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Potsdam „Ein ewiges Kommen und ein ewiges Gehen“
Lokales Potsdam „Ein ewiges Kommen und ein ewiges Gehen“
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15:36 12.11.2019
Manfred Warnecke (76) aus dem damaligen West-Berlin fotografierte den Mauerfall auf der Glienicker Brücke. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Als am 9. November 1989 Günter Schabowskis berühmte Pressekonferenz im Fernsehen gezeigt wurde, war auch für Manfred Warnecke aus Berlin Lichterfelde klar, dass an diesem Tag Geschichte geschrieben wurde. „Wir wollten gleich los, aber ich kam so spät aus dem Büro“, sagt der ehemalige Ingenieur des Elektrokonzerns AEG.

Er bekam eine zweite Chance den Mauerfall mitzuerleben. Aus dem Radio erfuhr er, dass der Grenzpunkt auf der Glienicker Brücke einen Tag später geöffnet werden sollte. So griff der damals 46-Jährige am 10. November dann doch zu seinem Fotoapparat und brach nach dem Abendessen mit seiner Frau Antje und seinen beiden Töchtern zur Westseite der Brücke auf.

Sekt und Tränen

Er hielt fest, wie die Menschen mit dem Rad, dem Auto und zu Fuß über die Brücke kamen. Massen waren es dennoch nicht, erinnert sich Warnecke: „Sie kamen immer so peu à peu, weil sie an der Grenze kontrolliert wurden.“ Sobald aber ein Auto über die Grenze fuhr, wurde es von Westberlinern umströmt.

Es war ein historischer Moment, den Manfred Warnecke aus Westberlin erlebt hat. Zum Glück hatte er seinen Fotoapparat dabei. Die MAZ zeigt einige Originalaufnahmen von der Nacht, in der die Mauer auch in Potsdam fiel.

Seine Frau Antje Warnecke erinnert sich noch gut: „Die Leute saßen schluchzend im Auto, weil sie so erschüttert waren. Sie haben gedacht, dass da niemand ist.“ Stattdessen knallten Sektkorken. „Die Leute hatten bündelweise Kugelschreiber und Blumen dabei. Sie müssen in ihren Gärten die letzten Blüten abgeschnitten haben. Und die drückten sie den Leuten aus dem Osten immer in die Hand“, erzählt sie.

Jubeln und Trösten im Schichtsystem

Die Westberliner klopften den Autos aufgeregt auf die Dächer. Das fanden aber nicht alle gut: „Ein Mann hatte nach zehn Jahren Wartezeit seinen Trabi bekommen. Er hatte Angst um ihn und dass jemand Sekt ins Auto schüttet“, weiß Manfred Warnecke von dem Fahrer.

Vier Stunden dauerte für die Familie Warnecke das Jubeln. „Es war ein ewiges Kommen und ein ewiges Gehen“, erinnert sich Manfred Warnecke. Auf einer Spur fuhren die Menschen jubelnd aus der DDR raus, auf der gegenüberliegenden wieder traurig hinein. Zwischen Freude und Trauer lag nur ein kleiner Mittelstreifen. „Man wechselte sich ab“, erzählt seine Frau. „Man sagte den Rückkehrern zum Trost: Ihr könnt ja wiederkommen. Und dann hieß es von den anderen Westberlinern: Geht ihr jetzt mal jubeln, wir gehen trösten.“

Ein Grenzsoldat gegen 100 Westberliner

Hunderte Menschen zogen an den Warneckes vorbei. Darunter die hochschwangere Christine Jann, Lutz Peter der auf seinem Fahrrad nur mal kurz rüber gucken wollte und Wolfgang Stadelmann, der den Zirkus um sein Auto herum rückblickend etwas peinlich findet. Nur Warneckes Potsdamer Freunde fehlten. Sie besuchen? „War verboten“, sagt Manfred Warnecke.

Manfred Warnecke war einen Kopf größer als die meisten Westberliner, die sich am Grenzzaun zu einer Traube versammelte. Er konnte sehen, wie ein einzelner Grenzsoldat der DDR, nur mit einer Pistole bewaffnet, hundert Westberlinern gegenüberstand. Darunter ein laut sprechender junger Mann, der in den unbedingt in den Osten wollte.

Im Chaos illegal in den Osten

„Im Radio wurde gesagt, dass keine Abfertigung auf der Brücke vorbereitet wurde“, erklärt Warnecke das Verbot. Irgendwann rief ein Mann: „Ach, lass ihn doch rüber“. Die Leute begannen immer mehr gegen den Grenzsoldaten zu drängen. Auch ein Zweiter fing an zu rufen: „Lass ihn doch rüber.“ Warnecke sorgte sich, dass die Situation eskalieren könnte und denn es riefen plötzlich alle minutenlang im Chor: „Lass ihn doch rüber“.

Der Grenzer setzte sich durch. Richtung Osten blieb die Grenze für Westberliner an diesem Tag offiziell geschlossen.

Im Juni 2019veröffentlichte die MAZ Manfred Warneckes Fotografien von der Glienicker Brücke. Der heute 76-Jährige suchte nach den Menschen auf den Bildern. Auch Menschen, die nicht auf den Bildern zu sehen waren, haben sich bei ihm gemeldet. Ihnen ist die Wendegeschichte aus vier Perspektiven zu verdanken.

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