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Potsdam „Die Potsdamer Barbesucher waren Heilige“
Lokales Potsdam „Die Potsdamer Barbesucher waren Heilige“
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00:20 04.05.2019
Für acht Jahre war die Bar in der 17. Etage Lisl Bertrams Arbeitsplatz.
Für acht Jahre war die Bar in der 17. Etage Lisl Bertrams Arbeitsplatz. Quelle: Foto: PGH Rotophot/
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Potsdam

Stille Nacht über Potsdam. So muss sich Lisl Bertram damals gefühlt haben, als sie in der Bar hoch oben im Interhotel zum ersten Mal ihre Ausgießer auf die Gin- und Whiskyflaschen pfropft. „Das war eine Ruhe!“, sagt Lisl Bertram. „Das kannte ich überhaupt nicht.“ Dass Potsdamer Nächte nur langsam an Fahrt gewinnen, muss die in die Leipziger Gastwirtsfamilie Pickelmann – Inhaber des Amüsierlokals „Haus Connewitz“, besser bekannt als „Schorsch’l“ – Geborene erst lernen. Noch heute schüttelt Lisl Bertram (79) den Kopf, wenn sie an die züchtigen Potsdamer denkt.

„Die Mentalität ist in Potsdam eine ganz andere – preußisch eben“

Lisl Bertram (79) war von 1977 bis 1985 Barmixerin in der legendären 17. Etage des Potsdamer Interhotels – heute „Mercure“. Nachdem sie das Haus auf eigenen Wunsch verlassen hatte, gründete sie das „Atelier Bertram“, das heute eine der ersten Adressen für feinstes Interieur ist. Quelle: Bernd Gartenschläger

Lisl Bertram lässt sich drauf ein.  Acht Jahre bleibt sie in der 17. Etage, wo tagsüber das Café „Bellevue“ zum Imbiss mit Weitblick und nachts die höchste und exklusivste Bar der Stadt zum Tanz einlädt: „Es hat mir riesig gefallen dort oben.“ Dass die Café-Bar nach der Wende Konferenzräumen weichen musste, ist für Lisl Bertram unverständlich. „Ein Prestigeverlust“, sagt sie. „Einfach traurig... Die oberste Etage ist – nicht nur fürs Hotel, auch für die Stadt – eine einmalig tolle Möglichkeit, Menschen zu begeistern.“

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Lisl Bertrams Abschied von der 17. Etage naht, als sie kürzer treten möchte und den Hoteldirektor bittet, in Teilzeit arbeiten zu dürfen. „Das hatte viele Gründe“, sagt sie. Die Sehnsucht nach einem normalen Tagesablauf ist einer: „Ich habe mein Haus ja niemals in den Abendstunden bei eingeschaltetem Licht gesehen!“ Der Blick in die Zukunft ein anderer: „Ich wusste, dass ich nicht ewig nachts die Grande Dame spielen kann. Ich wusste immer, dass ich eine Alternative brauche.“

Daheim in Caputh gründet sie eine Manufaktur für Lampenschirme

Der Chef erfüllt Lisl Bertrams Wunsch nicht – offenbar aus Sorge, dass ihr Beispiel bei den Kollegen – das Hotel beschäftigt damals 400 Mitarbeiter – Schule machen könnte. „Ich bin dann ins kalte Wasser gesprungen“, so Lisl Bertram. „Und ich muss sagen: Der Sprung ist mir hervorragend gelungen.“ 1985 verlässt sie ihre Bar, das Interhotel und das Gastgewerbe an sich und gründet daheim in Caputh eine kleine Manufaktur für Lampenschirme – der Beginn des heute über die Stadtgrenzen hinaus bekannten „Atelier Bertram“. Seit 2000 führt Tochter Annelie das Einrichtungshaus, das seinen Weg von Caputh über Babelsberg in die City gefunden hat und eine der feinsten Interieur-Adressen ist.

„Ich bin Barmixer – mit Leib und Seele“, sagt Lisl Bertram: „Der Abschied aus der Gastronomie ist mir trotzdem nicht schwer gefallen. Ich hatte ja etwas Neues, in dem ich aufgegangen bin. Und ich wollte auch nie in die Gastronomie! Ich wollte in die Mode!“ Auch wenn ihr dieser Weg – „Das waren andere Zeiten. Wir mussten funktionieren“ – verwehrt blieb: Ein Händchen für schöne Stoffe, raffinierte Schnitte und Details beweist Lisl Bertram schon in Bar-Zeiten mit ihren einzigartigen Roben, von denen Wegbegleiter und ehemalige Gäste bis heute schwärmen. Die Abendkleider, sozusagen ihre Berufsbekleidung, hat sie selbst entworfen und sich von einer Freundin auf den Leib schneidern lassen. Dazu trägt sie Highheels: „Keine Frage!“

Wie viele Geheimnisse sie wahrt? – „Viele, sehr viele! Bis heute“

Wie oft die aparte Frau hinter der Bar auf ein Schlückchen eingeladen wird? Lisl Bertram hat die Angebote nicht gezählt. Für sie gilt: Kein Alkohol im Dienst. Ihre Gäste brüskieren möchte sie aber auch nicht: Sie tut einfach so, als würde sie nippen und lässt ihr Glas nonchalant unter der Theke verschwinden. „Diskretion“, sagt Lisl Bertram, „ist die oberste Tugend an der Bar.“ Wie viele Geheimnisse sie wahrt? „Viele, sehr viele! Bis heute.“

Ein Hotel mit Geschichte(n)

Das „Mercure“ war das zehnte Interhotel der DDR, wurde ab 1966 gebaut und am 1. Mai 1969 eröffnet.

Das Interhotel Potsdam hatte in 17 Etagen mehr als 420 Gästezimmer. Im Sockel waren der Empfangsbereich, ein Großteil der Gastronomie und ein Intershop untergebracht. Im Dachgeschoss gab es ein „Café Bellevue”, das tagsüber zum Imbiss mit Weitblick einlud und nachts zur höchst gelegenen Tanzbar der Stadt wurde. Das Hotel beschäftigte 400 Mitarbeiter – heute sind es noch über 80.

Zum Mythos des Interhotels gehörte eine komplett von der Defa angemietete Etage. Zu den prominenten Gästen des Hauses zählten Zsa Zsa Gabor, Audrey Landers, Bernhard Wicki und der sowjetische Regisseur Juri Oserow. Für besondere Besucher hielt das Hotel sogar eine hauseigene Motoryacht bereit.

In der Nachwendezeit wurde das Hotel mehrfach umgebaut. So wurde 1994 das Panoramacafé geschlossen. 2002 wurden die Räume unterm Dach zur Konferenz- und Veranstaltungsetage umgebaut. Reanimiert wurde das Café für ein Wochenende im Januar als besonderer Aussichtspunkt zur Eröffnung des Landtags im Januar 2014 im wieder aufgebauten Stadtschloss am Alten Markt – 2500 Gäste kamen in die eigens geöffnete 17. Etage, um den Blick über die Stadt zu genießen.

Unter dem Motto „In der 17. hat man noch Träume“ lebten am 3. September 2016 das Café Bellevue und die Bar noch einmal auf. Angestoßen hatten das Event Ingo Opitz, Claudia Thom-Neumann und Ronny Rammelt. 1300 Besucher – darunter viele ehemalige Mitarbeiter und Gäste – kamen und feierten ein rauschendes Fest bis tief in die Nacht.

Mit 430 Betten ist das Mercure heute nach Dorint und Kongresshotel das drittgrößte Hotel in Potsdam.

Das Hotelhochhaus ist 62 Meter hoch. Die Immobilie gehört dem französischen Unternehmen FDM. Betreiber ist die Event Hotelgruppe. Mercure ist eine Marke des global agierenden Accor-Konzerns, zu dem u.a. Sofitel, Novotel, Pullmann und Ibis gehören.

Eine Millioneninvestition hatte FDM im Jahr 2018 auf den Weg gebracht: Bei laufendem Betrieb wurden sämtliche Zimmer und Suiten renoviert. Im März 2019 wurde der 1992 an der Traufe montierte Schriftzug erneuert. nf

Von Nadine Fabian

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