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Potsdam Kein Nachfolger: „Müller’s Tintenfass“ schließt zum Jahresende
Lokales Potsdam Kein Nachfolger: „Müller’s Tintenfass“ schließt zum Jahresende
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20:04 12.07.2019
Am Jahresende ist Schluss: „Müller’s Tintenfass“ in der Wilhelmgalerie Potsdam schließt. Quelle: Ina Schmiedeberg
Innenstadt

Es gibt noch Potsdamer, die nie in der Papeterie von Gabriele und Ingo Müller waren. Sehr viel Zeit bleibt nicht mehr: „Müller’s Tintenfass“ schließt Ende des Jahres. Der Mietvertrag für das Ladengeschäft in der Wilhelmgalerie ist gekündigt, ein Nachfolger nicht gefunden. Dabei würde der von den Müllers nach Kräften unterstützt. „Wir würden Kontakte knüpfen und sogar für die erste Zeit im Laden aushelfen“, sagt Gabriele Müller.

Erst vor kurzem hatte die Stiftsbuchhandlung in der Wilhelmgalerie geschlossen.

Inhaberlin Gabriele Müller mit ihrem Enkel Michel. Quelle: Ina Schmiedeberg

Ihr Fachgeschäft ist seit der Eröffnung der Wilhelmgalerie Ende der 90er Jahre Teil des Hauses. „Allerdings sind wir im Gebäude mehrfach umgezogen. Das ist unser dritter Standort“. Als die Galerie gebaut wurde, hat sich das Ehepaar sofort um eine Fläche beworben.

Erfahrene Kaufleute waren sie bereits. Schon seit 1976 hatten die gebürtigen Potsdamer ein eigenes Geschäft für Schreib- und Haushaltswaren an der Geschwister-Scholl-Straße. Mit der Wende mussten sie sich komplett neu aufstellen und aus dem Schulbedarf, der vorher ein wichtiger Teil des Sortiments war, wurde mehr und mehr hochwertige Schreibkultur. „Schönes Briefpapier hatten wir schon immer“, erinnert sich Gabriele Müller.

Die passende Feder zur Handschrift

Mit dem Neustart an der Charlottenstraße wich das Praktische schließlich komplett dem Eleganten. Auf 150 Quadratmetern haben die Müllers verschiedene Themenwelten geschaffen: Im Mittelpunkt stehen hochwertige Schreibgeräte, zum Beispiel von Montblanc und Faber-Castell. Wer die passende Feder für die eigene Handschrift sucht, kommt ins Tintenfass. Für eine andere Adresse mit dieser Auswahl muss man bis zum KaDeWe oder an die Berliner Uhlandstraße reisen. Auch eine Mine für den Caran d’Ache-Kugelschreiber gibt es weit und breit nur bei den Müllers.

„Natürlich kommen auch Kunden rein, die nach einem Quittungsblock fragen“, erzählt Gabriele Müller. Die schickt sie zu Karstadt. Und Karstadt schickt Kunden zu ihr, die dem Enkel einen besonderen Füllhalter zur Konfirmation schenken möchten.

Geschmack ist keine Altersfrage

„Unsere Kunden sind vor allem ganz normale Menschen, die sich etwas Schönes gönnen möchten“, sagt die Kauffrau. Auf Kinder ist das Sortiment nicht spezialisiert. Doch gibt es auch unter den ganz Jungen diejenigen, die dem Besondern nicht widerstehen können. Ein Mädchen steht mit leuchtenden Augen vor den bunten Papiertaschentüchern und fragt nach dem Preis. „Du darfst dir ein Päckchen aussuchen“, sagt Gabriele Müller, und nach einem gezielten Griff ins Regal hüpft die Kleine aus dem Laden. „Wir hatten mal einen zehnjährigen Jungen, der die ganze Firmengeschichte von Montblanc kannte“, erzählt die Kauffrau.

Auch junge Kunden mit Interesse an Schreibwaren

Das düstere Bild von der sterbenden Schreibkultur entspricht nicht ihrer Erfahrung. Auch junge Leute pflegen ihre Handschrift oder kommen regelmäßig, um ein schönes Tagebuch zu kaufen.

Außer den edlen Federn füllen Geschenkartikel und -verpackungen, Schreibtischutensilien und Fotoalben die massiven Holzregale, die Ingo Müller selbst entworfen und mit einem Möbeltischler gebaut hat. Es gibt einen kleinen Bereich mit Künstlerbedarf, denn der Geschäftsinhaber malt selbst gern.

Ein Sortiment mit persönlicher Note

Überhaupt hat im Tintenfass von der Einrichtung über das Sortiment bis zur Beratung alles eine persönliche Note. „Wir müssen anders sein, um gegen die großen Läden zu bestehen“, sagt Gabriele Müller. Jede Karte, die in den Ständern vor dem Eingang steckt, hat sie selbst ausgewählt. Kundengespräche beginnen häufig mit: „Ich brauche mal Ihren Rat . . .“ Und dann nehmen sich die Fachhändler Zeit, um eine besondere Idee für einen besonderen Anlass zu finden.

Das wissen die Kunden zu schätzen und honorieren es mit Treue. Während andere Geschäftsleute über die Konkurrenz des Online-Handels klagen, kommt es im Tintenfass vor, dass Kunden ihr Smartphone zücken, um Fotos aus dem Internet zeigen und das Produkt dann bei Müllers zu bestellen.

Endlich sonnabends frei

Gabriele Müller liebt ihren Laden und den Kontakt zu den Kunden, und doch freut sie sich auf die freie Zeit, die sie ab Januar für andere Dinge haben wird. Mit fünf Enkeln und zwei Hunden fürchtet sie keine Langeweile. Ingo Müller merkt man an, dass die Trennung für ihn schwieriger sein wird. Allerdings freut auch er sich darauf, nach mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr jeden Sonnabend zu arbeiten.

Einer, der dem Jahresende auf jeden wehmütig entgegen schaut, ist Michel Müller. Für den Enkel ist das Tintenfass ein Stück Kindheit. Mittlerweile studiert der junge Mann Betriebswirtschaft und hilft gelegentlich im Laden aus. Meistens kommt er jedoch vorbei, um seine Großeltern zu sehen und auf dem neuesten Stand zu bringen. Jüngst hat er von bestandenen Prüfungen berichtet – und die werden seit dem Abitur alle mit seinem Glücksbringer von Montblanc geschrieben.

Von Ina Schmiedeberg

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