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Potsdam „Wir müssen den Tod wieder ins Leben holen“
Lokales Potsdam „Wir müssen den Tod wieder ins Leben holen“
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00:20 25.06.2018
Bettina Jacob leitet das stationäre Hospiz. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Wer ein Zimmer im strahlend-orangen Haus Nummer 13 auf Hermannswerder bezieht, hat sein Leben gelebt und muss schon bald loslassen. Seit sechs Jahren gibt es das Hospiz. Das wird am 30. Juni – ja, gefeiert. „Leben bis zuletzt“, sagt die Leiterin Bettina Jacob (55).

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Tod?

Ich erinnere mich gut daran und ich glaube, dass man seinen ersten Toten nicht vergisst. Ich habe vor der Ausbildung zur Krankenschwester in einem Pflegeheim gearbeitet. Ich hatte Dienst und eine Frau lag im Sterben. Als der Feierabend kam, fühlte ich, dass ich nicht gehen, sie nicht allein lassen will. Natürlich hatte ich zuvor schon mit Todesfällen zu tun, aber das war meine erste Sterbebegleitung, natürlich nicht mit dem Wissen, das ich heute habe, und nicht mit der Erfahrung. Mir war aber früh klar, dass der Tod zum Beruf der Krankenschwester dazugehört, auch wenn man als junge Frau den Beruf meist wählt, weil man Menschen helfen will, wieder gesund zu werden. In der Ausbildung wird dann schnell klar, dass man nicht immer helfen und nicht jeden am Leben halten kann. Es hat dann aber noch 30 Jahre gedauert, bis ich mich beruflich ganz der Sterbebegleitung gewidmet habe.

Welchen Auslöser gab es dafür?

Ich habe lange auf einer Intensivstation gearbeitet, also dort, wo Leben und Tod auf Messers Schneide stehen und es von einem selbst abhängen kann, ob jemand überlebt – und wo man manchmal auch ein Leben erhält, obwohl der Tod gnädiger wäre. Hinzu kommt, dass der heute stark von wirtschaftlichen Aspekten geprägte Krankenhausbetrieb ethisch schwierig für mich ist – ich wollte das nicht mehr vertreten.

Sie sind Tag für Tag mit dem Tod konfrontiert – sind Sie jeden Tag traurig?

Was wir hier erfahren, ist Teil des Lebens. Dass die Hälfte unserer Kollegen Christen sind, spielt auch eine Rolle, denn die Hoffnung, dass das Leben mit dem Tod nicht endet, kann ein Trost sein. Dass wir sehr kranken und sehr alten Menschen das Sterben ermöglichen können, erfüllt uns mit großer Dankbarkeit. Natürlich trauern wir auch – gerade, wenn jemand lange bei uns war oder wenn eine Mutter stirbt und Kinder zurückbleiben. Wenn man das Gefühl hat, es ist zu früh, dass der Mensch gehen muss, ist es besonders schwer. Aber wir schaffen es in der Regel, eine professionelle Distanz und gleichermaßen Nähe aufzubauen. Wer hier arbeitet, muss emphatisch sein und mitfühlen können – wenn er aber aufs Rad steigt und das Hospiz verlässt, muss er loslassen. Nein, wir sind auf keinen Fall jeden Tag traurig. Unser Haus ist heiter und dem Leben zugewandt.

Kommt durch Ihre Tür immer auch die Angst?

Die Angst spielt bei den meisten Gästen und Angehörigen eine Rolle. Es gehört zu einem guten Sterbeprozess, die Angst zu lindern.

Kann man sie nehmen?

Das hängt sehr von der jeweiligen Persönlichkeit und davon ab, welche Erfahrungen derjenige im Leben gemacht hat. Das eine ist die Angst vor unbeherrschbaren Qualen – die können wir relativ schnell nehmen. Das andere ist die Angst vor dem Unbekannten – da ist es schwieriger, denn wie es im Sterben ist, wissen ja auch wir nicht. Das erfährt man nur einmal und dann kann man nicht mehr berichten. Wir haben – unter anderem durch eine verbesserte Medizin – vergessen, dass der Tod zum Leben gehört. Es ist natürlich wunderbar, dass die Medizin so einen Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat. Aber dadurch denkt man auch, man kann den Tod besiegen. Kündigt er sich dann an, ist man verunsichert, ängstlich, wütend.

Wie geht Ihr Team mit Abschied um?

Wir haben mehrere Rituale. Ist jemand gestorben, stellen wir vor das Zimmer eine Kerze und Blumen. Wir schreiben den Namen des Verstorbenen auf einen Papierstern und heften ihn an die Sternenwand in unserem Wintergarten – die Angehörigen können einen Gruß dazu schreiben, wenn sie möchten. Nach einem Jahr nehmen wir die Sterne ab. Beim Erinnerungsgottesdienst werden die Namen dann noch einmal vorgelesen und für jeden eine Kerze angezündet. Später gibt es Kaffee und Kuchen mit den Angehörigen. Auch nach jeder der monatlichen Teamsitzungen kommen die Kollegen vor der Sternenwand zusammen und erinnern sich an alle, die in dem Monat gestorben sind.

Wie lange sind Gäste bei Ihnen?

Das ist sehr verschieden. Einige verbringen ein halbes Jahr bei uns, andere nur ein paar Tage. Im Durchschnitt sind es um die zwei Wochen. Wir hätten gern, dass es länger ist. Es tut uns für die, die nur ein, zwei Tage hier sind, leid, dass sie von dem schönen Hospiz nicht so sehr profitieren konnten.

Was ist denn hier das Schöne?

Hier kann abfallen, was man sonst so alles machen muss – es gibt kein Muss, nur noch ein „Du kannst“. Hier wird niemand um sieben geweckt, gewaschen, angezogen und an den Tisch gesetzt, wenn er nicht will. Hier entscheidet jeder selbst. Wir können die Lebensqualität verbessern, indem wir Schmerzen und andere Symptome wie Luftnot und Unruhe lindern. Besuch kann kommen und auch übernachten, wenn der Gast es möchte. Auch der Hund darf mit, gerade erst hatten wir einen Wellensittich. Unsere Zimmer sind zwar klein und möbliert, aber es ist möglich, Dinge mitzubringen, die das Zimmer heimisch machen.

Ist immer jemand dabei, wenn ein Gast geht?

Ja – das können natürlich auch die Angehörigen übernehmen. Wir beziehen sie in den allermeisten Fällen ein – aber auch das entscheidet letztlich der Gast. Der Wunsch des Gastes hat immer oberste Priorität – auch bei der palliativen Sedierung. Wenn ein Gast uns um das Schlafmittel bittet und nicht mehr aufwachen möchte, ist es für uns dennoch immer eine große Herausforderung – und das ist ein Glück. Wäre es nicht so, wäre die Hospizarbeit eine Massenabfertigung. Hospizarbeit muss aber individuell bleiben. Wir schauen immer, was angemessen ist, was zu demjenigen passt.

Dieses Haus ist das einzige stationäre Hospiz in Potsdam – reicht das aus?

Wir würden gern ein paar Plätze anbauen und das werden wir auch, es ist nur noch nicht klar, wann. Das Interesse an unserem Haus ist groß. Ich wünsche mir aber noch mehr Offenheit, ins Hospiz zu gehen. Wir müssen den Tod wieder ins Leben holen.

Ein Haus zum Leben und zum Sterben

Das stationäre Hospiz auf Hermannswerder hat acht Plätze. Etwa 20 Mitarbeiter und zehn ehrenamtliche Helfer sind für die Gäste da. Betreiber ist die Evangelische Hospiz Potsdam gGmbH, eine gemeinsame Gesellschaft von Diakonissenhaus und Hoffbauer-Stiftung.

Die Palliativversorgung ist Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Am 30. Juni wird gefeiert: mit einer Andacht auf der Wiese, Kaffee, Kuchen, Grill, Hüpfburg, DJ und Zirkus. nf

Von Nadine Fabian

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