Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam So geht es in der Notaufnahme zu, wenn die Baumblüten-Patienten kommen
Lokales Potsdam So geht es in der Notaufnahme zu, wenn die Baumblüten-Patienten kommen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 07.05.2019
Flasche leer, Leute voll: Vor allem junge Besucher der Baumblüte kennen ihre Grenzen oft nicht. Quelle: Varvara Smirnova
Anzeige
Potsdam

Erik merkt nichts mehr. Der 18-Jährige ist blass, er hat Darm und Blase in seine Hosen entleert. Erik bietet einen jämmerlichen Anblick. In der Notaufnahme des St. Josefs Krankenhauses ist Erik, dessen Name wie die aller anderen Patienten geändert wurde, an diesem Abend der vierte Baumblüten-Patient.

„Ein sehr ruhiger Abend“, sagt Schwester Katja (39), als sie den jungen Mann gemeinsam mit den beiden Sanitätern von der Krankenwagentrage aufs Ambulanzbett hievt. Sie kennt das anders. „Wir hatten hier auch schon 30, 40 nicht ansprechbare Betrunkene liegen“, sagt sie. Aber das kalte, regnerische Wetter halte viele davon ab, sich auf Ostdeutschlands größtem Volksfest vollends die Kante zu geben. Doch auch bei 7 Grad und Regen haben Katja und ihre Kollegin Ricarda in dieser Nachtschicht immer mindestens einen in der Rettungsstelle, der sich eine schwere Alkoholvergiftung zugezogen hat.

Anzeige

Erik glaubt, er sei im Zug nach Berlin

Zum Beispiel Jessica, 32 Jahre alt, drei Promille Blutakohol. Sie lallt, schlägt abwechselnd um sich und schläft kurz ein, zieht sich zwei Mal den venösen Zugang. Eigentlich soll sie die Nacht auf einer Station in der Klinik verbringen, sich ausschlafen und mit ein paar Infusionen wieder fit gemacht werden. Erik, der 18-Jährige, ist mittlerweile ansprechbar. Er glaubt offenbar, mit seinen Kumpels im Zug nach Berlin zu sitzen: „In fünf Minuten sind wir in Spandau, man!“ Weil er nicht sagen kann, was er getrunken hat und ob vielleicht noch Drogen im Spiel sind, wird Erik überwacht.

Lesen Sie auch:
Bisher 52 Körperverletzungen auf dem Baumblütenfest

Elektroden kleben auf seiner Brust, ein Clip steckt am Zeigefinger. Seine Vitalzeichen – Herzfrequenz, Atmung, Sauerstoffsättigung im Blut – werden auf einen Monitor übertragen, den die Schwestern ständig im Blick haben. Den Blutalkoholwert bestimmt das Labor. „Ab drei Promille ist ein nicht ansprechbarer Patient ein Fall für die Intensivstation“, sagt die Krankenschwester Ricarda. Sie ist 51 Jahre alt, hat selbst drei Kinder, die jüngste Tochter macht gerade Abitur. Ricardas Baumblüten-Patienten sind fast alle im Alter ihrer jüngsten Tochter, kaum einer ist älter als 20.

Festumzug, tausende Gäste und natürlich reichlich Obstwein. Das 14. Baumblütenfest in Werder ist gestartet. Das sind die Bilder vom Umzug und dem ersten Tag.

Drei Krankenwagen nur fürs Fest

Alle minderjährigen Fälle kommen direkt ins wenige hundert Meter entfernte Klinikum Ernst von Bergmann. Dessen Sprecherin Damaris Hunsmann berichtet von zahlreichen schwer alkoholisierten Patienten im Lauf der Festwoche: „Unsere Notaufnahme wird deutlich stärker frequentiert als in den vergangenen beiden Jahren.“ In beiden Potsdamer Krankenhäusern wird während der Baumblüte das Personal der Notaufnahmen aufgestockt.

Der Rettungsdienst Promedica, der für das westliche Potsdamer Umland zuständig ist, lässt zwei Krankenwagen den normalen Dienst fahren, drei weitere warten in Werder auf die Volltrunkenen. Und schließlich verfügt die Baumblüte mittlerweile selbst über Medizinzelte mit Ärzten und Pflegepersonal, beim Münchner Oktoberfest etwa sind diese schon seit vielen Jahren Standard. „Sobald die Zelte dann gegen 22 Uhr zumachen, kommt alles zu uns, was nicht selbständig nach Hause kann“, sagt Ricarda, die Schwester im Josefs-Krankenhaus.

Schwere Verletzung ganz ohne Alkohol

Andere Patienten findet die Polizei im Straßengraben. So, wie Amelie. Der Rettungsdienst bringt sie, die junge Frau schluchzt, ihr Begleiter trägt die Lederhandtasche und den gepunkteten Stoffbeutel. Katja und Ricarda möchte die Patientin nichts sagen, lediglich ein Taschentuch lässt sie sich geben. „Das probieren wir dann eben gleich nochmal“, sagt Schwester Katja. Schließlich ist die junge Frau wach und orientiert, sie braucht zwar Hilfe, aber nicht sofort.

Mehr zum Baumblütenfest

So geht’s sicher und bequem zum Baumblütenfest

Das war der Auftritt von Howard Carpendale beim Baumblütenfest

Das 140. Baumblütenfest in Werder ist eröffnet

So wurde das Baumblütenfest in den Neunzigern gefeiert

Auch die 20-jährige Kathrin ist ansprechbar. Sie hat praktisch nichts getrunken, wurde aber bei der Abreise am Bahnhof von der drängenden Masse zwischen Zug und Bahnsteigkante gedrückt. Ein langer Riss am Fuß blutet stark, Kathrin ist ein Fall für den Chirurgen. „Der Alkohol ist nicht immer das Hauptproblem“, sagt Schwester Katja dazu, „wir haben es oft mit Mischintoxikationen zu tun, außerdem ist die Gewaltbereitschaft hoch, andere stürzen und verletzen sich oder haben, wie diese Patientin hier, einfach Pech.“

Die meisten Fälle seien aber dann doch die jungen Menschen mit deutlich über 2,5 Promille Alkohol im Blut, die Eriks, die Amelies. „Für manche ist so eine Nacht in der Klinik ein heilsamer Schock und sie gehen am nächsten morgen ganz beschämt nach Hause“, sagt Schwester Ricarda. Oben auf der Station hat mittlerweile Jessica, die Patientin mit den drei Promille, ihr Zimmer auseinander genommen und sich selbst aus der Klinik entlassen. Sie möchte jetzt nach Werder laufen.

Von Saskia Kirf