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Potsdam Mit dem Rollstuhl durch Potsdam wird schwierig
Lokales Potsdam Mit dem Rollstuhl durch Potsdam wird schwierig
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00:40 06.05.2018
Im Elektrorollstuhl mit Norm-Maß: Alexander Wietschel (l.) mit Udo Sist auf der Erkundungstour durch die Stadt. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Innenstadt

Auf der Brandenburger Straße am Buchladen „Jokers“ muss Alexander Wietschel kurz die Luft anhalten. Er sitzt in einem Elektrorollstuhl mit Norm-Maß und zieht ein braunes Ledersofa auf Rädern hinter sich her. Das Sofa touchiert einen großen Bücherstapel, der kurz ins Wanken gerät, dem Streifzug aber dann doch standhält. „Das war eng,“ sagt Wietschel.

Der 49-Jährige hat sich das „Inklusionssofa“ ausgedacht – ein Projekt, das innerhalb der Potsdamer Inklusionstage stattfindet. Gemeinsam mit anderen Rollstuhlfahrern möchten sie die Innenstadt „auf Durchlässigkeit prüfen“, sagt er. „Überall, wo das Sofa nicht durchkommt, rufen wir das Ordnungsamt – notfalls auch die Polizei,“ erklärt Wietschel.

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Ein Meter Platz

Das braune Ledersofa ist exakt 1,05 Meter breit. Ausgehend von der Brandenburger Straße ziehen sie es quer durch die Innenstadt, um zu prüfen, ob ein Meter Spurbreite Platz ist. Das ist das Mindestmaß, das laut Stadt auf den Gehwegen zum Durchgang verbleiben muss, wenn Lichtmaste oder Verkehrszeichen aufgestellt sind und den Weg „punktuell einschränken“. Sonst müsse sogar ein freier Durchgang von 1,50 Meter verbleiben. Das besagt die Anfrage, die Wietschel bei der Stadt gestellt hat und ihm als seine Grundlage für das heutige Projekt dient. „Die Innenstadt ist gewachsen, die Barrierefreiheit muss nachwachsen“, sagt er.

Das „Inklusionssofa“ sei eine provokante Spitze. Er möchte Akteure zusammenbringen und draußen mit Leuten ins Gespräch kommen. Wietschel kann laufen, ist nicht auf einen Rollstuhl angewiesen. „Manche Menschen werfen mir Betrügerei vor, aber ich mache das stellvertretend. Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, möchte ich auf Augenhöhe mit ihnen sein,“ sagt der selbstständige Projektmanager. Er zeigt auf den kopfsteingepflasterten Vorplatz der Brandenburger Straße. „Sieht ganz normal aus, aber wenn man mit einem Rollstuhl rüber fährt, merkt man, welche Geräusche ein Unterkiefer erzeugt“, erzählt Wietschel. Udo Sist (30) findet den Einsatz von Wietschel super und unterstützt das Projekt. „Die meisten Menschen, die etwas ändern wollen, sind nicht behindert und wissen nicht, wie es ist,“ sagt er. Sist hat bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen und sitzt schon sein ganzes Leben im Rollstuhl. „Wir wollten mal etwas anderes machen, was man verstehen kann,“ erzählt er. Mit seinem YouTube-Kanal des eingetragenen Vereins „Normalo TV“ hält er die Aktion fest. Sist möchte vor allem auch der Stadt das Thema vor Augen führen. „Es ist wichtig, dass die Wege frei sind, weil es auch potenzielle Gefahrenquellen sind.“

Alexander Wietschel im Elektrorollstuhl mit Norm-Maß: In der Brandenburger Straße ist das Durchkommen teilweise sehr eng. Quelle: Bernd Gartenschläger

Radfahrer tragen Mitschuld

Immer wieder bleiben Fußgänger stehen und beobachten die kleine Gruppe mit sechs Leuten.„Super Sache“ rufen sie und zeigen einen Daumen nach oben. Beim Einbiegen in die Gutenbergstraße müssen die Cafébesucher ihre Stühle beiseiteschieben. Vor dem Café „Espressonisten“ bleibt Wietschel zwischen Verkehrsschild und Kundenstopper auf der Ladenseite hängen. Ein kritischer Punkt für die Rollstuhlfahrer. Erst mit Geruckel geht es weiter. Geschäftsführer Patrick Großmann (47) ist sich des Themas bewusst, könne aber auch nichts daran ändern, sagt er. Problematisch seien häufig die Fahrräder, die einfach an der Laterne angeschlossen werden. „Die machen das zum Nadelöhr,“ weiß Barista Moritz Wunderlich (38). Ähnliches berichtet auch ein Betreiber in der Jägerstraße:„Es nervt,“ sagt der junge Mann, der lieber anonym bleiben möchte. Ständig würden ganze Bündel mit Rädern vor dem Restaurant angeschlossen. Penibel achtet er darauf, dass der Durchgang frei bleibt. „Fahrräder haben einen hohen Einfluss auf die Begehbarkeit der Stadt, weil sie überall abgestellt werden,“ sagt Wietschel. Sein Lösungsansatz: „Wenn man Stadt neu definieren möchte, muss man Platz schaffen und etwa Verkehrsschilder umplanen, damit Bürgern im Rollstuhl, mit Kinderwagen oder Rollatoren der Weg geebnet wird.“

Das Ordnungsamt muss er aber nicht mehr rufen. Alle sind nachsichtig und bei dem sonnigen Wetter gut gelaunt. Die Gruppe um Wietschel möchte das „Inklusionssofa“ weiterführen. „Es kann gut sein, dass das Sofa demnächst irgendwo in Potsdam steht“, sagt Sist.

Von Anne Knappe