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Potsdam John Gersman – Emigrant, „Ritchie Boy“, Wohltäter
Lokales Potsdam John Gersman – Emigrant, „Ritchie Boy“, Wohltäter
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20:42 07.11.2019
Das Bild aus dem Führerschein von John Gersman, aufgenommen 1934. Quelle: Privat
Potsdam

Die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt war es, die den Begriff von der „Banalität des Bösen“ geprägt hat. Sie prägte ihn, nachdem sie 1961 in Jerusalem dem Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann beigewohnt hatte – einem Parade-Biedermann, der dem Massenmord ohne jegliches Unrechtsbewusstsein Vorschub geleistet hatte. Was zählte, war die bürokratische Pflichterfüllung. Wie erschreckend banal das abgrundtief Böse der „Rassenideologie“ daherkam, wird auch deutlich, wenn man das neue Buch über den Retter des Jüdischen Friedhofs, John Gersmann (Untertitel: „Flüchtling – Befreier – Besatzer – Wohltäter“), durchblättert. Die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt war es, die den Begriff von der „Banalität des Bösen“ geprägt hat. Sie prägte ihn, nachdem sie 1961 in Jerusalem dem Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann beigewohnt hatte – einem Parade-Biedermann, der dem Massenmord ohne jegliches Unrechtsbewusstsein Vorschub geleistet hatte. Was zählte, war die bürokratische Pflichterfüllung. Wie erschreckend banal das abgrundtief Böse der „Rassenideologie“ daherkam, wird auch deutlich, wenn man das neue Buch über den Retter des Jüdischen Friedhofs, John Gersmann (Untertitel: „Flüchtling – Befreier – Besatzer – Wohltäter“), durchblättert.

Der Jüdische Friedhof in den 1990er Jahren Quelle: MAZ/Peter Sengpiehl

Mitte April 1933 – kurz nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten – erhielt der 1911 geborene Siegbert Joachim Gersmann einen höflichen Brief seines damaligen Arbeitgebers. Das Kaufhaus Lindemann & Co (heute: Karstadt) in der Brandenburger Straße informierte den Fachverkäufer in der Gardinen-, Teppich- und Möbelstoffabteilung über die Ursache seiner Kündigung. „Wir sahen uns unter dem Druck der Verhältnisse schon vor einiger Zeit genötigt, Sie fristlos aus dem Anstellungsverhältnis mit uns zu entlassen.Wir möchten mit dem Heutigen noch einmal klar zum Ausdruck bringen, welche Gründe uns zu diesem schwerwiegenden Schritt zwangen.“ Eine Weiterbeschäftigung hätte der Firma „schweren Schaden gebracht“, sogar die wirtschaftliche Existenz des Unternehmens hätte auf dem Spiel gestanden.Grund: der „April-Boykott“, ein von der NS-Parteiführung initiierter Boykott gegen jüdische Geschäftsleute, Anwalts- und Arztpraxen. „Ein derartiges Risiko konnten wir aber mit Rücksicht auf die vielen tausend Angestellten, Fabrikanten und Arbeiter, deren Schicksal mit unserem Unternehmen verbunden ist, nicht übernehmen, und wir mussten daher Ihr Interesse zurücktreten lassen“, heißt es weiter. Die Brutalität der Ausgrenzung – anfangs kam sie noch mit ausgesuchter Höflichkeit daher.

Synagoge in Potsdam um 1940 am Wilhelmplatz (Platz der Einheit). Quelle: Privat

Der Potsdamer Wolfgang Weißleder, Experte für die jüdische Geschichte der Landeshauptstadt, zeichnet anhand von Dokumenten wie dem Kündigungsbrief die bewegende Lebensgeschichte Gersmanns nach. Dem Sohn einer tiefreligiösen Familie gelang 1938 noch die Ausreise in die USA. Seine zurückgebliebenen Verwandten wurden Opfer des Terrorregimes. Dennoch verbitterte Gersmann nicht gegenüber den Menschen seiner früheren Heimatstadt. Mehr noch: Nach der Wende machte sich Gersmann um den Erhalt des jüdischen Erbes in Potsdam verdient. Zu verdanken ist ihm eine Stiftung zugunsten des Jüdischen Friedhofs am Fuße des Pfingstbergs, die 2001 unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gegründet wurde. 2003 starb Gersmann in Gießen, wo er bereits seit mehreren Jahrzehnten lebte.

Ein Rabbiner zeigt eine Thora-Rolle. Quelle: Privat

Weißleders Buch gibt keinen trockenen chronologischen Abriss der Biografie. Es lebt vor allem von den faksimilierten Dokumenten aus dem Nachlass, die einer „Bilder-Chronik“ der besonderen Art ergeben. Da sind die Familienfotos der Gersmann-Familie, fröhliche Menschen auf einer Bank an der Potsdamer Plantage oder beim Urlaub im Gebirge oder beim Kirschenpflücken. Gutbürgerlich, gutsituiert, die Eltern führten ein Herrenartikelgeschäft in der Brandenburger Straße. Der Vater war stolzer Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Sohn Joachim war ein begeisterter Sportler – das Fahrtenschwimmerzeugnis belegt es. Doch ab 1933 geriet die bis dahin so geordnete Welt aus den Fugen und die Familie ins Visier antisemitischer Bürokratie. Weißleder schreibt: „Weil der Vater kaisertreu und nationalkonservativ erzogen war, flaggte die Familie entgegen aller Vorschriften ihre Hausfassade an Feiertagen immer mit der schwarz-weiß-roten Fahne des Kaiserreiches.“ Sohn Joachim wiederum gehörte dem „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ an einer ab März 1933 verbotenen, sozialdemokratisch geprägten Massen- und Wehrorganisation.

1938 gelang Joachim die Ausreise: mit der St. Louis ging es von Bremerhaven in die USA. Die Enteignung des Familiengeschäfts Ende 1938 erlebte er nicht mehr mit. Für die Zurückgebliebenen wurde die Lage immer prekärer. Nach der Pogromnacht am 9. November brauchte die Synagogengemeinde ein Ausweichquartier. Joachim Onkel, der dem Gemeindevorstand angehörte, suchte bei der Stadt um eine Genehmigung an, um in der geräumigen

Synagoge um 1910 – das Gebäude ganz links. Quelle: Privat

Wohnung von Joachims Eltern einen Andachtsraum einrichten zu können.

1942 schlug das Regime dann mit aller Brutalität zu. Die Eltern Gersman wurden mit weiteren Verwandten von Berlin nach Riga deportiert. Beide überlebten das Martyrium nicht.

Die neue Synagoge soll in der Schlossstraße gebaut werden. Hier ein Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht. Quelle: Bernd Gartenschläger

Joachim, der sich in John umbenannt hatte, sah seine Heimat Potsdam im Frühling 1945 wieder. Als Angehöriger der U.S.-Army versuchte er Näheres über das Schicksal seiner Familie herauszufinden. „Selbst Personen, die ihn wiedererkannten, gaben nur zögernd, ängstlich oder ausweichend Antwort“, schreibt Weißleder.

Gersman war als so genannter „Ritchie Boy“ nach Deutschland zurückgekehrt, als Angehöriger einer Elitetruppe der alliierten Armee. Im Camp Ritchie in Maryland hatte man etwa 900 deutsche und österreichische Emigranten in psychologischer Kriegsführung unterrichtet. Als Muttersprachler sollten sie helfen, die bedingungslose Kapitulation des Gegners herbeizuführen. Einer der prominentesten Ritchie-Boys: Klaus Mann, der Sohn des Schriftstellers Thomas Mann. Auch nach Kriegsende blieb John Gersmann in der Spionageabwehr der Amerikaner in Deutschland tätig. Seinem Sehnsuchtsort Potsdam machte er nach dem Fall der Mauer ein großes Geschenk in Form der Stiftung für den Jüdischen Friedhof am Pfingstberg. Er ließ dort zudem einen großen Stein errichten, auf dem eine lange Liste von Namen eingraviert wurde. Unter einem Davidsstern steht die Inschrift: „Zum Gedenken an die entehrten, deportierten und ermordeten sowie ihrer Heimat beraubten Juden aus der Stadt Potsdam und Umgebung.“ 2003 fand John Gersman ebenfalls seine letzte Ruhestätte auf dem altehrwürdigen Friedhof.

The Ritchie Boys – Foto aus einer Dokumentation von Christian Bauer. Quelle: Promo

Weißleders Buch ist dank der vielen schön zusammengestellten Originale ein berührendes Zeitdokument geworden. Zustandegekommen ist der Band, der in der Potsdamer Druckerei Rüss erschienen ist, mit Hilfe von Privatspendern sowie dem Förderverein des Potsdam-Museums und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die Buchpräsentation am Freitag um 14.30 Uhr wird vom Fördervereinsvorsitzenden Markus Wicke moderiert; der Eintritt ist frei.

Von Ildiko Röd

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