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Potsdam Ermittlung am Bergmann-Klinikum: Verdacht auf Körperverletzung in der Pflege
Lokales Potsdam Ermittlung am Bergmann-Klinikum: Verdacht auf Körperverletzung in der Pflege
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09:26 11.09.2019
Haupteingang zum Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“. Quelle: Varvara Smirnova
Innenstadt

Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt wegen des „Anfangsverdachts der Körperverletzung“ bei einer Patientin des KlinikumsErnst von Bergmann“. Das hat Markus Nolte, Sprecher der Justizbehörde, auf MAZ-Anfrage bestätigt. Das Verfahren richte sich derzeit gegen „namentlich nicht ermittelte Beschuldigte“, so der Sprecher. Anzeige erstattet hatte eine selbst in der Altenpflege tätige Frau aus Brieselang.

Ihre 57-jährige Mutter sei während ihres Aufenthalts im Klinikum vom 16. Mai bis zum 10. Juli dieses Jahres zum Pflegefall unter anderem mit Dekubitus genannten offenen Wundstellen im Rückenbereich geworden. Grund dafür sei eine „unzureichende Mobilisation“ der Patientin gewesen, sagte sie zur MAZ. Mitarbeiter des Klinikums hätten dies ihr gegenüber mehrfach mit Personalmangel begründet.

Fall bereits vor zwei Monaten geprüft

Klinikums-Sprecherin Damaris Hunsmann sagte auf MAZ-Anfrage: „Uns liegen zu dem angefragten Verfahren keine Informationen vor.“ Bestätigen könne sie jedoch, „dass wir auf Grund eines richterlichen Beschlusses die Krankenakte herausgegeben haben“. Sie bitte „um Verständnis, dass wir grundsätzlich zu laufenden Verfahren keine Informationen geben können“.

Hausintern hat es bereits vor gut zwei Monaten erste Prüfungen zu dem Vorgang gegeben, wie ein der MAZ vorliegendes Schreiben des klinikinternen „Lob- und Beschwerdemanagements“ vom 1. Juli an die Krankenkasse belegt. Die Patientin „selbst war auf Nachfrage durch das Lob- und Beschwerdemanagement am 24. Juni 2019 zufrieden mit der Betreuung und Versorgung“, heißt es in dem Schreiben. Die Tochter spricht von einer „absoluten Frechheit“.

>> Mehr zum Thema: Wie Pfleger in Brandenburg den Notstand erleben

Am 22. Juni hatte sie Anzeige bei der Polizeidirektion West erstattet, was ein Sprecher auf MAZ-Anfrage bestätigt. Mit ihrer Anzeige übergab die Tochter, die demnach täglich für teilweise mehrere Stunden selbst im Klinikum war, ein Protokoll über den „chronologischen Verlauf des Krankenhausaufenthalts“.

Offene Stellen neben der Wirbelsäule

Zum 8. Juni heißt es dort unter anderem: „Zwei offene Stellen konnte die Schwester mir nicht erklären, sehr schmerzhaft für meine Mutter, mit einfacher Kompresse versorgt ...“. Und zum 10. Juni: „Schwester sagt mir, dass meine Mutter einen Dekubitus hat, schon fast Grad 2! Und zwei offene sehr feuchte Stellen neben der Wirbelsäule.“

Am 18. Juni schließlich schreibt sie: „9.30 Uhr: Gespräch mit der Beschwerde-Managerin wegen der Zustände im Krankenhaus ... . Meine Mutter erhält plötzlich eine Dekubitus-Matratze – und das nach Wochen.“ Am 30. Juli hatte die Polizeidirektion West auf MAZ-Anfrage mitgeteilt, dass „der Vorgang kürzlich an die zuständige Staatsanwaltschaft in Potsdam abgegeben wurde“.

Auf die Frage nach einer Anzahl vergleichbarer Ermittlungsverfahren gegen das Klinikum oder einzelne Mitarbeiter wegen des Verdachts der Körperverletzung konnte Behördensprecher Nolte keine Auskunft geben: „Derartigen Vorwürfen wird regelmäßig nachgegangen“, erklärte er, „wobei eine zuverlässige Quantifizierung und/oder Beziehung zu bestimmten Krankenhäusern mit den zur Verfügung stehenden Recherchetechniken nicht möglich“ sei.

Großes Thema in der Kommunalpolitik

Die Gefahr eines Pflegenotstands am städtischen KlinikumErnst von Bergmann“ wegen Personalmangels, Unterfinanzierung und Bezahlung der Mitarbeiter unter Tarif ist aktuell eines der beherrschenden Themen der Kommunalpolitik in Potsdam.

Die Stadtverordneten haben Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am 21. August in einer Sondersitzung auf seinen eigenen Wunsch beauftragt, als Gesellschaftervertreter der Landeshauptstadt bei der Bezahlung des nichtärztlichen Personals die „stufenweise Rückkehr“ des Klinikums und seiner Tochtergesellschaften in den Tarifverbund des öffentlichen Dienstes „zu forcieren“.

>> Mehr zum Thema: Schubert treibt Tarifrückkehr des Bergmann-Klinikums voran

Einen ersten Zwischenbericht soll der Oberbürgermeister, der aktuell noch selbst Aufsichtsratsvorsitzender der Muttergesellschaft Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH ist, am Mittwoch vor den Stadtverordneten geben.

Zeitgleich mit der Sondersitzung vom 21. August wurde vor dem Stadthaus ein bereits seit längerem angekündigtes Doppel-Bürgerbegehren für faire Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen in den Unternehmen der Klinikgruppe eröffnet. Nach Angaben der Initiatoren wurden dafür bislang je 4000 Unterschriften gesammelt.

Der größte Arbeitgeber in Potsdam

Das KlinikumErnst von Bergmann“ ist mit mehr als 3600 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in Potsdam.

Die Anzahl der Betten im Stammhaus ist zwischen 2004 und 2018 um 13 Prozent von 1043 auf 1183 angewachsen. Die Patientenzahl wuchs von 35.590 im Jahr 2014 um 29 Prozent auf 45.995 im Jahr 2018.

Die Anzahl der Pflegekräfte im Potsdamer Klinikum wuchs im gleichen Zeitraum auf Vollzeitstellen gerechnet um 24 Prozent von 788 auf 980 Mitarbeiter.

Die Rückkehr des kompletten Konzerns zur Bezahlung nach Tarif wäre laut Stadt mit Mehrkosten von knapp 13,7 Millionen Euro jährlich verbunden, davon allein 4,66 Millionen Euro am Stammhaus.

Über die Rückkehr des Klinikums in den Tarifverbund kommunaler Arbeitgeber wird bereits seit Jahren diskutiert. Mitarbeiter des Hauses demonstrierten mehrfach für mehr Personal und eine bessere Bezahlung.

Alles passiert „in unheimlicher Hetze“

EineKrankenschwester schilderte im Herbst 2017 in einem anonymisierten Interview der MAZ die Auswirkungen der Personalknappheit auf den Stationsalltag: „Alles“ werde „in unheimlicher Hetze“ gemacht. „Früher hat man mit einem Patienten sprechen können über das, was man mit ihm vorhat, hatte mehr Zeit für seine Grundbedürfnisse. Jetzt ist es alles schnell-schnell. Man ist froh, wenn der Patient sagt, er hat sich heute schon mal alleine gewaschen. Ob er es getan hat, bleibt dahingestellt.“

Ihre Antwort auf die Frage, welche Arbeitsgänge zuerst wegfielen: „Zum Beispiel die Messung der Vitalzeichen – Blutdruck, Puls, Temperatur. Bettenmachen. Prophylaxen. Dazu gehört zum Beispiel, dass man die Patienten mobilisiert, Hautpflege anbringt, Dekubitusvorbeugung, solche Geschichten.“

Personal aus dem Ausland soll helfen

Das Klinikum steuert gegen mit verstärkter eigener Ausbildung von Pflegekräften und der Anwerbung von Personal in Ost-Europa. Die Geschäftsführung fordert zudem eine höhere Investitionsförderung durch das Land Brandenburg. Oberbürgermeister Schubert sieht allerdings auch die Belegschaft in der Pflicht.

Vor den Stadtverordneten appellierte er im August an die Mitarbeiter des Klinikums, in die Gewerkschaft einzutreten. Normalerweise seien die laufenden Verhandlungen Sache der „Tarifautonomie mit starker gewerkschaftlicher Vertretung im Unternehmen“.

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