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Potsdam Die umwerfende Betty
Lokales Potsdam

MAZ sammelt zu Weihnachten Spenden für Boxer vom Verein Fair in Potsdam mit Landesmeisterin und Olympia-Hoffnung Betty Reinke

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13:48 21.12.2020
Betty Reinke (15) ist Box-Landesmeisterin. Der USV Potsdam und sein Projekt Fair sind ihre sportliche Heimat und noch mehr.
Betty Reinke (15) ist Box-Landesmeisterin. Der USV Potsdam und sein Projekt Fair sind ihre sportliche Heimat und noch mehr. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Betty hat Fans, aber sie weiß das gar nicht. Klar, ab und zu hat sie mitbekommen, wie die kleineren Mädchen andächtig zuschauen, wenn sie für einen Trainingskampf in den Ring steigt. „Aber ein Vorbild? Ich?“ – Betty streicht sich über das rote, schulterlange Haar, lächelt verstohlen. „Nein, dass wusste ich nicht. Aber gut!“

Betty Reinke ist 15 Jahre alt. Sie wohnt mit ihren Eltern und den drei jüngeren Schwestern in Rehbrücke, sie geht aufs Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Babelsberg und haut in ihrer Freizeit andere Mädchen um. Betty ist zierlich, ihre Rechte schnell und präzise. In ihrer Alters- und Gewichtsklasse ist Betty Landesmeisterin im Boxen. Betty trainiert bei Fair, dem Projekt des Universitätssportvereins Potsdam, das Kindern und Jugendlichen – egal, welcher Herkunft – nicht nur eine sportliche Heimat gibt und für das die MAZ mit ihrer diesjährigen „Sterntaler“-Weihnachtsaktion Spenden sammelt.

Mit vier Jahren beginnt sie mit Leichtathletik

Betty hat im Frühjahr 2017 mit dem Boxen angefangen. „Das ist eine egoistische Geschichte“, sagt sie und erzählt.

Schon immer hat Betty Sport gemacht. Mit vier Jahren beginnt sie mit Leichtathletik, „eher so kindermäßig“. Ab der zweiten Klasse trainiert sie im Verein. „Ich war gut im Ausdauerlauf – aber nicht sehr gut. Ich habe gemerkt, dass andere besser sind als ich. Und dass mich die Leichtathletik auch nicht wirklich erfüllt.“ Betty ist in der Sechsten, als sie nach etwas Neuem sucht und in einer TV-Serie boxende Mädchen sieht. Sie checkt sofort, dass sie es in dem Sport ziemlich schnell ziemlich weit an die Spitze schaffen kann, denn die Konkurrenz ist im Frauen-Boxen noch immer überschaubar – und Betty ist fit und ehrgeizig.

„Wenn ich mal Deutsche Meisterin bin, habt ihr aber Pech gehabt!“

Betty ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nichts von Fair. Sie hat sich einen anderen Potsdamer Verein ausgeguckt und will sich dort beim Probetraining vorstellen, doch daraus wird nichts: Betty ist zwar pünktlich zur verabredeten Uhrzeit an Ort und Stelle – doch die Halle ist verschlossen und weit und breit niemand in Sicht. Am Telefon teilt man ihr mit, dass Mädchen gerade „nicht benötigt“ werden. Das ist der wahre Schlüsselmoment in Bettys Geschichte: „Die Absage hat mich bestärkt. Ich hab mir gesagt: Wenn ich irgendwann mal Deutsche Meisterin bin, habt ihr aber Pech gehabt!“

1250 Euro sind schon da: So können Sie helfen

Die MAZ sammelt in der diesjährigen „Sterntaler“-Weihnachtsaktion für den Boxverein Fair.

Wir bitten um Ihre Hilfe, um Kindern und Jugendlichen Selbstvertrauen zu geben, um Gewalt vorzubeugen, um Mädchen und Frauen zu stärken.

Die ersten Spenden – insgesamt 1250 Euro – sind eingetroffen: Wir bedanken uns sehr herzlich bei Andreas Zaretzke aus Potsdam für 100 Euro, Familie Jürgen Ahrndt aus Potsdam für 50 Euro, Jan und Kerstin Boecker aus Michendorf für 500 Euro, Herbert Ambros aus Geltow für 50 Euro, Heiderose Winkler für 200 Euro und Christopher Weis aus Potsdam für 350 Euro.

Das Spendenkonto: Universitätssportverein Potsdam e.V.IBAN: DE59 1605 0000 3501 1011 97 BIC: WELADED1PMBSpendenzweck: FAIR

Haben Sie Anregungen zur MAZ-Weihnachtsaktion? Möchten Sie uns die Geschichte erzählen, die Sie ganz persönlich mit dem Boxen verbindet? Kontaktieren Sie uns gern telefonisch unter 0331/2 84 02 80 und per E-Mail: potsdam-stadt@MAZ-online.de

Deutsche Meisterin ist Betty heute zwar noch nicht (der Titelkampf ist wegen der Coronavirus-Pandemie abgesagt worden), aber das ist nur eine Frage der Zeit, meinen all jene, die Betty einmal im Ring gesehen und vom Boxen ein wenig Ahnung haben. Bettys erster Wettkampf war nach nur 20 Sekunden zu Ende: Der gegnerische Trainer hatte das Handtuch geworfen, nachdem sein Mädchen zu Boden gegangen und ihm – auf einen Schlag – klar geworden war, dass gegen Betty nichts auszurichten ist. „Am Anfang habe ich mich gefreut“, sagt Betty. „Aber das hielt nicht lange: Ich wollte ja was zeigen. Ich wollte ja zeigen, dass ich was kann.“

Für Betty eine Gegnerin zu finden, ist schwer

Sich im Ring zu profilieren ist für Betty gar nicht so einfach. Die Fair-Trainer sagen, dass es schwer ist, für sie eine Gegnerin zu finden. Das ist – abgesehen von den eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten während der Pandemie – das größte Problem. Wer mit Betty in den Ring steigt, muss in etwa so groß und so leicht sein wie sie, in ihrem Alter und ein Mädchen. Gegen Jungs darf Betty nicht kämpfen. Das ist Vorschrift. Und wenn Betty eins beim Boxen gelernt hat, dann ist es, sich an Regeln zu halten, auch wenn man vielleicht gerade anders möchte und könnte.

Betty hat auch gelernt, an sich selbst zu glauben. „Boxen ist ein guter Sport, um Selbstbewusstsein aufzubauen“, sagt sie. „Man kommt aus sich raus, man lernt, sich was zu trauen. Man darf aber nicht mit Vorurteilen rangehen – nicht mit negativen und nicht mit positiven.“

„Die größte Rolle spielt der Kopf“

Mit dem noch immer gängigsten Vorurteil, dass Boxen nur etwas für Jungs sei, räumt Betty mit ihrer bloßen Anwesenheit und umwerfenden Begeisterung auf. Von einem anderen, weit verbreiteten, musste sich Betty selbst erst einmal frei machen: „Auch wenn das viele glauben: Boxen hat nichts – oder nur wenig – mit Kraft zu tun, sondern mit Technik“, sagt Betty. „Man muss locker schlagen, konzentriert, kontrolliert – die größte Rolle spielt der Kopf. Du kannst nur gewinnen, wenn im Kopf klar ist, dass du gewinnen willst. Man muss 100 Prozent dabei sein.“

Maria Pohle ist Pädagogin bei „Fair“, Felix Hoffmann leitet das Projekt – beide sind auch als Trainer aktiv. Quelle: Bernd Gartenschläger

Betty ist 110 Prozent dabei. Sie trainiert hart, ist an vier, meist an fünf Tagen in der Woche im Boxkeller. Am Wochenende joggt sie oder fährt Rad. Ihre Trainer sagen, Betty muss gebremst werden. Das weiß sie selbst – was allerdings nicht heißt, dass Betty sich auch ausbremsen lässt. Betty ist stur, sagen die Trainer. Sie selbst würde sagen: positiv besessen. „Ich bin kein übermäßiges Talent, das eine Übung sieht und sofort umsetzen kann“, sagt Betty. „Ich habe mir jeden einzelnen Schritt erarbeitet und oft Geduld mit mir selbst haben müssen, weil mein Körper und mein Kopf einfach noch nicht soweit waren.“ Betty sagt lieber von sich, sie habe Potenzial – und sie hat einen Traum. „Ich möchte zu Olympia. Das ist doch klar! Welcher Leistungssportler möchte das nicht?“

Betty Reinke in Aktion. Quelle: fair

Den Weg zu den Olympischen Spielen will Betty in Potsdam weitergehen. Zwar könnte sie auf die renommierte Sportschule in Frankfurt (Oder) wechseln, die seit mehr als 50  Jahren Spitzen-Boxer ausbildet. „Aber ich will nicht“, sagt Betty. „Hier in Potsdam habe ich alles.“ Alles ist für sie vor allem „die krasseste Betreuung“. Ein Trainerwechsel ist für Betty undenkbar. Bei Felix Hoffmann hat sie im Frühjahr 2017 die erste Probestunde absolviert, er hat sie nach dem Grundlagentraining in die Leitungs- und Wettkampfabteilung geholt und betreut sie auch jetzt in der Zeit der Pandemie.

Der erste Lockdown hat Betty vieles abverlangt – denn ohne Training, ist Betty nicht Betty. „Andererseits hat mir die Zwangspause gut getan“, sagt sie und räumt im nächsten Atemzug ein, dass sie losgelegt hat, es peu à peu wieder erlaubt wurde. „Es fühlt sich einfach falsch an, nicht zu trainieren“, sagt Betty. „Wenn ich fix und fertig bin, ist das einfach ein extrem schönes Gefühl.“

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Von Nadine Fabian