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Potsdam Bauen, Kita, Verkehr – die Sorgen der Wähler aus Potsdams Wahlkreis 1
Lokales Potsdam Bauen, Kita, Verkehr – die Sorgen der Wähler aus Potsdams Wahlkreis 1
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11:15 13.05.2019
Eine Familie, drei Wähler-Generationen: Katrin Knitter, Hartmut Knitter und Linda Knitter. Quelle: Nadine Fabian
Potsdam

Stadtpolitik am Küchentisch: Zwischen Teetassen – Bollhagen, blau-weiß gestreift – und Familienfotos an Wänden und Kühlschrank geht’s bei den Knitters hoch her. Drei Generationen haben sich wie so oft zusammengefunden: Hartmut Knitter (84), seine Schwiegertochter Katrin (54) und Enkelin Linda (30). Drei Generationen, drei Wähler – drei Meinungen?

Politik, Gesellschaft und immer wieder die Stadt, in der sie leben, lieben, arbeiten und den Ruhestand genießen: Die Knitters pflegen ausgedehnte, weit verzweigte und immer temperamentvolle Tischgespräche – vor der Kommunalwahl und auch sonst. „Wir diskutieren schon sehr viel und auch sehr lebhaft“, sagt Katrin Knitter. „Wir haben eben alle eine andere Perspektive auf die Stadt.“ – „Doch wie unterschiedlich unsere Perspektiven auch sind“, hakt Hartmut Knitter ein: „Wir lieben diese Stadt. Egal, wie sie ist.“

Egal, wie sie ist – das bedeutet nicht, dass es den Knitters gleichgültig wäre, wie sich Potsdam entwickelt. Das bedeutet auch nicht, dass sie mit allem einverstanden sind, was in den vergangenen Jahren geschehen und für die kommenden Jahre geplant und angeschoben ist. Ihre bedingungslose Liebeserklärung zeigt viel mehr, wie tief verwurzelt die drei in Potsdam und vor allem in Wahlkreis 1 sind. Dabei teilen sie mit Zehntausenden die Erfahrung, Zugezogene zu sein.

Schwierige Wohnungssuche – damals und heute

Hartmut Knitter stammt aus Westpommern. „Aus dem Teil der Mark Brandenburg, der heute zu Polen gehört – ich bin ein richtiger Flüchtling.“ Als Absolvent der Universität Halle kommt der Historiker 1957 auf Honorarbasis ans Potsdamer Stadtmuseum – und kriegt einfach keine Wohnung, nicht mal ein Zimmer. „Es war extrem schwierig“, sagt Hartmut Knitter. „Genauso wie heute!“

Monatelang lebt er bei den Eltern auf dem Land, pendelt mit der Bahn zur Arbeit und kommt schließlich bei einem Ehepaar unter... „Was das für ein Kämmerlein war, erzähle ich jetzt besser nicht!“ Hartmut Knitter winkt lachend ab. Heute wohnt er in Potsdam-West, kurvt aber jeden Tag mit dem Rad durch die City, weil er in Bewegung bleiben möchte und mittags auch lieber auswärts isst als daheim für sich allein zu kochen.

Die Wohnungssituation in den 80er-Jahren

Schwiegertochter Katrin – sie hat Hartmut Knitters ältesten Sohn geheiratet – stammt aus Leipzig. Weihnachten 1988 zieht sie mit ihrer kleinen Familie, zu der auch Baby Linda gehört, in die Heimat ihres Mannes. Die Wohnung in Drewitz ist damals brandneu, das Viertel eine Baustelle. Zehn Jahre ist Katrin Knitter mit Mann und Kindern in Potsdams letztem DDR-Plattenbaugebiet zu Hause.

Heute wohnt die Erzieherin, Heilpädagogin und Gestalttherapeutin in der Jäger- und arbeitet als selbstständige Tagespflegeperson in der Nauener Vorstadt. Zwischen Wohnung und ihrer „Knitter-Kiste“ fährt sie mit dem Rad hin und her. „Was ich auf den Straßen erlebe, ist das blanke Chaos“, sagt sie.

Linda Knitter studiert an der Fachhochschule. Nach zwei Ausbildungen, nach zwei Jahren in der Tagespflege der Mutter und der Geburt ihrer beiden Kinder Karl (4) und Ria (1) hat sie sich für Soziale Arbeit eingeschrieben. Linda Knitter und ihre Lieben wohnen in der City. „Als unsere drei Zimmer zu eng wurden, hatten wir Glück – wir konnten uns ohne größeren Mietaufschlag vergrößern und in der Innenstadt bleiben.“

Aus der privat angebahnten Gibst-du-mir-deine-Wohnung-bekommst-du-meine-Initiative ist der erste von der Pro Potsdam offiziell abgesegnete Wohnungstausch geworden. „Die Konditionen sind zwar nicht die gleichen geblieben, aber immer noch gut.“

Wahlkreis 1: Fakten und Kandidaten

Wahlkreis 1 umfasst die Nördliche und Teile der Südlichen Innenstadt, Berliner- und Nauener Vorststadt, Groß Glienicke und Sacrow.

Insgesamt 94 Kandidaten treten an.

Die Linke: 11 Kandidaten; Spitzenkandidat: Sascha Krämer

SPD: 14 Kandidaten; Pete Heuer

CDU: 14 Kandidaten; Clemens Viehrig

Bündnis 90/Die Grünen: 14 Kandidaten; Saskia Hüneke

Die Andere: 14 Kandidaten; Jenny Pöller

Bürgerbündnis freier Wähler: 7 Kandidaten; Christian Rindfleisch

AfD: 1 Kandidat; Oliver Stikel

FDP: 14 Kandidaten; Linda Teuteberg

BVB/Freie Wähler 3 Kandidaten; Andreas Menzel

Die Partei: 2 Kandidaten; Fedor Nocke

„Durch die Verdichtung wird Potsdam immer unpersönlicher“

Wie wertvoll ein schönes und vor allem bezahlbares Heim ist, wissen die Knitters. „Es fließt schon jetzt so viel aus der Haushaltskasse in die Miete, dass ein unvorhergesehener Notfall – etwa eine längere Krankheit – gefährlich werden kann“, sagt Katrin Knitter. „Das ist das Damoklesschwert, das über vielen Potsdamern und auch über uns schwebt.“

Die Reaktion der Stadt auf den knappen Wohnraum – bebauen, was die letzten Freiräume hergeben – sehen Hartmut, Katrin und Linda Knitter kritisch. „Es ist ja schon jetzt alles zugebaut“, sagt Hartmut Knitter. „Durch die ungeheure Verdichtung wird Potsdam immer unpersönlicher.“ – „Es kippt“, sagt Katrin Knitter. „Es geht kaputt“, sagt ihr Schwiegervater. „Die Stadt setzt sich keine Grenzen – das ist das große Problem. Hier regiert das Geld und das gereicht der Stadt nicht nur zum Vorteil.“

Erkennt Potsdam nicht mehr wieder

Das Potsdam, durch das Linda Knitter in ihrer Kindheit gestreift ist, ist eine Stadt der Baulücken. „Ich gehöre wohl zu der letzten Generation, die Potsdam noch vor dem großen Boom erlebt hat“, sagt sie: „Wenn man sich zurückerinnert, erkennt man einige Ecken heute gar nicht wieder. Ich finde es toll, dass ich hier alles habe und die Stadt eigentlich für nichts verlassen muss.

Aber mir fehlt auch immer mehr die Möglichkeit, mich mal schnell in die Natur zurückziehen zu können. Höfe, Gärten und andere grüne Flecken verschwinden.“ – „Das, weshalb so viele Menschen hierher ziehen, gibt es bald nicht mehr“, sagt Katrin Knitter: „Potsdam wird zu einer in einem wilden Architekturmix zugepflasterten Stadt.“

„Man muss Glück haben, wenn es um Kita und Schule geht“

Dass sich die Stadtgesellschaft dabei immer mehr entmischt, dass die Gutbetuchten hier, die mit dem kleinen und jene mit dem klammen Gelbeutel dort wohnen und auch die Alten und Jungen auch immer weiter auseinanderdriften, bedauern die drei.

„Bei mir im Haus ist es so unglaublich still geworden“, sagt Hartmut Knitter: „Ich höre dort gar kein Kindergeschrei mehr. Das ist schade.“ – „Dabei wirbt Potsdam damit, besonders kinderfreundlich zu sein“, sagt Katrin Knitter: „Aber auch das geht verloren. Als ich aus Leipzig gekommen bin, hatte ich hier so ein schönes Ankommen. Krippe, Kindergarten und Schule waren im Kiez. Ich konnte ganz einfach Kontakte knüpfen und meine Familie genießen.“

„Heute“, sagt Tochter Linda, „muss man Glück haben, wenn es um Kita und Schule geht. In Potsdam funktioniert viel über Beziehungen.“ An die Einschulung ihres Großen mag sie noch gar nicht denken und beschäftigt sich doch ständig damit. „Es gibt tolle Schulen – aber haben wir da eine Chance?“

Das erwarten sie von den Stadtverordneten

Fragt man die drei Knitters nach ihrem Auftrag an die neuen Stadtverordneten, muss man beim Mitschreiben den Turbo zünden. Wohnen, Verkehr, Kinderbetreuung, Bildung... Die Liste ist lang. Katrin Knitter bringt sie auf den Punkt: „Dass sich die Stadtverordneten dafür einzusetzen, dass Potsdam für alle Generationen eine liebens- und lebenswerte Stadt bleibt“, sagt sie: „Das ist unser größter Wunsch.“

Hartmut Knitter nickt. Für sein Lebenswerk ist der Stadthistoriker vor zehn Jahren mit einem Eintrag ins Goldene Buch geehrt worden. „Ich habe geschrieben: ,Wer die Stadt kennt, wird sie lieben.’ – Wir hoffen, dass sich die neuen Stadtverordneten einlassen und es nicht bei einer flüchtigen Bekanntschaft bleibt.“

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