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Potsdam Keine Annäherung: So lief das Streitgespräch über die Potsdamer Garnisonkirche
Lokales Potsdam Keine Annäherung: So lief das Streitgespräch über die Potsdamer Garnisonkirche
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20:43 05.12.2019
Baustelle der Garnisonkirche in Potsdamer. Quelle: Bernd Gartenschläger
Berlin/Potsdam

Die Debatte um die Rekonstruktion der Garnisonkirche wurde am Mittwochabend für einmal nicht in Potsdam geführt. Die Bundeseinrichtung Akademie der Künste lud zum Podiumsgespräch mit Thomas Albrecht, Wolfgang Huber, Saskia Hüneke, Detlef Karg, Philipp Oswalt und Hildegard Rugenstein. Der Architekt und Direktor der Sektion Baukunst an der Akademie, Matthias Sauerbruch, übernahm die Moderation. Schließlich handle es bei der Garnisonkirche um ein Bauwerk mit nationaler Bedeutung, sagte er gleich zu Beginn der fast dreistündigen Veranstaltung. Rund 150 Teilnehmer verfolgten den Abend, bei dem – für Potsdamer – nur wenige neue Ansätze vorgebracht wurden.

Am Mittwochabend trafen Befürworter und Gegner des Wiederaufbaus in der Berliner Akademie der Künste aufeinander.

Sprengung als Kulturbarbarei

Huber als Schirmherr der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche und Oswalt als Mitinitiator einer Petition gegen den Wiederaufbau trugen in Referaten ihre kontroversen Standpunkte vor. Der ehemalige brandenburgische Bischof Huber ging auf die Problematik der Militärkirche ein, die am sogenannten Tag von Potsdam von den Nationalsozialisten propagandistisch genutzt wurde. Er erinnerte an die Sprengung 1968 gegen den Widerspruch der Landeskirche, und daran, dass der verbliebene Sockel nach dem Krieg bereits von der Gemeinde als Heiliggeistkapelle genutzt worden sei. Huber prangerte Kulturbarbarei und Verachtung des Gottesdienstes an und präsentierte die zukünftige Nutzung als Lernort mit einer geschichtskritischen Ausstellung. „Rechte haben keinen Ort und keinen Erfolg bei uns“, sagte er, was mit Gelächter aus dem Publikum quittiert wurde.

Der Schirmherr der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Wolfgang Huber präsentierte die Pläne. Quelle: Friedrich Bungert

Der Architekt Philipp Oswalt nannte die Garnisonkirche einen Symbolort für nationalistische Bewegungen seit ihrer Entstehung 1730 unter Friedrich Wilhelm I.. Er zeigte ein Foto aus einem heutigen Gottesdienst mit einem Dutzend Teilnehmern und stieß sich an den geschätzten Rekonstruktionskosten für den Turm von über 40 Millionen Euro. Darin sei kein Personal für die geschichtliche Vermittlung vorgesehen, monierte er. Sein zentraler Kritikpunkt war, dass der Anstoß für den Wiederaufbau durch den rechtskonservativen Ex-Bundeswehroffizier Max Klaar erfolgte. Die Person Klaars, der sich ab 2014 radikalisiert haben soll, und die Befürwortung der Rekonstruktion durch die AfD, unter anderem auf Wahlplakaten von Andreas Kalbitz, machten das Projekt heute zum Politikum. Oswalt berief sich auf „rechtsradikale Einschreibungen“.

Architekt Philipp Oswalt hat eine Petition gegen die Rekonstruktion mit initiiert. Quelle: Friedrich Bungert

Bisher nur der Turm genehmigt

So legte die Kunsthistorikerin und Grünen-Stadtverordnete Saskia Hüneke Wert auf die Feststellung, dass sie ihr Mandat als Kulturbeigeordnete niedergelegt habe, als die Differenzen mit dem Initiator Klaar deutlich wurden. Sie betonte, dass bisher nur der Turm genehmigt und seit 2017 im Bau sei. Gleich nach der Wende seien erste Beschlüsse in Richtung der Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte gefasst worden, zudem gebe es Mehrheiten aus der Bürgerschaft für das Projekt.

Architekt Thomas Albrecht und die Stadtverordnete Saskia Hüneke gehören zu den Befürwortern des Wiederaufbaus. Quelle: Friedrich Bungert

„Die Rekonstruktion stellt die Verbindung der Macht des Staates, der Kirche und des Militärs dar“, sagte der frühere brandenburgische Landeskonservator Detlef Karg mit Blick auf die Stadtachse Garnisonkirche - Landtag. „Es bedarf eines anderen Gebäudes.“ Thomas Albrecht, der den Wiederaufbau des Turms architektonisch betreut, entgegnete, dass durch den Einbau von Spolien, das sind Überreste der zerstörten Säulen, den Brüchen in der Geschichte Rechnung getragen werde. „Für das, was in einem Gebäude geschehen ist, sind die Menschen und nicht das Gebäude verantwortlich“, ergänzte Wolfgang Huber.

Kirchenaustritte befürchtet

Ein klarer Riss durch die Vertreter der Kirchenseite wurde deutlich, als Hildegard Rugenstein, die Pastorin der Französisch-Reformierten Gemeinde Potsdam formulierte: „Bloß weil dieses Monster gebaut wird, wollen wir nicht Gemeindemitglieder verlieren!“ Sie beobachte Unmut und Kirchenaustritte aufgrund dieses Projekts; Philipp Oswalt bekannte sich zu diesem Schritt. Ex-Bischof Huber spitzte zu, wenn die Garnisonkirche Teil der preußischen Militärpolitik gewesen sei, müsse man alle Türme, die es (nach dem Krieg) noch gebe, niederreißen. „Es ist ein kleiner Schritt zu sagen, dass Soldaten kein Recht auf einen christlichen Gottesdienst haben“. Er und Architekt Albrecht appellierten daran, dass die Garnisonkirche als Mitglied der internationalen Nagelkreuzgemeinden bereits einen Versöhnungsauftrag praktiziere.

Turmruine wieder aufbauen

In zahlreichen Zuhörerbeiträgen wurden die Standpunkte kommentiert. Erst werde die Macht der Kontinuität durch das Bauen zementiert, hieß es, und dann solle durch Museumsprojekte gelernt werden. „Attrappenkult“ und „Rachearchitektur“ wurde den Befürwortern vorgeworfen, und die Frage gestellt, wie man sich durch die Vereinnahmung durch Rechte wehren wolle. Auch den restaurierten Berliner Dom, vor dem zeitweise über 30 Hakenkreuzfahnen gehangen hätten, könne man heute ertragen, wurde dafür vorgetragen.

Podiumsdiskussion zum Wiederaufbau der Garnisonkirche in der Berliner Akademie der Künste. Quelle: Friedrich Bungert

Der international renommierte Architekt Stephan Braunfels nannte die Rekonstruktion „des vielleicht schönsten Kirchturms der Welt“ eine einzigartige Chance; moderne Kirchtürme seien nicht glaubwürdig, sondern peinlich. Noch eher würde er aber die „romantische“ Turmruine wieder aufbauen.

Im kollektiven Gedächtnis

Seitens der Bürgerinitiative Potsdam ohne Garnisonkirche behauptete Sara Krieg, dass in der Stiftungsbroschüre Lügen verbreitet würden. „Es geht hier nur um Revanchismus und Eitelkeiten.“ Ihre Petition „Keine Steuergelder für den Wiederaufbau“ weist derzeit 1205 Unterzeichner auf. Mehrfach wurde aus dem Publikum ein Baustopp gefordert und zuletzt sogar eine Umbenennung, damit der Begriff Garnison getilgt werde. Für die bürgerschaftliche Gegenseite - die Fördergesellschaft Wiederaufbau vermeldet auf ihrer Webseite rund 25.000 Unterstützer - sagte Barbara Kuster, dass sie sich auf den Turm freue. „Die Kirche ist im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert und hängt noch auf vielen historischen Bildern bei den Potsdamern an der Wand.“

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Von Gabriele Spiller

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