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Potsdam „Es war ganz schön erniedrigend“
Lokales Potsdam „Es war ganz schön erniedrigend“
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15:35 12.11.2019
Wolfgang Stadelmann (66) hat nicht an den Mauerfall an der Glienicker Brücke geglaubt. Die Sicherheit kam erst Monate später. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Wolfgang Stadelmann aus Werder an der Havel ist in einer Welt aufgewachsen, in der er vom Kindergarten bis zum Friedhof alles als politisch empfand. „Es war grausam, wenn man in der DDR eine eigene Meinung hatte“, erinnert er sich, „Es gab nur eine Meinung und die sollte man stets und ständig nachplappern, auch wenn man kein Parteimitglied war“.

Eine Flucht kam für den damaligen Kantinenleiter des Energiekombinats aber nicht in Frage. „Kam man aus der DDR, war ja schon 2000 Meter vor der Glienicker Brücke Schluss für uns“, erzählt der heute 66-Jährige aus Werder an der Havel. Links und rechts auf der Berliner Straße standen Panzersperren. Die Grenze war aus dem Osten kaum einzusehen. Die Grenzbeamten „immer das Nonplusultra an Schrecklichkeit“.

Schlangen und Panzersperren

Am Abend des 10. November 1989 war alles anders. Hunderte Autos schlängelten sich zwischen den Panzersperren zur Glienicker Brücke. Auf der Berliner Straße herrschte schon damals stockender Verkehr. Mitten im Stau: Wolfgang Stadelmann, der stundenlang auf seinen kurzen Blick in die Freiheit wartete.

Es war ein historischer Moment, den Manfred Warnecke aus Westberlin erlebt hat. Zum Glück hatte er seinen Fotoapparat dabei. Die MAZ zeigt einige Originalaufnahmen von der Nacht, in der die Mauer auch in Potsdam fiel.

Nur sporadisch schauten die Grenzbeamten auf der Brücke in die Pässe. „An so viel Freundlichkeit der Grenzsoldaten konnte ich mich in meinem Leben nicht erinnern. Sonst habe ich andere Erfahrungen gemacht. Diesmal wollten sie den Ausweis nur flüchtig sehen und haben uns durchgewinkt“, erzählt Stadelmann, der sich schon am Vormittag für einen Ausreisestempel lange bei der Volkspolizei angestellt hatte.

Peinlicher Affenzirkus

Schließlich war es alles Warten wert. Als Stadelmann den weißen Grenzstreifen auf der Mitte der Brücke überfuhr, wusste er, dass er im Westen war. „Das war, als wären Steine von einem gerollt“, sagt er. Im Westen preschten ihm dann die großen Emotionen entgegen. „Die Leute waren voller Freude und hatten Tränen in den Augen“, erinnert er sich. Sie klopften auf sein Autodach, warfen Süßigkeiten ins Auto und riefen „Alles Gute“ und „Willkommen“.

Im Nachhinein ist Stadelmann das peinlich. „Da kam man sich vor wie in einem Affenzirkus. Wir haben im Fernsehen auch gesehen, wie Leute Bananen ins Auto geworfen haben. Sie hatten sicher einen guten Gedanken dabei, aber eigentlich war das ganz schön erniedrigend.“

Gedränge an Telefonzellen

Kurz darauf, um 20 Uhr, warteten vor den Telefonzellen direkt hinter der Grenze schon so viele DDR-Bürger, dass Wolfgang Stadelmann beschloss, an ihnen vorbeizufahren. „Es war stockduster und es gab damals kein Navi, aber ich hatte eine ungefähre Vorstellung, wo es lang ging, und dachte, die Chancen wären woanders größer.“

Tatsächlich fand Stadelmann einige Straßen weiter eine Telefonzelle und meldete ein R-Gespräch nach Stuttgart an, um einer Familienfreundin von dem Grenzübertritt zu erzählen. Im Westen hatten alle die Nachrichten über den Mauerfall verfolgt. Dennoch: „Es konnte keiner glauben, dass wir in Westberlin waren“, erzählt er.

Menschenmassen? Nein danke

Im Licht der Peitschenlampen fuhr Stadelmann über die Avus, vorbei am Messegelände zum Anfang des Kudamms. Angesichts der Menschenmassen ist er dann aber schnell wieder umgedreht. „Irgendwie ging der nächste Tag dann auch weiter. Wir wollten dann wieder nach Hause“, erklärt Stadelmann. Über die Glienicker Brücke fuhr er zurück nach Potsdam.

Ob die Grenze offen bleiben würde, wusste Stadelmann nicht. „Der Mauerfall hätte auch schief gehen können, wenn da jemand durchgedreht wäre. Dann wäre alles ganz anders gelaufen“, meint er. Doch je länger die Grenze offen blieb, desto mehr glaubte er daran.

Erst die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990, ließen ihn daran glauben, dass es jetzt kein Zurück zur gewohnten DDR gab. Die Volkskammerwahl sei die erste gewesen, bei der er sein Kreuz nicht mehr bei der einzigen Partei, die die DDR hatte, setzen musste.

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