schlösser seien viele Menschen, die sich „in einer Art wohliger Downton Abbey-Vergangenheit suhlen“ und einfach erleben wollten, wie die adelige Oberschicht einmal gelebt habe.

Wie gefährlich präsent das Kaiserreich heute noch ist, darüber herrschte Uneinigkeit. Mit Hinblick auf die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche sprach ZZF-Direktor Martin Sabrow von der „toxischen Kraft der Steine“, welche die Gegner der Rekonstruktion fürchteten. Er erinnerte daran, wie lange – nämlich bis in die 1970er Jahre hinein - das Kaiserreich trotz Kolonialismus, Antisemitismus und kriegerischer Ausrichtung in der Bundesrepublik noch als die „gute alte Zeit“ verklärt worden sei. Die Verbindung des Kaiserreichs zum Holocaust sei in den vergangenen Jahren auch im Zug der Hohenzollern-Debatte herausgearbeitet worden.

Haben Steine etwas Toxisches?

Landeskonservator Thomas Drachenberg hielt dagegen, der Nachbau der Garnisonkirche bestehe weitgehend aus neuen Steinen. „Für mich ist da nichts Toxisches.“ Mythen entstünden erst, wenn Gebäude gar nicht mehr vorhanden seien. Der Bundesfinanzminister in Berlin zum Beispiel fühle sich „sehr wohl in einem Bau, der zwei Diktaturen gedient hat“, so Drachenberg.

Für eine unaufgeregte Betrachtung des Kaiserreich-Erbes sprach sich Ute Frevert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin aus. Diese Epoche sei „ein abgesunkenes Erbe, über das sich noch Historiker ereifern können, das sonst aber keinen mehr hinterm Ofen hervorlockt“. Sie halte auch die derzeitige Debatte um die Hohenzollern für „ein Strohfeuer“, das die breite Masse der Menschen nicht beschäftige. Das Kaiserreich habe mit der heutigen Lebenswirklichkeit der Menschen viel weniger zu tun als die Weimarer Republik, die etwa in der Popkultur immer noch präsent sei.

Gleichzeitig dürfe man viele Errungenschaften des Kaiserreichs nicht vergessen: Arbeiter- und Frauenbewegung seien sehr aktiv und sichtbar im Reich gewesen. Auf Reichsebene habe es ein demokratisches Wahlrecht gegeben. Selbst wenn das Parlament nicht allzu viel zu sagen gehabt hätte, sei dort etwa der Kolonialismus offen kritisiert worden. „Es gab eine fantastische Wissenschaftsszene, eine Modernität der Architektur, der intellektuellen Auseinandersetzung“, sagte Frevert. „Auch das gehört zu Preußen, zum Kaiserreich – jenseits der Schwarz-Weiß-Malerei.“

Von Ulrich Wangemann