Mauerfall auf der Glienicker Brücke: „Das überlagerte selbst den Mauerfall“
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Potsdam „Das überlagerte selbst den Mauerfall“
Lokales Potsdam „Das überlagerte selbst den Mauerfall“
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15:36 12.11.2019
Christine Jann (56) war am Tag des Mauerfalls hochschwanger. Das hielt weder sie, noch ihren Sohn vom Weg in die Freiheit ab. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Christine Jann konnte am 9. November 1989 nicht glauben, dass die Grenzen der DDR geöffnet wurden. Statt in den Westen fuhr die damals 26-jährige Zahnmedizinerin nach einer Familienfeier in ihre Wohnung in der Brandenburger Vorstadt. Selbst als in der Nacht das Telefon klingelte und eine Bekannte sagte: „Christine, du musst nach Berlin“, dachte Jann nicht daran. „Ich möchte eigentlich nur schlafen“, antwortete die Hochschwangere neun Tage vor dem Geburtstermin ihres Sohnes. Doch an diesem historischen Tag sollte nichts nach Plan verlaufen.

In dieser Nacht hielt das Radio Christine Jann im Halbschlaf. Weil der Traum vieler DDR-Bürger Wirklichkeit wurde, verdichteten sich die Nachrichten über Menschen, die in den Westen reisten. „Es war ein unwirklicher Zustand. Niemand wusste, wie lange das gut geht und was passiert“, erzählt Jann. Schließlich überkam auch sie die Euphorie. „Ich musste diesen kurzen Moment nutzen und unbedingt einmal in den Westen, um meinem ungeborenen Sohn erzählen zu dürfen: Du bist dabei gewesen.“

„An der Rembrandtstraße war Schluss“

Viele wollten dabei sein, die Stimmung an diesem sonnigen 10. November miterleben. Der Ansturm auf die Tagesvisa der Volkspolizei war groß, die Wartezeiten lang. „Man hat das Visum sicherlich nicht gebraucht, aber es war so verinnerlicht“, erinnert sich Jann.

Im Lada fuhren die beiden Frauen dann über die Berliner Straße in Richtung Glienicker Brücke. „Früher war für DDR-Bürger auf Höhe der Rembrandtstraße Schluss“, erzählt Christine Jann, „An diesem Tag konnten wir nicht weiterfahren, weil überall Autos standen, voll mit Menschen, die in den Westen wollten.“

Auf die Euphorie folgte das Erwachen

Im Schritttempo fuhren die Schwestern den Autos hinterher. Über die Glienicker Brücke ging es in die unbeschreibliche Euphorie der Westberliner an der Grenze und weiter durch das stockfinstere Grenzgebiet bis in das immer heller beleuchtete Zentrum Westberlins. „Der Kudamm war der Inbegriff von Westberlin. Der breite Boulevard mit Geschäften – das kannte man vom Hörensagen. Dahin wollten wir“, sagt Jann.

Christine Jann ließ sich in den Menschenmassen über den Kurfürstendamm treiben. Die Stimmung war ausgelassen, Jann beeindruckt und euphorisiert – bis für die Hochschwangere das Erwachen kam.

Jubel, Blasensprung, Odyssee

Sie musste auf Toilette und entschuldige sich bei der Toilettenfrau dafür, dass sie nur 50 Ostpfennig hatte. Die Antwort, „Jetzt müssen wir euch auch noch durchfüttern“, gab Jann eine ganz leise Ahnung davon, dass der 10. November nicht alle jubeln ließ.

Irgendwo in westberliner Menschenmassen, irgendwann in den Morgenstunden ließ sich aber auch ein kleiner Julius vom Freiheitsjubel anstecken. Christine Jann bekam einen Blasensprung. „Ich wusste, dass ich gedanklich so langsam in Richtung Krankenhaus musste, aber das war nicht ganz so einfach“, erinnert sie sich. Die beiden Schwestern fuhren immer den blauen Hinweisschildern nach zur Autobahn – und verfuhren sich dann doch ins Havelland nach Falkensee.

„Das überlagerte selbst den Mauerfall.“

Sie mussten wieder nach Berlin umkehren. Erst nach einer Odyssee durch Berlin fanden die beiden nach Hause. Trotz Blasensprung, schlief Jann ein paar Stunden. Dann fuhr ihre Schwester Christine Jann, dem Strom von Ostberlinern entgegen, ins Krankenhaus am Bassinplatz. „Die Hebamme war völlig entsetzt“, erzählt Jann. „Blasensprung vor Stunden. Nicht mehr bewegen“, wiederholt Jann die Hebamme. Trotz der historischen Ereignisse, stand dann nur noch Janns erstes Kind Julius im Mittelpunkt. „Das überlagerte selbst den Mauerfall.“

Noch Tage nach dem Mauerfall sah Christine Jann Doppeldeckerbusse voller DDR-Bürger vor dem Krankenhaus nach Berlin abfahren. Auch sie schob nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus erst einmal Julius im Kinderwagen über die Glienicker Brücke. Für den heute 30-Jährigen ist das aber kein Thema. „Ich bin ja in der Freiheit aufgewachsen“, sagt er. Die Erzählungen seiner Verwandten kann er sich gar nicht vorstellen, ist sich aber sicher: „Die Trennung Ossis und Wessis sollte es nicht mehr geben.“

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Von Jan Russezki

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