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Potsdam Mangel an Kitas, ÖPNV und Einkaufsmöglichkeiten – trotz Babelsberger Wachstum
Lokales Potsdam Mangel an Kitas, ÖPNV und Einkaufsmöglichkeiten – trotz Babelsberger Wachstum
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00:22 16.05.2019
Das Portal der Babelsberger Filmstudios steht symbolhaft für den Stadtteil, der sich mittlerweile vom Film- zum Medienstandort entwickelt hat. Quelle: Smirnova
Babelsberg

Vor wenigen Tagen ist Dieter Wiedemann in Babelsberg als Stadtführer für einen Chor aus der Partnerstadt Luzern eingesprungen. „Ich bin mit ihnen meine alte Strecke gegangen“, sagt der frühere Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen, „und ich war erstaunt, was sich alles verändert hat.

Es ist ungeheuer viel neu gebaut worden, Stadtvillen vor allem. Dass es einen Streit um den Uferweg am Griebnitzsee gibt, das wussten die Luzerner auch.“

Ein O-Bus vor dem damaligen Kulturhaus „Herbert Ritter“ in einer Aufnahme von 1962. Quelle: Dieter Pein

Die Schweizer zeigten sich beeindruckt, hätten dann aber gefragt: „Wo gehen die Leute eigentlich einkaufen? Und wie ist das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln?“ Das erste, was ihrem Stadtführer dazu einfiel: „Naja, die fahren einigermaßen. Aber den O-Bus“, der wie die Straßenbahn elektrisch per Oberleitung angetrieben wurde, „den gibt es schon lange nicht mehr.“

Der Wahlkreis 4 ist dreigeteilt. Babelsberg Nord mit dem früheren Nowawes und der Villenkolonie Neubabelsberg, durch die Wiedemann mit den Luzernern spazierte, ist gemeinsam mit Klein Glienicke das Viertel in Potsdam mit den zufriedensten Bewohnern.

In der jüngsten, 2017 durchgeführten Bürgerbefragung „Leben in Potsdam“ rangierten sie bei der Frage „Wie beurteilen Sie – alles in allem genommen – die Lebensqualität in ihrem Stadtteil?“ ganz vorn. Auf Platz fünf folgte Babelsberg Süd, der etwas rauere Stadtteil auf der anderen Seite des Bahndamms.

Der Mythos der Traumfabrik

Schwerindustrie wie die Lokomotivenfabrik von Orenstein & Koppel hat dieses Quartier geprägt – und die Filmwirtschaft. Babelsberg zehrt vom Mythos der Traumfabrik, die erst UfA, später Defa hieß, die verbunden ist mit Namen wie Fritz Lang, Marlene Dietrich, Konrad Wolf.

Skizze des Metropolis-Turms in einem Prospekt aus dem Jahr 1993. Quelle: Valode & Pistre

1992 übernahm der französische Immobilienkonzern CIP die Studios, der für Erregung sorgte mit Plänen für eine Wohn- und Medienstadt, die dominiert werden sollte von einem treppenförmig in den Himmel ragenden Bürohochhaus.

Mittlerweile werden kleinere Brötchen gebacken. Wiedemann meint, bei ein bis zwei größeren Filmproduktionen im Jahr könne man kaum noch von einer Filmstadt sprechen. Dafür aber von einem Medienstandort. Denn der lebt.

Gerade wurde die dritte Staffel der Hochglanzserie „Babylon Berlin“ über die verruchten 1920er Jahre abgedreht. Und auch das erste volumetrische Studio Europas für 3D-Filme steht in Babelsberg: im Fx-Center gleich am Eingang der Medienstadt.

Die Zeichen im südlichen Babelsberg deuten auf Innovation, Arbeitsplätze – und weiteren Zuzug. Die spektakuläre Außenkulisse der „Berliner Straße“ wurde in dieser Wahlperiode ins einstige Industriegebiet auf der anderen Seite der Großbeerenstraße versetzt.

Modell der neuen Medienstadt-Süd entlang der Grobeerenstraße. Quelle: Peter Degener

Zwischen Stahnsdorfer Straße und Marlene-Dietrich-Allee, wo Filme wie „Sonnenallee“ und „Der Pianist“ gedreht worden sind, ist dafür ein neues Wohnviertel entstanden – mit Kita, Stadtplatz und Supermarkt.

Und es geht weiter. Letzten Mittwoch verabschiedeten die Stadtverordneten – es war wie ein Nachhall auf die Pläne der CIP – den Grundsatzbeschluss für neue Wohnhäuser entlang der Großbeerenstraße am anderen Ende der Medienstadt.

Im Rathaus gibt es durchaus Kritik am Verzicht auf Gewerbeflächen für den Wohnungsbau. Die Wirtschaftsförderung spricht in einer Analyse zur Medienstadt von der „Entwicklung artfremder Nutzung auf gewerblichen Potenzialflächen“.

Dennoch bleiben das Studiogelände und das „Gewerbequartier“ auf der anderen Seite der Großbeerenstraße mit zusammen fast 170 Hektar das größte Gewerbegebiet der Stadt. Gleich neben dem Haupteingang zu den Studios wird gerade der nächste Bürokomplex aus dem Boden gestampft.

Bauen am UNESCO-Welterbe

Auch Zentrum Ost als dritter Teil des Wahlkreises 4 wächst wieder. Errichtet in den 1970er Jahren zwischen Potsdam und Babelsberg, bekam es eben auf der Brache der Jutefabrik an der Nuthe ein zusätzliches Quartier.

Das Stadtbad Babelsberg wird Richtung Humboldtbrücke versetzt. Quelle: Bernd Gartenschläger

Politische Herausforderung bleiben die Neubaupläne am Humboldtring, die wegen ihrer Nähe zum Babelsberger Park die Unesco-Welterbehüter in Alarmbereitschaft versetzt haben.

Um das Welterbe geht es auch bei der nahenden Grundstücks-Rochade im Babelsberger Park, mit der das Stadtbad dichter an die Humboldtbrücke rücken, quasi mit dem Seesportclub fusionieren soll. Die Schlösserstiftung gewinnt damit Platz für die Rekonstruktion eines Panoramaweges.

Wahlkreis 4: Fakten und Kandidaten

Wahlkreis 4 umfasst Babelsberg Nord und Süd, Klein Glienicke, Zentrum Ost und das Gelände zwischen Hauptbahnhof und Nuthe. 94 Kandidaten treten an. 2014 waren es 95.

Die Linke: 11 Kandidaten; Spitzenkandidat: Michél Berlin

SPD: 14 Kandidaten; Babette Reimers

CDU: 12 Kandidaten; Tanja Mutschitschk

Bündnis 90/Die Grünen: 14 Kandidaten; Andreas Walter

Die Andere: 14 Kandidaten; Lutz Boede

Bürgerbündnis: 9 Kandidaten; Wolfhard Kirsch

AfD: 1 Kandidat; Josef A. Tazreiter

FDP: 14 Kandidaten; Björn Teuteberg

BVB/Freie Wähler: 3 Kandidaten; Oliver Bach

Die Partei: 2 Kandidaten; Alexander Frehse

Eine Mängelliste für den Babelsberger Kiez

Babelsberg ist mit manchem unterversorgt. Wiedemann, der in der Steinstraße wohnt, fährt für den Einkauf zum Keplerplatz im Wohngebiet Am Stern oder gleich ins Stern-Center.

Blick vom Park Babelsberg zum Zentrum Ost. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Suche nach betreutem Wohnen für einen Angehörigen war in Babelsberg vergeblich. Kaum anders geht es jungen Eltern. 400 Kita-Plätze fehlen in
Babelsberg und Zentrum Ost. 

Die Busse fahren zu selten und sind schlecht getaktet, sagt Wiedemann. Ab 20 Uhr gebe es am S-Bahnhof Griebnitzsee keinen direkten Anschluss mehr.

Und die Heimfahrt nach einem abendlichen Theaterbesuch in der Schiffbauergasse ginge gar nicht mit den Öffentlichen: „Da müssen wir mit dem eigenen Auto fahren.“

Dieter Wiedemann war bis 2013 Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Babelsberg. Quelle: Christel Köster

Wenn Wiedemann von Erledigungen in Potsdam spricht, sagt er, er fahre „in die Stadt“. Babelsberg auf der anderen Seite der Havel ist ein Ort der Lokalpatrioten. „Außer in den nördlichen Ortsteilen“, den 2003 eingemeindeten Dörfer, „und in Babelsberg/Zentrum Ost ist die Verbundenheit mit der Stadt Potsdam größer als mit dem eigenen Stadtteil“, hieß es in der Analyse „Leben in Potsdam“.

Modell gegen Gentrifizierung

Babelsberg könnte zum Modell gegen Gentrifizierung werden. Auf Stadtverordnetenantrag soll die Verwaltung städtische Vorkaufsrechte bei Immobilienverkäufen im Sanierungsgebiet prüfen – als Gegenmittel gegen Spekulation und explodierende Mieten.

Bewohner der Heidesiedlung. Quelle: Bernd Gartenschläger

Aktueller Fall ist der Kampf einer Mietergemeinschaft in der Wichgrafstraße, die in Eigenregie sanieren will. Schlagzeilen machte in dieser Wahlperiode die Heidesiedlung mit ihren 90 Wohnungen, die auf Druck der Politik im Bestand der kommunalen Pro Potsdam blieb und sozialverträglich saniert wurde.

Gefragt nach seinen Wünschen an die Kommunalpolitik, sagt Wiedemann als erstes, das Thalia-Kino müsse erhalten bleiben. Das traditionsreiche Programmkino sei die wichtigste Kultur- und Begegnungsstätte im Kiez. Als zweites nennt er den Verkehr: ein ICE-Halt in Potsdam wäre gerade für die Medienstadt wichtig.

Babelsberg braucht wieder eine Studentenkneipe

Schließlich: Babelsberg brauche wieder eine Kneipe für Studenten, damit das abendliche Leben nicht weiter komplett an Berlin übergeht. Als Präsident der Filmhochschule habe er verfügt, dass Premierenfeiern der Studenten nur bezuschusst würden, wenn sie in Potsdam blieben.

Leider habe das die Studenten nicht beeindruckt: Sie hätten weiter in Berlin gefeiert – und ihn dazu eingeladen, was er später gut fand.

MAZ-Serie zur Kommunalwahl: Diese Themen bewegen Potsdams Wahlkreise

Bauen, Kita, Verkehr: Die Sorgen der Wähler aus Potsdams Wahlkreis 1

Im Norden ist das Verkehrschaos programmiert: Der Wahlkreis 2

Potsdamer Infrastruktur- und Platzprobleme: Das sind die Themen im Wahlkreis 3

„Wo gehen die Leute einkaufen?“: Potsdams Wahlkreis 4

Von Volker Oelschläger

Da oben im Norden wird der Hardrock gepflegt: Von Pristine aus Norwegen mit Stimmwunder Heidi Solheim. Beispielsweise. Oder von Monster Truck aus Kanada. Die Jungs kommen kaum ohne dröhnende Orgel aus. Ihr Sound schmeckt aber auch nach Südstaaten-Rock. Brutus aus Belgien aber dürften viele – überrollen.

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