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Potsdam "In den Bunker gehört ein Beat-Schuppen"
Lokales Potsdam "In den Bunker gehört ein Beat-Schuppen"
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00:44 25.07.2014
Karte aus den 70er Jahren: Pralles Leben am Minsk.
Karte aus den 70er Jahren: Pralles Leben am Minsk. Quelle: Privat
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MAZ: Sollte es keinen geeigneten Investor für das ehemalige, heute leer stehende Restaurant Minsk am Brauhausberg geben, dann droht der Abriss. Würden Sie als Architekt des Gebäudes dann sehr leiden?
Karl-Heinz Birkholz: Wissen Sie, ich bin eigentlich über diesen Punkt weg. Das ist ja nicht der erste Bau aus meiner Feder, der abgerissen würde: Die Gaststätte „Zum Kahleberg“ in der Waldstadt kam gleich nach der Wende weg. Jetzt habe ich das Glück, seit 16 Jahren in Geltow zu wohnen – da bleibt mir dieser Anblick des „Minsk“ erspart. Als wir noch hinterm Friedhof an der Heinrich-Mann-Allee lebten, musste ich jeden Tag mit dem Rad daran vorbei, wenn ich in die Stadt wollte. Und es ist schon sehr schwer zu verstehen, warum eine Gesellschaft so gegen dieses Gebäude ist.
 
Warum glauben Sie, dass es diese Gegnerschaft gibt?
Birkholz: Viele denken, dass es ein Haus der Partei war. Was für ein Quatsch! Das war ein Haus des Volkes. Die Partei hatte bloß damals das Geld und die Macht, das zu realisieren. Aber im Minsk wurden Hochzeiten gefeiert und es war eines der wenigen Tanzrestaurants in der Stadt. So viele Potsdamer haben schöne Erinnerungen daran.

Architekt Karl-Heinz Birkholz mit "Minsk"-Tischlampe. Quelle: I. Röd

 
Warum trug das Restaurant den exotischen Namen „Minsk“?
Birkholz: Es bestand eine Partnerschaft mit Minsk. Die Stadt Potsdam hat in Minsk ein „Restaurant Potsdam“ umgebaut. Umgekehrt wollte die Stadt Minsk in Potsdam ein Restaurant realisieren. Damals waren wir mitten in der Bauausführung für ein Terrassenrestaurant am Brauhausberg. Dann kam ein Anruf über den Leiter des Wohnungsbaukombinats Potsdam, mit der Frage, ob man aus der üblichen HO-Gaststätte eine Nationalitätengaststätte machen könnte. Meine Antwort war: Ja! Eröffnet wurde das „Minsk“ anlässlich des 70. Jahrestages der Oktoberrevolution im November 1977.
 
Wieviel Weißrussland steckte wirklich im „Minsk“ oder erinnerte nur der Name an die Partnerschaft?
Birkholz: An der Innengestaltung waren viele Künstler aus Minsk beteiligt. Die Vertäfelung und der Raumteiler zwischen Restaurant und Bar waren aus massiver Mooreiche gefertigt. Ein Holz-Dozent der dortigen Kunsthochschule hat sich darum gekümmert. Außerdem gab es Glasornamente an der Fensterfront, auf denen Motive aus Minsk als Relief dargestellt waren: das Parlamentsgebäude, der Nationalzirkus. Auch viel von der Ausstattung stammte aus der Partnerstadt: Tischleuchten; Tongefäße von Volkskünstlern; selbst gewebte Wandbespannungen und Tischläufer.
 
Gab es auch Probleme in der Zusammenarbeit?
Birkholz: Bei der Vorstellung in Potsdam gab es eine kurze Auseinandersetzung. Die Minsker wollten unter anderem acht Zentimeter starkes Glas in der Fensterfront. Das hätte Tonnen gewogen; man hätte gar nicht mehr durchkucken können. Also wurde abgestimmt, dass man Glasscheiben einsetzt, die von den Künstlern mit Bleikristallplatten beklebt wurden.

Der Minsk-Architekt

  • Karl-Heinz Birkholz baute von 1970 bis 1977 als Architekt das Restaurant „Minsk“. Das Projekt ruhte einige Zeit, weil alle Materialien für den Bau des „Palasts der Republik“ in Berlin benötigt wurden.
  • Der Architekt wurde 1930 in Drossen in der Neumark (heute Polen) geboren. Er studierte an der Ingenieurschule für Bauwesen in Neustrelitz. Ende 1954 kam er nach Potsdam. Gleich zu Beginn arbeitete er in jenem Architektenteam mit, das die Wilhelm-Staab-Straße und die Yorckstraße mit ihrem barocken Antlitz wiederherstellte. Birkholz war nie Parteimitglied.

Wahrzeichen waren der „Minsk“-Schriftzug an der Fassade und das Logo, das heute noch schwach erkennbar ist. Wofür steht es?
Birkholz: Es zeigt die Stadttore von „Minsk“.

Wann waren Sie das letzte Mal in dem Gebäude?
Birkholz: Vielleicht so vor sieben oder acht Jahren, als junge Leute dort Lichtstudien gemacht haben. Da habe ich nur die Hände überm Kopf zusammengeschlagen und gedacht. Was für ein Schrottplatz! Und die edle Mooreiche war komplett raus.
 
Ist der desolate Bau Ihrer Meinung nach überhaupt noch zu retten?
Birkholz: Das ist ein Stahlbetonskelettbau – der kann nicht so schnell kaputt gehen. Überlegen Sie mal: Die Häuser der Zweiten barocken Stadterweiterung waren total marode. Trotzdem hat man sie wieder hergerichtet. Entscheidend ist: Was will man daraus machen? Ein Restaurant Minsk wird’s nicht mehr geben, das wissen wir alle.

1977 bei seiner Eröffnung war das "Minsk" ein modernes Restaurant am Potsdamer Brauhausberg. Mehr als drei Jahrzehnte später ist es völlig heruntergekommen. Über die weitere Nutzung wird diskutiert. Die Chronik eines Zerfalls in Bildern.

 
Der Landessportbund bewirbt sich bei der Auschreibung der Stadtwerke um das „Minsk“, will hier eine Kita unterbringen. Was halten Sie von dieser Idee?
Birkholz: Die unterschiedlichen Höhen mit Terrassen und Treppen halte ich für ungeeignet für eine Kindertagesstätte. Außerdem hätten die Kinder dort wenig Freifläche – nur die Terrasse. Genausowenig sehe ich eine Wohnnutzung aufgrund der Grundrissform des Gebäudes.
 
Würden Sie dafür plädieren, dass die Stadt das „Minsk“, das ja den Stadtwerken gehört, für den Eigenbedarf ankauft?
Birkholz: In Städten wie Stuttgart, München oder Hamburg ist Kapital da. Aber die Stadt Potsdam lutscht ja von einem Daumen zum anderen und weiß kaum noch, wem sie was finanzieren sollen. Hier fehlt einfach das Geld, um für die Stadt Kultur zu bewahren. Ich frage Sie: Die Künstler aus der Alten Brauerei – wo sind die hin? Zerstreut in alle Winde! Oder der ehemalige Jugendklub Spartacus an der Breiten Straße: Den hätte man auch wunderbar im „Minsk“ unterbringen können: Zentral gelegen, die Terrasse vorgelagert!
 
Welche Art der Nutzung würden Sie jetzt am besten finden?
Birkholz: Es wäre gut, wenn man das Erscheinungsbild aus DDR-Zeiten erhalten könnte: Damals wurde dort gefeiert und getanzt. Deshalb fände ich eine Nutzung mit Künstler-Ateliers sehr gut. Oder als Jugendclub! Zu dem „Minsk“-Grundstück gehört ja auch ein Bunker, über dem sich der Zugang zum Gebäude befindet. Wenn man das Haus kauft, muss man auch den Bunker miterwerben. Und dann könnte man dort einen richtigen Beat-Schuppen unterbringen, wo man Krach machen kann!

Interview: Ildiko Röd

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