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Potsdam Potsdamer Paar fürchtet sich vor Giganten am Gartenzaun
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Hochhaus-Projekt in Potsdam Am Stern: Einwohner fürchten Verdrängung durch Neubau

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06:37 26.04.2021
Angst vor den Hochhäusern: Roswitha und Frank Rübe in Potsdam
Angst vor den Hochhäusern: Roswitha und Frank Rübe in Potsdam Quelle: Bernd Gartenschläger, ECE
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Potsdam

Eine hohe Holzwand schirmt den Garten von Frank und Roswitha Rübe zum Stern-Center hin ab. Sie wurde nötig, als das Einkaufszentrum gebaut wurde. „Die Grundstücke hier liegen rund 80 Zentimeter unterhalb der Gerlachstraße. Die Leute haben deshalb ihren Müll zu uns hinab geworfen, versuchten durch unsere Gärten abzukürzen. Mit Flaschen wurden unsere Gewächshäuser zerstört“, sagt Frank Rübe. 

Holzzaun als Schutz vor Stern-Center

Die Holzwand beendete diese alten Sorgen. Sie waren harmlos im Vergleich zu dem, was das Ehepaar jetzt fürchtet: „Wir haben Angst, dass wir keinen Blick mehr zum Himmel haben“, sagt Roswitha Rübe und meint den Satz ganz ernst. Denn die Giganten kommen vor ihre Tür. 

Ein Holzzaun dient als Schutz vor dem Stern-Center. Quelle: Bernd Gartenschläger

„Wir hätten ja schon beim Bau des Stern-Centers oder von Drewitz flüchten können, aber ich hänge hier dran“, sagt Frank Rübe. Sein Großvater hat das kleine Haus 1929 inmitten von Feldern und nahe eines Waldes und abseits des Dorfes Alt-Drewitz gebaut. Seitdem rückten Verkehr, Lärm und Stadt immer näher an das Haus heran. 

Autobahn, Schnellstraße, Wohnblöcke

Zuerst wurde in den Dreißigerjahren eine der ersten Autobahnen des Landes, die heutige A 115, rund 800 Meter entfernt am Haus vorbeigeführt. 1974 zog Frank Rübe selbst in das Haus, um fortan seine Großmutter zu pflegen. Damals wurde die Nutheschnellstraße in 200 Meter Entfernung angelegt. Ende der Achtzigerjahre musste Rübe den halben Hektar Acker, der seiner Familie gehörte, an den Staat abtreten, damit das Wohngebiet Drewitz gebaut werden konnte – der nächstgelegene Plattenbau ist nur etwa 50 Meter entfernt. In den Neunzigerjahren wurde dann das Stern-Center in ähnlicher Distanz zu seinem Gartenzaun errichtet. 

Frank Rübe und seine Frau Roswitha dachten, dass es nicht schlimmer kommen könnte, als tagein und tagaus den Liefer- und Besucherverkehr des größten Einkaufszentrums der Region hören zu müssen. Dann lasen sie in der MAZ vom Hochhausprojekt „Wohnen am Stern“. Zwei 64 Meter hohe Wohntürme werden ihnen direkt hinter das Haus gesetzt. Der Abstand vom Gartenzaun: Etwas mehr als zehn Meter. 

Blick auf 17-Geschosser statt in die Sterne

Früher hat Frank Rübe mit einem Teleskop die Sterne über Drewitz beobachtet. In ein paar Jahren leuchten nur noch die Fenster der 17 Obergeschosse über seinen Obstbäumen. „Ab dem 6. Stock können die bei uns hineinschauen“, ahnt seine Frau. Sie fürchten um Fallwinde, wie sie sie vom Stern-Plaza kennen – am bislang einzigen Hochhaus neben dem Stern-Center sei es immer stürmisch, sagt Roswitha Rübe. Es wird lauter werden, und auch wieder dreckiger. „Da wird einiges herüberfliegen“, sind sich die beiden sicher. 

Wohnen am Stern“: Hochhaus-Projekt am Stern-Center Potsdam. Quelle: ECE / Baumschlager Eberle

64 Jahre alt sind die beiden Eheleute. Sie stammt aus Werder, er wurde in Babelsberg geboren. Beide lernten bei der Defa, arbeiteten danach im Studio Babelsberg. Nach einem langen Leben voller Arbeit und der Pflege ihrer Eltern und Großeltern sind sie in den vergangenen zwei Jahren in den Ruhestand gegangen. Ihre Tochter lebt in Nordrhein-Westfalen. Die beiden haben vor allem sich und ihren Garten. Dort stehen gepflegte Obstbäume. Es gibt einen kleinen Teich, vor allem aber sind große Gemüsebeete für die beginnende Saison vorbereitet. Frank Rübe ist zudem Amateurfunker. Bislang ragt allein der Funkmast hinter dem Haus in den Himmel. 

Potsdamer hoffen auf Gespräch mit ECE

Sie hoffen zwar, dass die Hochhäuser nicht gebaut werden, und wissen doch, dass das nicht realistisch ist. Mehr als 800 Wohnungen sollen entstehen, die Stadt schafft angesichts des dringend benötigten Wohnraums mit Eile das Baurecht für die ECE Gruppe aus Hamburg, der auch das Stern-Center gehört. 

„Wir verstehen die Wohnsituation in Potsdam. Aber wir wollen einmal sagen: Alle, die das Projekt befürworten, wohnen nicht hier. Wenn sie hier wohnen würden, fänden sie es ebenso bedrohlich. Das ist viel zu eng“, sagt Roswitha Rübe. Sie hoffen auf die angekündigten Gespräche der ECE mit den Anwohnern und auf eine Kontaktaufnahme der Verwaltung.

„Es belastet ihn massiv. Er fühlt sich bedroht“, sagt Roswitha Rübe über den Zustand ihres Mannes. Dann schließt sie sich mit ein: „Es ist bedrohlich, dass nicht auf uns Rücksicht genommen wird.“ Ob sie noch hier leben wollen, wenn der Bau beginnt, wissen sie nicht. Kommt kein Umzug in Frage – trotz der langen Familiengeschichte an diesem Ort? „Wir überlegen das. Es geht jeden Tag hin und her.“

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