Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Urteil im Jungfernsee-Prozess: Täter bleiben in Haft
Lokales Potsdam Urteil im Jungfernsee-Prozess: Täter bleiben in Haft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:16 29.04.2019
Der Moment vor der Urteilsverkündung: Nico N. (l.) wurde freigesprochen, die anderen drei Angeklagten erhielten hohe Haftstrafen. Quelle: Stefan Gloede
Potsdam

Im Prozess um den nächtlichen Überfall auf eine Familie in ihrem Zuhause am Jungfernsee im Sommer 2017 ist das Urteil gegen die vier Berliner Angeklagten gefallen. Die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Potsdam unter Vorsitz von Richter Jörg Tiemann verurteilte die beiden Haupttäter Jorge H. (23) und John R. (26) zu langen Freiheitsstrafen – H. zu neun Jahren und sechs Monaten, R. zu acht Jahren und sechs Monaten. Sie haben sich laut Gericht der besonders schweren räuberischen Erpressung in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub und gefährlicher Körperverletzung schuldig gemacht.

Der Drahtzieher des Überfalls, Florian G. (32), kassierte fünf Jahre wegen räuberischer Erpressung – eine Überraschung, denn das Gericht geht damit deutlich über die Forderung des Staatsanwalts, der drei Jahre wegen Beihilfe beantragt hatte. Der vierte im Bunde, Nico N. (25), wurde – wie von allen Prozessbeteiligten beantragt – freigesprochen. Er war von den drei anderen als Verstärkung an den Tatort nachgeholt worden und erklärte ihnen nach einer Runde um das Haus, dass er sich an dem geplanten Coup nicht beteiligen wolle – er hatte im Haus Licht brennen sehen und daraus geschlossen, dass die Familie daheim ist.

Die Täter schreckten die schlafende Familie auf

Während Nico N. und Florian G. in sicherer Entfernung zum Tatort warteten und zeitig die Flucht antraten, brachen Jorge H. und John R. in das zuvor mit einer Kamera ausgekundschaftete Haus in einer der besten und idyllischsten Potsdamer Lagen ein. Auf der Suche nach Bargeld schreckten sie die schlafende Familie auf – und gingen brutal gegen die Eltern und ihre Kinder vor.

Die Flucht der Mutter brachte die Rettung

Während Jorge H. den Familienvater auf dem Boden des Schlafzimmers mit einem in der Küche aufgeklaubten Pizzamesser in Schach hielt, trieb John R. auf der Jagd nach Geld und Schmuck die Mutter durch das Haus, schlug und trat sie und verletzte sie schwer. Um den Druck zu erhöhen, nahm er die älteste, damals elfjährige Tochter in den Schwitzkasten, würgte sie, trat ihr in den Rücken, riss an ihren Haaren und sperrte sie ins Bad. Die mittlere Tochter, die Übernachtungsbesuch von einer Schulfreundin hatte, versteckte sich in ihrem Zimmer. Der jüngste Sohn, damals drei, harrte unter der Bettdecke der Eltern aus. Erst, als der Mutter die Flucht gelang und sie bei den Nachbarn die Polizei alarmieren konnte, hatte der Schrecken ein Ende.

Jorge H. und John R. wurden wenig später in einer Straßenbahn festgenommen. Sie hatten sich in völliger Ortsunkenntnis durchs Gebüsch geschlagen, waren dann in den Jungefernsee gesprungen und um die Landzunge an der Eremitage geschwommen und an der Glienicker Brücke schließlich klatschnass in die Tram gestiegen. „Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen uns euphorische, lachende, Geld zählende junge Männer“, so der Richter.

Der Prozess ging immer wieder in die Verlängerung

Der Prozess vor dem Landgericht Potsdam hatte Mitte Oktober 2018 begonnen und war zunächst bis Mitte Dezember terminiert, ging aber mehrmals in die Verlängerung. Die Eheleute, die Schreckliches erlebt haben, beeindruckten dabei vor Gericht mit ihren von Groll und Bitterkeit freien Aussagen – sie betonten stets, dass es ihr größter Wunsch sei, dass sich die Angeklagten für die Zukunft eines Besseren besinnen und einen friedvollen, gewaltlosen Weg einschlagen.

Jorge H. und John R. sitzen bereits seit mehr als anderthalb Jahren in Untersuchungshaft. Sie nehmen das Urteil am Freitagnachmittag regungslos entgegen. Florian G. steht der Schock hingegen ins hochrote Gesicht geschrieben. Er ringt während der zweistündigen Urteilsverkündung um Fassung, schüttelt unablässig den Kopf, knetet die Hände – immer wieder sucht er die Zuwendung seiner Verteidiger. Florian G. hat wie die anderen Verurteilten ein Geständnis abgelegt, seinen Tatbeitrag dabei allerdings heruntergespielt. So hatte er erklärt, man sei in jener Nacht einzig und allein zu dem Haus gefahren, um die Tat zu planen. Keinesfalls habe man zu diesem Zeitpunkt in das Haus einbrechen wollen. Jorge H. und John R. sagten indes, Florian G. habe sie mit den Worten „Jetzt oder nie“ aufgefordert, in das Haus einzusteigen. „Sie haben sehr wohl gewollt, dass die Tat in dieser Nacht begangen wird, auch wenn Sie selbst nicht in der Wohnung sein und noch nicht mal an der Tür Schmiere stehen wollten“, so Richter Jörg Tiemann.

„Es war die reine Geldgier, die Sie bewegt hat“

Florian G. war auf das Haus am Jungfernsee durch die Haushälterin der Familie aufmerksam geworden. Die Freundin seiner Eltern aus alten NVA-Zeiten hatte beim Kaffeekränzchen mit ihren wohlhabenden Arbeitgebern angegeben und erzählt, dass in dem Haus große Mengen Bargeld liegen. Anders als seine Komplizen hatte Florian G. keine finanziellen Sorgen: „Es war die reine Geldgier, die Sie bewegt hat“, so der Richter. Er bezeichnete die Tat als auffällig brutal, das Vorgehen der Täter als berechnend und verwerflich. So hatten Jorge H. und John R. verabredet, dass einer „den guten Bösen“, der beschwichtigt und vermittelt, mimt, der andere „den bösen Bösen“, der hart und aggressiv vorgeht. Sie gaben sich zudem als Flüchtlinge aus, um eine falsche Spur zu legen. Besonders erschreckend sei die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Opfer malträtiert haben – „unbeeindruckt von deren Angst und Blut“. Der nächtliche Überfall auf den privaten Rückzugsort der Familie sei „ein Geschehen, wie man es nur in Krimis sieht wie man sie nie erleben möchte.“

Eine Woche Einspruchsfrist

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die drei Verurteilten und die Staatsanwaltschaft können binnen einer Woche das Rechtsmittel der Revision einlegen. Jorge H. und John R. droht nach Verbüßung der Haft die Abschiebung in ihr Geburtsland Kuba.

Von Nadine Fabian

In einem Waldstück in der Günther-Simon-Straße in Potsdam-Drewitz hat die Polizei 22 gestohlene Fahrräder beschlagnahmt. Nun suchen die Ermittler die rechtmäßigen Eigentümer des Diebesguts.

26.04.2019
Potsdam Live-Einsätze in Nordwest-Brandenburg - Twitter-Marathon von Feuerwehr und Polizei am Freitag

Freitags herrscht in den Leitstellen Hochbetrieb: Die Social-Media-Teams von Feuerwehr und Polizei berichten unter #gemeinsamimeinsatz 12 Stunden lang live von ihren Einsätzen. Diesmal twittern sie aus Potsdam, Havelland, Prignitz und Ostprignitz-Ruppin.

26.04.2019

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater präsentiert in Anlehnung an Hermann Melvilles Erzählung „Bartleby – Ich möchte lieber nicht“ ein Stück über passiven Widerstand.

26.04.2019