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Potsdam Janine und Nicole: Die stärksten Schwestern der Stadt
Lokales Potsdam

MAZ-Spendenaktion Sterntaler 2020 in Potsdam: Diese Schwestern boxen bei Fair

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20:30 16.12.2020
Janine (l., 29) und Nicole Wiedecke (19) gehören zum Team des Integrations-Box-Projekts Fair.
Janine (l., 29) und Nicole Wiedecke (19) gehören zum Team des Integrations-Box-Projekts Fair. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Janine und Nicole Wiedecke sind Schwestern wie aus dem Bilderbuch: Die beiden jungen Frauen können sich im Gespräch ohne große Worte verständigen, zwischen Janine (29) und Nicole (19) reicht oft ein Blick. Die eine ist bereits Sonderpädagogin, die andere studiert in Potsdam und will denselben Beruf ergreifen. Und beide teilen mit dem Boxen eine große Leidenschaft.

Die große Schwester ging voran

Nicole und Janine Wiedecke trainieren beim Box-Projekt Fair des Universitätssportvereins, für das die MAZ in diesem Jahr Spenden sammelt. Den Weg in den Boxkeller hat zuerst Janine gefunden, eher zufällig, wie sie sagt: „In einer Mail der Uni wurden die offenen Plätze in den Uni-Sportkursen angeboten“, sagt sie, „beim Angebot fürs Boxen hat es bei mir dann irgendwie Klick gemacht und ich bin einfach mal hingegangen.“ Fünf Jahre ist das jetzt her, die kleine Schwester kam vor zwei Jahren dazu. „Ich hatte schon immer Lust auf Kampfsport, um nach der Schule damals den Kopf freizukriegen“, sagt Nicole Wiedecke. Beide sind sich einig, dass die jüngere Schwester die etwas sportlichere ist.

„Nicole kam drei Jahre nach mir und boxt auf jeden Fall mindestens auf meinem Niveau“, sagt Janine Wiedecke. „ich habe früher überhaupt keinen Sport gemacht, aber das ist nicht schlimm.“ Neid liegt dabei nicht in der Stimme, ganz im Gegenteil. Die große ist stolz auf die kleine Schwester. „Wir haben unterschiedliche Ziele, ganz klar“, sagt die.

Man geht an die Grenzen

Das Box-Projekt Fair, da sind sie sich einig, ist genau das richtige für sie. „Ich brauche lange, um Bewegungen zu lernen, ich bin da nicht so intuitiv“, sagt Janine Wiedecke. Aber das werde genauso akzeptiert wie der unbedingte Wille anderer Kämpferinnen, im Ring zu stehen. „Natürlich bringen die Trainerinnen und Trainer uns alle an unsere Grenzen, das Training ist auch mal richtig, richtig hart. Darum geht es ja auch. Aber es gibt keinen Druck, etwas zu tun, das man nicht will“, sagt sie. Persönliche Trainingsprogramme, die auf jeden einzelnen Sportler abgestimmt werden, helfen beim Erreichen der eigenen Ziele – in Janine Wiedeckes Fall: Klimmzüge schaffen. „Das Boxtraining hat mich schon so vieles gelehrt“, sagt die Pädagogin, „und ich bin kurz davor, das auch zu schaffen.“

Nicole Wiedecke will vor allem die eigene Ausdauer und Athletik aufbauen, die Techniken lernen, die beim Boxen entscheidend sind. „Ich strebe jetzt nicht ausdrücklich nach dem Leistungsniveau“, sagt die 19-Jährige, „aber ich schließe es auch nicht kategorisch aus, wer weiß schon, was noch kommt.“ Im Ring stand sie bereits bei einem eigens organisierten Frauen-Sparring. „Da sind wir alle zusammen nach Berlin gefahren, es war eine unglaublich gute Erfahrung“, sagt Nicole. Janine hat sie angefeuert, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern.

Die Eltern sind nicht nur begeistert

Der Teamgedanke im Einzelsport Boxen werde bei Fair immer mitgedacht, sagen beide Schwestern. „Ob nun im gemeinsamen Training, bei Feiern oder jetzt in der Corona-Phase in den Online-Einheiten, ich habe immer das Gefühl, dass wir zusammen statt alleine boxen“, sagt Janine Wiedecke. Auch unangenehme Aufgaben wie das Aufbauen des Ringes würden einfach erledigt, zusammen.

Die Eltern Wiedecke sind dabei nicht immer so begeistert wie ihre Töchter. „Sie unterstützen uns auf jeden Fall, aber ich muss zugeben, sie hätten sich über einen anderen Sport anfangs vielleicht mehr gefreut. Eine Grundskepsis ist da schon vorhanden“, sagt Nicole Wiedecke. „Boxen hat einen rauen Ruf“, ergänzt ihre Schwester. Auch im Privaten habe sie öfter erlebt, dass Menschen automatisch einen Schritt zurückgehen, wenn sie hören, dass die beiden Frauen auf Sandsäcke schlagen und ihre Kraft trainieren. Völlig unnötig sei das, beruhigt Janine Wiedecke. „Mir geht es um Körperwahrnehmung, um Beherrschung“, sagt sie. Als Lehrerin habe sie schnell gemerkt, wie das Training ihre gesamte Haltung ändere, für viel mehr Präsenz im Klassenzimmer sorge. „Früher wollte ich nett sein, heute habe ich eine viel stärkere Ausstrahlung.“

Nicole Wiedecke, die Studentin, hat genau den Ausgleich gefunden, den sie sich als Abiturientin beim Boxen erhofft hat. „Ich kann nach einem langen Tag einfach abschalten, an etwas ganz anderes denken“, sagt sie. Angst vor einem blauen Auge hat sie nicht. „Ich denke, dass die Verletzungsgefahr im Boxkeller eher geringer ist als in anderen Sportarten, weil wir ganz genau wissen, wie viel Kraft wir brauchen.“ Wichtiger ist den Schwestern ohnehin, die eigenen Fortschritte zu sehen, zu merken, was sie können.

Für Frauen und Mädchen, die sich selbst mal an den Pratzen oder dem Sandsack ausprobieren wollen, empfehlen die stärksten Schwestern der Stadt besonders das speziell auf Frauen ausgelegte Training bei Fair. Sobald wieder gemeinsamer Sport möglich ist, wird es immer mittwochs stattfinden. „Die Hemmschwelle ist da ganz oft niedriger, vor allem, wenn man neu ist“, weiß Nicole Wiedecke.

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Von Saskia Kirf