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Potsdam Wolfgang Joop: Was er an Preußen liebt – und was ihn an Potsdam nervt
Lokales Potsdam Wolfgang Joop: Was er an Preußen liebt – und was ihn an Potsdam nervt
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06:24 17.09.2019
Modemacher Joop sprach über seine Heimat Potsdam. Quelle: Michael Lüder
Bornstedt

Der Modemacher Wolfgang Joop hat seine Memoiren verfasst – „Die einzig mögliche Zeit“ erscheint an diesem Dienstag bei Rowohlt und kostet 22 Euro. Im großen MAZ-Interview spricht der 74-Jährige über sein Buch, sein Leben und seine Heimatstadt Potsdam.

Herr Joop, Ihre Biografie heißt: „Die einzig mögliche Zeit“. Warum dieser Titel?

Wolfgang Joop: Weil es nur diese eine Zeit für uns gab. Für einen Helmut Lang, für einen Karl Lagerfeld, eine Jil Sander und eben mich, einen Wolfgang Joop. Diese Zeit ist für uns vorbei, wir sind nicht mehr so important, man braucht nicht mehr den Lebensstil eines Designers, sein Parfüm, seine Unterwäsche, seine Bettwäsche. Und auch vieles andere war nur in dieser einen Zeit möglich, wie dieses Paar Karin und Wolfgang, das sich mit 19 in der Schule traf und alles ausprobierte – von der Fashion bis zum Sex. Doch irgendwann war jede dieser Zeitreisen vorbei.

Das klingt ein wenig wehmütig.

Nein. Ich habe diese einzig mögliche Zeit wirklich genutzt und genossen. Aber gerade aus diesem Gefühl heraus, das alles noch gedurft und riskiert zu haben, denke ich, dass ich mit dem, was da jetzt kommt, gar nicht mehr zurechtkomme.

In Potsdam wurde er geboren, seit vielen Jahren lebt er wieder in seiner Geburtsstadt: Modedesigner Wolfgang Joop.

Was meinen Sie?

Wissen Sie, die Welt ist am Limit, dieses ganze Konsumieren fordert seinen Preis. Wenn wir nicht untergehen wollen, muss sich einfach etwas ändern, wir können nicht immer so weiter machen, nicht weiter fressen, weiter durch die Welt fliegen, weiter mit unserer Landwirtschaft die Umwelt zerstören und Tiere quälen. Das hat ein Teil der jungen Menschen längst verstanden – auch in der Mode. Wenn die eins nicht tragen wollen, ist es ein schlechtes Gewissen. Das alles wird die Welt verändern. Und ich hoffe, dass meine Enkelkinder damit zurechtkommen.

Erzählen Sie ein bisschen mehr über Ihr Buch.

Ich habe Kapitel für Kapitel geschrieben, alles mit der Hand, ein Jahr lang. Dabei hatte ich nicht den Anspruch chronologisch zu sein, ich erzähle in jedem Kapitel eine andere Geschichte, auch viel über Fashion. Sie finden darin meine Anekdote mit Jil Sander, meine mit Antonio Lopez, meine mit Valentino – ich habe sie alle kennengelernt.

Und was erfahren wir über Sie?

Sie lernen einen Wolfgang Joop kennen, der eigentlich immer der geblieben ist, der er war – nur mit äußerlich anderem Outfit. Ich bin immer der Junge geblieben, der keine Vorbilder hatte, der heimatlos war, der nach dieser Sicherheit suchte, die ihm früher die Großmutter, die Kühe und Schweine gaben. Es ist ein bisschen wie aus dem Leben eines Taugenichts. Ich bin der Junge, der nie richtig aufpasste und nur bei Oma und Opa mithelfen wollte, immer dabei war und den die Großmutter unter der Schürze versteckte, wenn Fremde kamen.

Doch dieses Leben änderte sich, als Sie mit Ihren Eltern den Hof hier in Potsdam verließen und nach Braunschweig gingen.

Das war 1953, da hat man mich aus dem Bett gerissen und gesagt: Du bist jetzt weg hier. Weil man zu der Zeit mit Kindern ja keine Erwachsenengespräche führte, hatte man mich nicht darauf vorbereitet. Ich wusste nur, dass mein Vater schon gegangen war – und ich ihm nicht folgen wollte. Ich hatte hier meine Großeltern, meine Tanten, die Tiere, Leute, die halfen zu melken, zu buttern. Die lebten alle hier auf dem Hof und ich konnte mit all diesen – heute würde man sagen Schmuddelkindern – wunderbar spielen.

Wolfgang Joop vor einem Gespräch mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht im Juni 2019 in Potsdam. Quelle: Christoph Soeder/dpa

Sie waren keine zehn Jahre alt, als Ihre Kindheit hier in Potsdam endete. Was kam dann?

Dann lebten wir im Westen in dieser kleinen gemieteten Wohnung in Braunschweig und waren dort wie verhaftet. So etwas kannten wir ja nicht, meine Mutter und ich. Wir sind eben hier groß geworden, das war so eine eigene Welt, die sich selbst verteidigte. Ich erinnere mich, dass meine Mutter in Braunschweig die Wäsche in der Badewanne wusch und ich ihr beim Wäscherecken helfen musste. Da waren wir uns immer einig, dass alles zum Kotzen ist. Wir haben uns verlaufen, wenn wir einkaufen waren. Und meine Mutter kochte vier Rotkohlköpfe für vier Personen. Wir kriegten das dort alles irgendwie nicht gebacken und wir wollten auch nicht. Später verklärte meine Mutter diese Zeit, sagte immer zu mir: „Ach du hattest dort doch ein tolles Leben, so viele Freunde, so viel Freiheit.“ Ab einem gewissen Alter war sie nur noch dabei, alles zu korrigieren. Aber das ist vielleicht einfach menschlich.

Wie ging es Ihnen mit Ihrer Biografie? Wie ehrlich sind Sie darin mit sich selbst?

Ehrlich mit mir bin ich. Aber es schon manchmal ein bisschen schwierig, mit anderen ehrlich zu sein. Man will sich ja noch täglich sehen, da bin ich manchmal etwas vorsichtiger gewesen. Meiner Mutter habe ich aber schon ganz schön einen reingewürgt, obwohl ich sie über alles liebe. Aber es gehört zur Liebe dazu, dass man sich auch die Wahrheit sagt. Und die ist, dass sie auch unzuverlässig war und opportunistisch. Ansonsten gibt es nichts Gelogenes, nicht Erfundenes, nicht bewusst Unterschlagenes in dem Buch. Es war unterhaltsam genug.

Wie viel Potsdam findet sich in dem Buch?

Potsdam kommt dauernd vor, weil ich dauernd nach Potsdam zurückkehrte. Auch noch zu DDR-Zeiten. Das fing damit an, dass mich in den 1970er-Jahren bei einer meiner Modenschauen in Monte Carlo ein Herr ansprach, der für die DDR-Handelsgesellschaft „Textilkommerz“ arbeitete. Er bot mir an, gegen ein Dauervisum den DDR-Textilkommerz zu beraten. Das war grotesk.

Sie sollten Mode für den Osten machen?

Nicht für den Osten. Ich sollte die im Osten beraten, wie sie Mode für den Westen machen. Ich sollte ihnen Inspiration geben, denn sie hatten ja keine. Ich flog dann mit „Pan Am“ von Hamburg nach Berlin-Tempelhof und nahm ein Taxi zum Checkpoint Charlie. Und dort wurden mir die Augen verbunden und ich wurde irgendwo hingefahren, um 50 schweigenden Menschen etwas über das Streublümchen für die fröhliche Frau zu erzählen. Das klingt hysterisch und absurd, aber so war das.

War Ihnen das nicht unheimlich?

Du gewöhnst dich an die Unheimlichkeit, lernst damit umzugehen, nicht zu sprechen, nichts auszusprechen, immer drum herum zu eiern. Ich weiß nicht, wie gefährlich es damals wirklich für mich war. Und ich bin auch nicht auf der Suche nach dieser Wahrheit. Aber ich habe das Privileg unheimlich genossen, hierher kommen zu können. Und ich habe zum Glück immer jemanden gehabt, der mich begleitete. Erst 15 Jahre lang meine Ex-Frau Karin, dann seit mehr als 40 Jahren mein Partner Edwin Lemberg. Ich bin nicht so mutig, wie ich aussehe. Diesen ganzen Weg konnte ich nur machen, weil ich wusste, ich habe jemanden, der zu mir hält.

2003 kehrten Sie nach Potsdam zurück. Seitdem hat sich die Stadt sehr verändert. Wie haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen?

Als ich zurückkam, war ich zunächst erstaunt über die Stadtarchitektur. Es gefiel mir nicht, wie ein Semmelhaack (ein Bauunternehmer, Anmerkung der Redaktion) sich hier ausbreitete mit seiner Profitgier. Und es gab keinen Widerstand. Trotzdem ist Potsdam seit meiner Rückkehr schöner geworden. Ohne Frage. Doch es ist wie überall auf der Welt, es sind da diese paar reichen Leute, die investieren. Und das sorgt dafür, dass gerade viele Potsdamer das Gefühl haben: Wir liefern uns an die aus – wer auch immer die sind. Bei der Eröffnung des Barberini hat Hasso Plattner mal sehr deutlich gesagt: Da will man die Potsdamer beschenken und dann erschrecken die sich und mäkeln und fühlen sich beklaut und überrumpelt. Ich bin Potsdamer, echter Potsdamer und solche Ansprachen brauche ich eigentlich nicht. Oder? Habe ich bitte, bitte gesagt?

Hasso Plattner hat 2012 mit seinem Vorstoß, das Hotel Mercure abzureißen und dort eine Kunsthalle zu errichten, aber auch den besonderen Zorn der Potsdamer auf sich gezogen.

Das ist ein schwieriges Thema. Das Mercure ist ja nun wirklich hässlich. Aber ich kann als Potsdamer auch sehr gut verstehen, dass mir kein anderer kommen soll mit seinem Geld und seiner Ästhetik. Potsdam hat seine eigene Ästhetik, seine eigene Geschichte und seine eigene städtische Balance. Hier hat nicht nur der Krieg große Schäden angerichtet, sondern auch dieser Fortschrittsglaube der DDR, alles wegräumen zu müssen. Und doch bin auch ich heute im Konflikt: Will ich dieses Mercure oder will ich es nicht? Und letztlich will ich es gerne behalten, weil ich finde, dass man sich erinnern sollte. An die persönliche Geschichte, aber auch an dieses Hochhinauswollen der DDR, das sich im Mercure oder auch im Berliner Fernsehturm widerspiegelt.

Joop mit Heidi Klum bei den Dreharbeiten zu „Germany’s Next Topmodel“ (14. Staffel). Quelle: Prosieben/Richard Hübner

Heute kämpft Potsdam wie viele Städte mit dem Wachstum. Wohnen wird immer teurer, der Verkehr immer katastrophaler. Muss die Stadt mal auf die Bremse treten?

Ob die Bremse reicht, weiß ich nicht. Wir werden in Potsdam immer mehr, grauenvollerweise muss ich sagen. Ich denke, es müsste einen übergeordneten Entwurf geben, eine Kommission mit echten Profis aus allen Bereichen, die nach Lösungen suchen. Wir sind so schlau, dass wir auf den Mond fliegen können – und hier unten kriegen wir gar nichts mehr hin? Man könnte zum Beispiel den Autoverkehr aus der Stadt verbannen. Oder den Wasserweg mehr nutzen.

Können Sie sich denn vorstellen, sich in Fragen wie diesen in der Stadtpolitik einzubringen?

Wissen Sie, meine Lebenszeit ist sehr begrenzt. Und solche Sitzungen sind in der Regel schrecklich. Ein Gespräch mit ein, zwei Leuten geht ja noch. Aber wenn du dann diese wild gewordenen Menschen um dich hast, die sich eigentlich langweilen und sich dann wer weiß wie produzieren, das ist sowas von überflüssig. Ich glaube, dass mir diese Leute mir nicht genügen würden, da würde ich sehr ungehalten werden. Mein Vorschlag: Gründen wir wieder einen Club of Rome – oder auch einen Club of Potsdam.

Potsdam ist Ihre Heimat, die Sie – wie Sie schon oft betont haben – sehr lieben. Beschreiben Sie Potsdam.

Potsdam ist so ungewöhnlich undeutsch. Es keine so reizende Stadt wie Rothenburg ob der Tauber. Es ist auch nicht so elegant wie Hamburg-Pöseldorf, das ist ja so lackiert und wenn es geht, wird da noch ein weißer Anbau gebaut und `ne Lockente auf‘s Tischchen gesetzt. Und dann gibt es ein kleines Schaufenster, wo man von außen reingucken kann uns denkt: Scheiße, ist das elegant! Potsdam ist so berührbar und so berührt. Es ist so angefasst. Es ist kaputt gegangen und trotzdem heil geblieben. Und dann diese Nähe der Dinge. Ich kann, wenn ich will, ins Hotel Mercure in den obersten Stock fahren und komme mir vor, als wäre ich nochmal in dieser Lost-in-Space-Sputnik-Welt. Ist doch geil irgendwie. Und dann kann ich die Wege in Sanssouci gehen, die ich alle kenne seit meiner Kindheit. Schon früher habe ich gedacht: Mein Gott Fred, wie hast du das gemacht? Wen hast du alles geholt? Was waren das nur für tolle Gesellschaften? Schon damals hat man sich optisch elitär benommen. Es war nicht irgendwie ganz schön, sondern exzeptionell.

Noch heute ist Preußen in Potsdam an fast jeder Ecke präsent. Wie preußisch sind Sie?

Ich bin gerne Preuße. Alles, was man damit verbindet, ist für mich ein Gütesiegel. Ich finde, dass der Preuße so etwas Knappes hat, eine gewisse Selbstironie, einen Humor, der nicht grob ist und auf andere losgeht, dieser Humor geht auf sich selbst los. Das finde ich toll an Preußen. Und ich finde, dass man schlank sein muss. Der Preuße ist generell nicht fett. Es gab zwar welche, aber die waren dann aus Berlin. Meine Großmutter sagte immer: Berlin liegt 30 Kilometer von Potsdam entfernt, nicht Potsdam liegt 30 Kilometer von Berlin entfernt. Das heißt: Die Hauptstadt Preußens ist hier.

Das Projekt „Biografie“ haben Sie abgeschlossen. Was kommt nun?

Als ich das letzte Wort meines Buches nochmal umdrehte wie einen Stein, um zu schauen, ob da nicht noch etwas verborgen ist, kam ein tolles Angebot. Ich habe jetzt die Aufgabe angenommen, den exklusiven Hemden-Hersteller „Van Laack“ modisch in eine neue Zukunft zu begleiten.

Buch-Präsentation in Berlin:Montag, 23. September, 20 Uhr, Tipi am Kanzleramt. Moderation: Florian Illies.

Wolfgang Joops Autobiografie „Die einzig mögliche Zeit“ erscheint am 17. September bei Rowohlt. Quelle: Inge Prader

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