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Potsdam „Im Bewusstsein, das Kind töten zu wollen“
Lokales Potsdam „Im Bewusstsein, das Kind töten zu wollen“
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20:41 04.05.2018
Ein Justizmitarbeiter (l.) nimmt einem wegen Mordes Angeklagten (M.) im Gerichtssaal die Handschellen ab, während sein Anwalt Christoph Balke zusieht. Quelle: dpa
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Potsdam

Ein aufwühlender und für viele Beteiligte schmerzhafter Indizienprozess hat am Freitag ein vorläufiges Ende gefunden: Die erste große Strafkammer am Landgericht Potsdam hat im zweiten Anlauf den 38-jährigen Ricardo H. des Mordes an seinem Ziehsohn schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Der Tod eines Schöffen hatte der ersten Verhandlungsrunde im Dezember 2017 unerwartet das Aus bereitet – an jenem Tag sollte der Verteidiger plädieren. Nach dem Lebenslang-Plädoyer von Staatsanwalt Peter Petersen wollte Christoph Balke damals auf Freispruch gehen – der Anwalt blieb bei seiner Forderung und hat nun eine Woche Zeit, mit seinem Mandanten Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

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Es gab keinen Augenzeugen

Ricardo H. hat stets abgestritten, am 29. März 2014 den anderthalbjährigen Sohn seiner damaligen Lebensgefährtin mit einem Mix aus Schmerz- und Schlafmitteln, die er selbst seit Jahren wegen einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse nimmt, vergiftet zu haben. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Theodor Horstkötter ist nach zwölf Verhandlungstagen jedoch von der Schuld des Angeklagten überzeugt – obwohl es keinen Augenzeugen gebe, bestünden keinerlei Zweifel.

Schwer wiegt demnach die Art und Weise der Tötung. „Der Kleine ist mit Medikamenten vergiftet worden, die Sie stets und ständig benutzt haben und deren Wirkungsweise sie genau kannten“, so der Richter. Dass das Kind, das noch nicht einmal laufen konnte, allein an die in einem hohen Arzneischrank verwahrten Tabletten gelangt ist, sei auszuschließen.

Er hatte Angst und war neidisch

Das Tatmotiv hat das Gericht in der Beziehung des Angeklagten zu seiner damaligen Freundin Friederike K. (30) ausgemacht; diese habe im März 2014 auf Messers Schneide gestanden. „Sie wollten diese Beziehung retten, Sie wollten die Kindsmutter für sich behalten – da war Ihnen der Kleine im Weg“, so Horstkötter. Ricardo H. habe in dem Jungen eine Gefahr gesehen – zumal Friederike K. regen Kontakt mit dem leiblichen Vater des Kindes hielt. „Das belastete Sie schwer. Für Sie war klar und wurde immer deutlicher, dass Ihnen die wahre Vaterrolle nie zuteil werden würde.“ H. habe Angst gehabt und sei neidisch gewesen. „Sie haben sich entschlossen, das Leben des Kleinen zu beenden, weil Ihnen die Beziehung wichtiger war.“ Zugleich habe H. davon geträumt, in die Rolle des Trösters zu schlüpfen und die trauernde Mutter an sich zu binden.

Ein Dutzend Tabletten

Das Kind, das von einer beginnenden Lungenentzündung fiebrig und geschwächt war und viel quengelte, hat am Tattag laut toxikologischem Gutachten bereits mittags ein Schlafmittel bekommen: „Zu der Zeit, als Sie mit ihm allein waren“, so der Richter. Als das Kind dann Abendbrot essen sollte, habe H. alles für die Vergiftung vorbereitet. Er habe etwa ein Dutzend Tabletten bereitgelegt, um sie in den süßen Keksbrei zu mischen. „Ein mit Sicherheit tödlicher Medikamentencocktail, den Sie dem Kleinen mit dem Brei zugeführt haben – zugeführt mit dem Plan und dem vollen Bewusstsein, das Kind töten zu wollen.“ Die Untersuchung der Haare habe zudem gezeigt, dass das Kind mindestens fünf Monate vor seinem Tod regelmäßig von den Medikamenten bekommen hat.

Auch gegen Friederike K., die als Nebenklägerin auftrat, war zwischenzeitlich ermittelt und sogar Haftbefehl beantragt worden. Auf ihrer Seite sei aber kein Motiv erkennbar, so Horstkötter. Aber: Konnte Friederike K. in der engen Wohnung im Schlaatz verborgen bleiben, was da passiert? „Wir meinen – ja“, so Horstkötter. „Wenn der Täter äußerst vorsichtig, manipulativ und täuschend vorgeht. Und auch dann, wenn der Partner völlig arglos ist, nichts Böses ahnt.“

Von Nadine Fabian

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