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Potsdam Die Garnisonkirche soll „Europakirche“ - eine Bankrotterklärung der Initiative Mitteschön
Lokales Potsdam

Kommentar: Die Initiative Mitteschön will die Potsdamer Garnisonkirche zur „Europakirche“ machen – das Konzept ist eine Bankrotterklärung

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08:48 05.03.2021
Die Vision der Garnisonkirche von Mitteschön.
Die Vision der Garnisonkirche von Mitteschön. Quelle: Mitteschön/Collage
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Drei Unterschriften werden im Büro des Potsdamer Oberbürgermeisters heute unter ein gemeinsames Dokument gesetzt: Die Stiftung Garnisonkirche, das Kreativhaus Rechenzentrum und die Landeshauptstadt machen sich mit einer Absichtserklärung gemeinsam auf den Weg in einen offenen Prozess zur Zukunft der Plantage, zur Lösung des jahrzehntelangen Konflikts um diese Kirche, diesen Ort. Was aus dieser Absichtserklärung wird, ist zwar völlig offen – aber es gibt nun den dokumentierten den Willen gemeinsam nachzudenken. Die Stiftung und die Kreativen haben sich aufeinander zu bewegt.

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Gänzlich unbeweglich zeigt sich dagegen die Bürgerinitiative Mitteschön. Am Mittwoch veröffentlichte die Gruppe ein 20-seitiges Nutzungskonzept mit dem Titel „Die Garnisonkirche als Europakirche“. Es ist ein Offenbarungseid, der deutlich macht: „Wir wollen keinen Kompromiss“. Es ist ein Bekenntnis zur Form, nicht zum Inhalt. Es spricht offen aus, dass diese Form nur das richtige Label braucht, damit es dann mit öffentlichen Geldern gebaut werden kann.

Mitteschöns Idee: Repräsentativer Saal für 1800 Menschen

Die Idee, die Mitteschön formuliert, klingt für viele vermutlich verlockend. Mit einem möglichst historischen Kirchenschiff wäre nicht nur städtebaulich etwas gewonnen, sondern auch kulturell: Ein großer Saal für repräsentative Veranstaltungen aller Art. Inhaltlich sind nicht nur Gottesdienste und Konzerte möglich: „Als gesamtgesellschaftliches Forum sollte die Garnisonkirche eine internationale Begegnungsstätte sein, eine Europakirche mit Schwerpunkt östliche Nachbarländer, die der Völkerverständigung dient.“

Doch zugleich wird zugegeben, dass man einen solchen Saal gar nicht braucht, dass so ein Kirchenschiff mit Platz für 1800 Menschen für Potsdams Bedürfnisse gänzlich ungeeignet ist. „Der fertige Bau wird eine für Potsdam außergewöhnliche Zuschauerkapazität aufweisen“, heißt es und nur wenige Zeilen weiter: „Für einen Raum dieser Größe besteht in Potsdam nur in Ausnahmefällen echter Bedarf.“ Und: „Viele Plätze auf den Emporen, vor allem in den hinteren Reihen, und wohl auch einige Plätze im Erdgeschoss bieten dem Besucher nur wenig oder keine Sicht auf das Spielgeschehen.“

Die vermeintliche Lösung: „Da niemand gerne in einem leeren oder leer wirkenden Raum sitzt, sollte bereits im Vorfeld überlegt werden, wie man ihn auch auf kleinere Veranstaltungsformate anpassen kann.“ Aber gibt es in Potsdams Zentrum nicht kleinere, öffentliche Räume? Ja, etwa im Potsdam-Museum, im Bildungsforum, im Nikolaisaal.

60 Millionen Euro Baukosten – zahlen soll die Öffentlichkeit

Mit 60 Millionen Euro Baukosten kalkuliert Mitteschön das Schiff. Weil es einer „überwiegend profanen Nutzung“ diene, die für Institutionen von Land und Bund in Berlin und Brandenburg „von besonderem Interesse“ sei, folgert die Initiative sogleich, „dass die öffentliche Hand den Hauptbeitrag zur Finanzierung des Baus des Kirchenschiffs leistet.“ Das ist immerhin ehrlicher, als eine derartig große Spendenbereitschaft zu erwarten. Dass die Initiative ihre Vision sogar mit dem Stichwort „Daseinsvorsorge“ begründet, ist allerdings angesichts der Corona-Pandemie und ihrer Folgekosten für die öffentliche Hand blanker Hohn. Vornehm geht die Welt zugrunde.

Inhaltlich fordert man zugleich größtmögliche Unabhängigkeit. Es werde „ein mehrköpfiges, fest angestelltes Team benötigt“, das neben eigenen Formaten auch über „angebotene Gastspiele“ entscheiden soll und große künstlerische Freiheit benötige. Mitteschön weiß: Der Betrieb dieses Raums ist nur mit Zuschüssen möglich: „Mit Sicherheit könnte ein Teil aus den Einnahmen der Veranstaltungen, der Vermietung und der touristischen Angebote finanziert werden“, schreibt die Initiative.

Das Label „Europakirche“ als Feigenblatt für EU-Förderung

Und wer soll den Rest bezahlen? Vielleicht ja die Europäische Union? Denn das Zauberwort von der „Europakirche“ kommt nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende noch einmal vor: „Eine Widmung des Gebäudes als ,Europakirche‘ mit dem Schwerpunkt Völkerverständigung [...] sollte auch eine Ko-Finanzierung mit EU-Mitteln ermöglichen.“

Die Vision von Mitteschön sieht also einen selten benötigten, unpraktischen Raum vor, der dauerhaft aus öffentlichen Geldern finanziert werden soll, während inhaltlich niemand mitredet. Mit „Europa“ kann man’s ja machen.

Von Peter Degener