Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Krankenkasse lässt Schwerbehinderte sitzen
Lokales Potsdam Krankenkasse lässt Schwerbehinderte sitzen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:10 27.03.2019
Seit ihr Rollstuhl kaputt ist, ist Kathleen Schuhmann in ihrer Wohnung gefangen. Seit Monaten liegt sie im Clinch mit der Krankenkasse. Quelle: Stefan Gloede
Potsdam

Seit Kathleen Schuhmann denken kann, zerfällt die Zeit für sie in mobile und in nicht mobile Tage. „An mobilen Tagen habe ich keine Schmerzen“, sagt Kathleen Schuhmann. „An mobilen Tagen kann ich mich am Nachmittag auch mal im Rollstuhl langlegen. An mobilen Tagen bin ich draußen unterwegs.“ – In den vergangenen sechs Monaten hat Kathleen Schuhmann, genannt Lene, nur einen mobilen Tag erlebt, ihren Hochzeitstag. Ein paar Stunden geborgte Freiheit, möglich gemacht von einer Spezialfirma für Elektrorollstühle.

Unheilbar krank und dauerhaft auf Hilfe angewiesen

Lene Schuhmann ist 27 Jahre alt. Von Geburt an leidet sie an einer fortschreitenden Muskelschwäche, an einer Spinalen Muskelatrophie. Ihre Konstitution verschlechtert sich Schub für Schub. Ungezählte Male hat die unheilbare Krankheit sie in die Klinik gebracht und im elften Lebensjahr an den Rollstuhl gebunden. „Ich nenne ihn ,meine Beine’“, sagt Lene Schuhmann. Folgt man diesem Bild, dann hat ihr die Krankenkasse die Gliedmaßen amputiert, denn die Kasse will nicht für den Rollstuhl aufkommen, den sich Lene Schuhmann wünscht, den sie, ihr Sanitätshaus und ihre Ärzte für notwendig erachten, für angemessen und wirtschaftlich sinnvoll.

Festival „Rock in Caputh“ mitorganisiert

Lene Schuhmann ist nicht nur auf den Rollstuhl angewiesen, sondern auch auf die Hilfe professioneller Pfleger, auf die permanente Unterstützung ihres Ehemanns, ihrer Freunde, ihrer Mitmenschen. „Was ich ohne Hilfe kann? Nur reden“, sagt Lene Schuhmann – sie untertreibt. In diesen quälend langen nicht mobilen Tagen beweist sie, dass sie auch kämpfen kann.

Die junge Frau, die an guten, an mobilen Tagen gern auf Konzerte geht, die im vergangenen Jahr „Rock in Caputhmit organisiert hat und für diesen Juni das „Abrissrock“-Festival in Drewitz, will ihr Recht auf Mobilität erstreiten. Sie will sich nicht mit einem 08/15-Rollstuhl, nicht mit der Mindestlösung zufriedengeben. „Ich hab’ in meinem Leben für alles, was selbstverständlich ist, kämpfen müssen“, sagt Lene Schuhmann. „Ich lass’ mich nicht klein machen.“

Schmerzen im Leihrolli – doch ohne wäre sie aufgeschmissen

Was ist geschehen? Im Spätsommer hat Lene Schuhmanns Elektrorollstuhl nach drei Jahren und etlichen Reparaturen den Geist aufgegeben. Seither steht er kaputt in der Ecke – und Lene Schuhmann liegt viel im Bett oder sitzt kurze Zeit in einem Leihrollstuhl. „Warum nur kurz? Dafür gibt es mehrere Gründe“, sagt sie. So sei das zugelassene Nutzergewicht aufgrund ihrer Adipositas überschritten. Der Rollstuhl sei zu klein, verursache Druckstellen und Schmerzen.

Und dennoch: Das Gefährt gibt Lene Schuhmann zumindest für kurze Momente die Möglichkeit, am alltäglichen Leben teilzunehmen. „So kann ich mir zum Beispiel etwas zu essen machen oder mit meinem Mann auf Augenhöhe über seinen Tag sprechen.“ Ohne den Leihrolli wäre sie vollends aufgeschmissen.

Schon ihr alter Rollstuhl und seine Vorgänger waren nicht perfekt, sagt Lene Schuhmann: „Innerhalb der letzten neun Jahre konnte ich einen Rollstuhl maximal drei Jahre fahren – und das, weil meine Bedürfnisse und Defizite nicht angemessen bedacht wurden. Damit muss endlich Schluss sein!“ Gesetzlich vorgesehen ist, einen Elektrorollstuhl so lange wie möglich zu nutzen. Einen neuen zu beantragen, ist nach fünf Jahren möglich.

Der Wunsch: ein maßgefertigtes Modell, das lange hält

Lene Schuhmann hat sich Experten beraten, um eine langfristige und somit auch kostenschonende Lösung zu finden. Am Ende aller Überlegungen steht ein maßgefertigtes Modell mit einigen Extras wie Vollgummireifen, besonders starken Batterien und Schutzblechen. „Die Anschaffung ist etwas teurer“, sagt Lene Schuhmann. „Aber man spart Reparaturkosten – mal abgesehen davon, dass es für mich eine riesige Belastung ist, wenn ich das Haus nicht verlassen und mich nicht mal in den eigenen vier Wänden bewegen kann, weil mein Rollstuhl mal wieder kaputt ist.“

Die Spinale Muskelatrophie

Unter dem Begriff „Spinale Muskelatrophie“ (SMA) wird eine Gruppe von genetisch bedingten Krankheiten zusammengefasst. Dabei gehen fortschreitend motorische Nervenzellen vor allem im Rückenmark zugrunde – die Impulse vom Gehirn erreichen so nicht mehr die angeschlossenen Muskeln. Die Folge sind Muskelschwund, Lähmungen und eine verminderte Muskelspannung.

Die SMA gilt als seltene Krankheit. In Deutschland gibt es laut der Deutschen Muskelstiftung nur ungefähr 5000 Betroffene in allen Altersstufen. Experten schätzen, dass allerdings jede 35. Person in der Bevölkerung Anlageträger für SMA ist, also ein defektes Gen in sich trägt, selbst aber von der Krankheit nicht betroffen ist.

Bei etwa der Hälfte der Patienten treten erste Symptome bereits in den ersten Lebensmonaten auf – viele Kinder sterben vor Vollendung des zweiten Lebensjahres. Beginnt die SMA milder und später, können Patienten 80 Jahre und älter werden. Die Muskelschwäche nimmt kontinuierlich zu.

Die Barmer hat die Neuversorgung befürwortet, ist aber nicht bereit, die vollen Kosten zu tragen. „Es ist in unserem eigenen Interesse, dass unsere Versicherten die Versorgung bekommen, die sie benötigen“, heißt es. „Im Fall von Frau Schuhmann gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass sie einen Elektrorollstuhl benötigt. Deshalb haben wir den von ihr eingereichten Kostenvoranschlag auch bewilligt, allerdings nur zum Teil.“

Die Krankenkasse beruft sich aufs Gesetz

Der Rollstuhl würde 34 000 Euro kosten. Darin sind laut Barmer Zusatzfunktionen von über 6000 Euro enthalten, die „das Maß des medizinisch Notwendigen“ überschreiten. Das Gesetz sehe vor, „dass Hilfsmittel nur dann von der Solidargemeinschaft zu tragen sind, wenn sie medizinisch ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind.“

Lene Schuhmann hat im Oktober Widerspruch eingelegt – er wurde nun nach Monaten des Wartens, Nachhakens und erneuten Wartens abgewiesen. Die Barmer stützt sich dabei auf zwei Gutachten des unabhängigen Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). Der hat Lene Schuhmann nie zu Gesicht bekommen – dabei hatte sie dringend darum gebeten, nicht auf Aktenlage zu entscheiden, sondern sich vor Ort ein Bild von ihrer Situation zu machen. Lene Schuhmann ist am Boden zerstört – aber aufgeben? Das will und das wird sie nicht. „Es geht hier nicht um eine Sitzheizung“, sagt sie. „Es geht um meine Freiheit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, insofern man bei Pflegegrad 4 davon sprechen kann. Ich habe mir nicht ausgesucht, behindert zu sein.“ Nächste Station: Sozialgericht.

>>> Lesen Sie auch die Schicksalsgeschichte der vierjährigen Lotta aus Potsdam:

Lotta aus Potsdam ist unheilbar krank

Lottas Schicksal bewegt die Menschen im ganzen Land

Von Nadine Fabian

Das Rathaus und die Immobiliengesellschaft Tamax bestätigen Verhandlungen zur Kleingartenanlage Angergrund. Die letzten sechs Pächter sind auf einer Enklave versammelt, auf die Tamax keinen Zugriff hat.

30.03.2019

Als im letzten Jahr dutzende Bus- und Bahnfahrer zeitgleich krank waren, wurden ganze Linien gestrichen. Das soll nicht mehr vorkommen, verspricht die Vip. Gleichzeitig sind die Potsdamer mit ihrem Verkehrsbetrieb zufrieden.

29.03.2019

Der Potsdamer Wahlausschuss lässt elf Parteien und Wählergruppen, sowie einen Einzelkandidaten zur Kommunalwahl zu, darunter auch erstmals „Die Partei“. Die Frage des südafrikanischen Wohnsitzes von Linken-Kandidat Sascha Krämer führte zu einer Debatte um das Wahlrecht.

29.03.2019