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Potsdam MAZ sammelt für „Fair“: Ein Trainer mit Geschichte
Lokales Potsdam

MAZ sammelt Spenden für Boxverein: Andres Jurk kam als Kind nach Deutschland und trainiert heute Jugendliche bei Fair in Potsdam

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16:33 11.12.2020
Andres Jurk (24) ist Trainer bei „Fair". „Wir bewirken vieles unterschwellig“, sagt er.
Andres Jurk (24) ist Trainer bei „Fair". „Wir bewirken vieles unterschwellig“, sagt er. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Viele Male hat sich Andres Jurk als Teenager einen Ort gewünscht, an dem er für ein, zwei Stunden in der Woche frei sein kann. An dem er sich ausprobieren und wachsen kann. Einen Ort wie das Boxprojekt „Fair“, wo er heute Trainer ist.

Andres Jurk (24) stammt aus Russland. Die ersten Lebensjahre hat er bei Jekaterinenburg verbracht – dort, wo Europa Asien berührt. Die Familie der Mutter hat russlanddeutsche Wurzeln. Der Gedanke, nach Deutschland überzusiedeln, ist dem Jungen früh vertraut. Als der Großvater die Diagnose Lungenkrebs erhält und die Ärzte ihm noch drei Monate geben, packen Andres, seine Mutter und der kranke Großvater die Koffer. Andres Jurk ist damals sechs Jahre alt und Deutschland ein fernes, fremdes Land. „Immer, wenn ich in der Kita ein neues deutsches Wort aufgeschnappt hatte, bin ich zu meinem Großvater gerannt und habe ihn gefragt, was es bedeutet“, erzählt er. Er ist acht, als der Opa beerdigt wird.

Auch Jugendliche, die Gewalt erfahren haben, sind willkommen

Abschied nehmen. Ankommen. Sich behaupten. Einen Platz finden. Das alles hat Andres Jurk mit vielen seiner „Fair“-Schützlinge gemeinsam. Wie viele Nationen er trainiert? „Keine Ahnung – ich zähle da nicht mit“, sagt Andres Jurk. Bei „Fair“ ist jeder willkommen. Auch Jugendliche, die Gewalt erfahren haben: „Sie sind im ersten Training entweder extrem aggressiv oder zurückhaltend“, sagt Andres Jurk. „Wenn jemand am Boxsack direkt explodiert oder einfach nur dasteht und nicht mehr kann, dann ahnt man, dass etwas dahinter steckt.“

So können Sie „Fair“ unterstützen

Die MAZ sammelt in der diesjährigen „Sterntaler“-Weihnachtsaktion Spenden für den das Box-Projekt „Fair“ des Universitätssportvereins Potsdam.

Wir bitten um Ihre Hilfe, um Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben, um Gewalt vorzubeugen, um Mädchen und Frauen zu stärken.

Wir haben bereits 1300 Euro gesammelt und bedanken uns recht herzlich heute bei Waltraud Ihle aus Potsdam für 50 Euro. Ob 5, 50 oder 500 Euro: Jeder Cent zählt!

Das Spendenkonto: Universitätssportverein Potsdam e.V.IBAN: DE59 1605 0000 3501 1011 97 BIC: WELADED1PMBSpendenzweck: FAIR

Bei Spenden über 200 Euro erhalten Sie zu Beginn des kommenden Jahres automatisch eine Bestätigung des Finanzamts. Bei Summen unter 200 Euro genügt dem Finanzamt ein Überweisungsbeleg, um die Spende steuerlich geltend zu machen.

Haben Sie Anregungen zur MAZ-Weihnachtsaktion? Möchten Sie uns die Geschichte erzählen, die Sie ganz persönlich mit dem Boxen verbindet? Kontaktieren Sie uns gern telefonisch unter der Nummer 0331/2 84 02 80 und per E-Mail: potsdam-stadt@maz-online.de

Andres Jurk hat seine Jugend in Berlin verbracht. Nach dem Abitur richtet er seine Zukunft darauf aus, andere fürs Leben fit zu machen. An der Universität Potsdam studiert er Mathematik und Informatik auf Lehramt. Als er nach Potsdam zieht, fängt er beim Unisport mit dem Boxen an. Bis dahin war er Stammgast im Fitnessstudio, hatte aber schon lange den Wunsch, in die Welt des Kampfsports einzutauchen: Bereits als Kind interessiert ihn das Boxen, doch er traut sich nicht.

So viel mitnehmen wie möglich

Ein halbes Jahr bringt Andres Jurk beim Unisport mit den Boxgrundlagen zu, wechselt dann ins Leistungstraining. „Ich wurde sehr intensiv gefördert“, erzählt er. Schnell steigt er ins Wettkampfgeschehen ein – und wenig später auch schon wieder aus. „Meine Wahrnehmung des Sports war eine andere als die meiner Trainer“, erklärt er. „Die Trainer wollten jemanden, der im Kampf bestehen und sich im Ring wohlfühlen kann. – Ich war vor allem daran interessiert, den Sport zu erlernen, so viel wie möglich mitzunehmen.“

„Meine Trainer waren ehrgeiziger als ich“

So richtig klick macht es, als er bei den Hochschulmeisterschaften zum Finale in den Ring steigt. „Als ich diesen Kampf verloren hatte, war das für mich in Ordnung. Meine Trainer waren aber ehrgeiziger als ich.“ Andres Jurk weiß, dass er nach diesem Kampf, der ihm „nur“ Silber einbringt, eine Pause braucht. Fernab vom Ring reift die Gewissheit, dass er im Wettkampfsport nicht weitermachen möchte. „Ich bin durchaus leistungsbereit und könnte sicher mehr erreichen“, sagt er. „Mein Fokus ist aber ein anderer.“

In jener Zeit des Nachdenkens und Nachfühlens muss Andres Jurk ein pädagogisches Praktikum außerhalb der Schule ablegen – er meldet sich bei der Jugendabteilung des Universitätssportvereins und bei „Fair“ und begleitet das Training als Assistent. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt Andres Jurk. Nach dem Praktikum möchte ihn das „Fair“-Team halten – und er möchte bleiben.

Er wacht nachts auf und grübelt, was er besser machen könnte

Trainer zu sein, erfülle ihn auf eine besondere Art. Normalerweise – also ohne Corona – ist Andres Jurk an vier Nachmittagen in der Woche im Boxkeller zu finden. Auch wenn das Studium anspruchsvoll und die Arbeitslast hoch ist und ihm die Fülle der Aufgaben einiges abverlangt: „Ich habe das Gefühl, dass ich es den Jugendlichen schuldig bin, gute Arbeit zu leisten“, sagt Andres Jurk. Manchmal wacht er nachts auf und grübelt, was er hier, was da besser machen könnte? „Mein Anspruch ist es, einen Menschen, der null Prozent boxen kann, innerhalb eines Jahres so weit zu bringen, dass er den Boxsport verstanden hat und sich wie ein Boxer bewegt.“

Er will, dass alle miteinander trainieren können

Er wolle gute Trainingspartner erziehen. „Ich will, dass jeder mit jedem trainieren kann, ohne dass jemand verletzt wird“, sagt Andres Jurk. Er wolle den Jugendlichen auch die Augen öffnen: „Ich beobachte im Alltag so viele Menschen, die sich bis aufs Blut provozieren, als würden sie gleich miteinander kämpfen – das ist schockierend. Falls einer meiner Jungs oder eines meiner Mädchen in so eine Situation gerät, möchte ich, dass sie bei mir gelernt haben, da sofort rauszukommen und sich nicht drauf einzulassen – ich möchte, dass sie realisieren, dass man sowas einfach nicht macht.“

Dinge verarbeiten kann, die man anderswo nicht rauslassen kann

„Fair“ ist für ihn dieser Ort, von dem er als Kind geträumt hat. Ein Ort, an dem man sich ausleben und auspowern kann. An dem man Dinge verarbeiten kann, die man anderswo nicht rauslassen kann. Vor allem aber ist „Fair“ für ihn ein Ort, an dem alle aufeinander aufpassen – auf dass alles gut gehen und sich jeder einzelne weiterentwickeln möge. „Wir bewirken mit unserem Training bei den Kindern und Jugendlichen vieles unterschwellig“, sagt Andres Jurk. „Ich wünschte, ich hätte so einen Ort gehabt.“

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Von Nadine Fabian