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Potsdam „Als Italienerin habe ich Potsdam immer tiefer in mein Herz geschlossen“
Lokales Potsdam „Als Italienerin habe ich Potsdam immer tiefer in mein Herz geschlossen“
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08:42 26.10.2019
Die Dozentin und Italienerin Antonella Ippolito ist 2006 nach Potsdam gezogen. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Potsdam steht 2019 im Zeichen Italiens. Zahlreiche Veranstalter haben das Thema aufgegriffen und dazu eingeladen, bei Lesungen, Vorträgen, Führungen, Konzerten, Ausstellungen und Festen Potsdams italienische Seite kennenzulernen. Doch wie italienisch ist Potsdam wirklich? Wie zuhause fühlt sich eine Italienerin in der Stadt? Antonella Ippolito ist in Palermo aufgewachsen und lebt seit 2006 in der Stadt. Ein Gastbeitrag.

Mit der Stadt mitgewachsen

Wenn ich an den Tag denke, an dem mein Mann und ich unser Leben in Potsdam begannen, kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen. In den drei Jahren davor war San Francisco unser Zuhause – eine Weltmetropole. Nun also Potsdam.

Die Dozentin und Italienerin Antonella Ippolito. Quelle: Friedrich Bungert

Es war ein außergewöhnlich heißer Sonnabend im Juli 2006, wir hatten gerade unsere Wohnung in Babelsberg betreten, als wir mit Erschrecken feststellten, dass alle Geschäfte nur bis mittags geöffnet hatten. Auf der Straße so gut wie kein Lärm, ein alter Mann saß hinter dem Fenster seiner Erdgeschosswohnung und streichelte eine Katze. Und ich konnte nicht umhin, an die ohrenbetäubende Sirene der kalifornischen Feuerwehr mit einer gewissen Nostalgie zu denken: Wer hätte vermutet, dass man so eine Qual sogar vermissen kann?

13 Jahre Potsdamerin

Es sind nun mehr als 13 Jahre vergangen, eine Zeit, in der sich Potsdam rasant verändert hat und fast nicht wiederzuerkennen ist. So haben wir nun den Eindruck, als wäre unsere Identität als Potsdamer mit der teilweise überraschenden, in mancherlei Hinsicht jedoch auch besorgniserregenden Entwicklung der Stadt mitgewachsen.

Die italienischen Touristen sehe und höre ich, wie sie vor der Pracht der Schlossparke sowie vor den riesigen Pumpernickelbroten im Bäckerschaufenster stehen und staunen. Meine eigene zweite Geburt als Potsdamerin erfolgte dagegen mit der Entdeckung der Jahreszeiten, so anders waren sie in dieser Stadt – sogar schockierend für jemanden, der die ersten dreißig Jahre seines Lebens in Süditalien gewohnt hatte.

Drei Dinge in der Stadt gelernt

Sucht man hier morgens Kleidung für den Tag, dann reicht es nicht, bloß aus dem Fenster zu schauen und ruck-zuck eine Entscheidung zu treffen, je nachdem, ob die Sonne scheint oder nicht. Denn man kann hier innerhalb eines Tages die vier Jahreszeiten erleben ... Ich habe dabei drei Dinge gelernt. Erstens: Auf Wettervorhersagen zu achten, hat doch einen Sinn (ob sie zuverlässig sind, ist eine andere Geschichte). Zweitens: Sollte es regnen, geht das Leben weiter (zu den wenigen Stereotypen italienischer Muttis, die sich hin und wieder bestätigen, gehört, dass sie uns mit der Mahnung erziehen: „Dove vai, che piove?“ – „Wo willst du hin, es regnet doch!“). Und drittens: Mit ganzem Herzen hasse ich Eis und Schnee – und damit basta. Schließlich habe ich in Potsdam auch verstanden, warum zu Weihnachten gebastelt, Kekse zum Adventstee gebacken und Schokolade getrunken wird: Wer würde sich zu dieser Zeit schon nach draußen trauen?

Aber es gibt auch so viel, das ich mit echter, unerschöpflicher Freude entdeckt habe. Potsdam hat eine wunderschöne Natur und bildhafte Orte zu bieten. Im Verlauf der Monate kann sich die Landschaft so faszinierend wandeln, was für mich als freischaffende Malerin besonders reizend ist.

Die Schönheit der Stadt fasziniert die Italienerin immer wieder. Quelle: Friedrich Bungert

Vielleicht klingt es banal, aber das Einsetzen des Laubfalls im Herbst oder das Wiederaufblühen der Natur im Frühling hatte ich bislang nur in den Grundschulbüchern gesehen: Das Schneeglöckchen zum Beispiel, il bucaneve, dieses für uns sagenhaft-mythische Blümlein, von dem man schrieb, es würde den Schnee durchdringen, um den Frühling anzukündigen. Plötzlich fand ich es vor meiner Tür – der Beweis, dass es wirklich existiert! Und dieser herrliche Duft des Flieders im April und der Lindenblüten im Juli, die wie eine Wolke aus Babypuder die ganze Stadt zu umhüllen scheinen. Bei meiner alltäglichen Joggingrunde muss ich immer wieder feststellen: So viel Wunderbares kann man hier innerhalb weniger hundert Meter erleben.

Stachelbeere war ihr erste Wort in alltagstauglichem Deutsch

Nicht zuletzt das heimische Obst. Vor 13  Jahren war Stachelbeere mein erstes Wort in alltagstauglichem Deutsch. Damals bekamen wir eine Schale davon geschenkt. Jetzt lerne ich jeden Sommer die Namen der vielen Sorten von Knupperkirschen, um sie leider wieder zu vergessen (was aber auch für Vorfreude auf die nächste Saison sorgt), und freue mich riesig auf das Maul- und Brombeerenpflücken auf dem Land.

Doch nicht nur ich als Italienerin habe Potsdam immer tiefer in mein Herz geschlossen. Mittlerweile kann man auch überall beobachten, wie sich die Faszination der Potsdamer für Italien über eine jahrhundertelange Tradition hinaus bis in die heutigen Tage fortsetzt. In dem globalisierten Zeitalter geht es jedoch nicht mehr nur um Architektur, Gärten und Kunst, wie bei der Italiensehnsucht des Alten Fritz und der preußischen Könige, sondern um die ewigen Mythen: Mode, Genuss und insgesamt das sogenannte mediterrane Lebensgefühl – oftmals ein imaginiertes, vor allem durch Urlaub oder Medien durchgefiltertes, in Gestalt von kulinarischem Erlebnis oder schicker Kleidung sofort zugreifbares Kulturbild.

Gerne geht die gebürtige Sizilianerin in der Stadt spazieren – nur bei Schnee bleibt sie lieber zu Hause. Quelle: Friedrich Bungert

Als Italienischlehrerin kann ich beobachten, dass mit der Liebe zu Italien auch das Interesse an der Sprache wächst. Zwar sind manche enttäuscht von der Erkenntnis, dass Italiener trotz viel Sonne, viel Kunst und international anerkannter Gastfreundlichkeit eine ziemlich schwierige Sprache anzubieten haben. Aber hat man diese Phase überstanden und nicht aufgegeben, dann fängt eine wirklich spannende Reise an: Ich kenne ein paar Potsdamer, die inzwischen über die italienische Geschichte fast mehr wissen als wir Italiener und die – ginge es nach mir – eine virtuelle Ehrenstaatsbürgerschaft verdienen würden!

Italienbegeisterte und Italieninteressierte in Potsdam könnten sich vielleicht, so mein Eindruck, noch über verstärkte Möglichkeiten freuen, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und sich mit der Kultur, Literatur und Geschichte Italiens auch außerhalb von Sprachkursen auseinanderzusetzen – am besten durch direkte Begegnungen. Die Zahl italienischer Restaurants in unserer relativ kleinen Stadt finde ich echt zwar beträchtlich, doch ein italienisches Kulturzentrum fehlt Potsdam.

Ein italienisches Kulturzentrum fehlt

Das Engagement des vor drei Jahren neu gegründeten Freundeskreises Potsdam-Perugia, der im Rückgriff auf die schon lange vereinbarte Städtepartnerschaft spannende Veranstaltungen anbietet, ist zwar ein signifikanter Schritt in Richtung der Entwicklung qualitativ hochwertiger Begegnungs- und Austauschräume.

Zu bedauern ist aber, dass in den Brandenburger Schulen kein Italienisch als zweite oder dritte Fremdsprache angeboten wird, sodass an der Universität Potsdam Lehramtsstudierenden der romanischen Sprachen diese Fachoption gar nicht mehr offen steht: Über die Sprache könnte langfristig eine noch tiefergehende Annäherung und ein intensiver kultureller Austausch mit Italien für jüngere Generationen entstehen – zumal die bereits vorhandene Faszination für Italien und das Interesse für Sprache, Kunst und Kultur die besten Prämisse dafür bilden.

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Von Antonella Ippolito

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