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Potsdam Mögliches Verbot von Farben: Potsdamer Tattoostudios befürchten Ruin
Lokales Potsdam Mögliches Verbot von Farben: Potsdamer Tattoostudios befürchten Ruin
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10:13 28.02.2020
Anne Schwarz und Dirk Fleischmann betreiben das Tattoostudio PDM Beach Tattoo. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Die Kundin, die vor Freude strahlend das Tattoostudio Potsdam Beach Tattoo in der Jägerstraße verlässt, hat eine lange Sitzung hinter sich: Fünf große Blumen für ihre fünf Kinder und Enkel zieren von nun an für immer ihren Rücken.

Doch genau solche Motive könnten zukünftig unmöglich werden: Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) will rund 4000 Stoffe verbieten, die für Tattoofarben gebraucht werden. Tätowierer in ganz Deutschland fürchten nun um die Zukunft, darunter auch Anne Schwarz (29) und Dirk Fleischmann (41), die gemeinsam das Studio Potsdam Beach Tattoo betreiben.

Ihr beide habt, wie viele andere Potsdamer Tattoo-Künstler, in den letzten Wochen eine Petition verbreitet. Was ist euer Anliegen?

Dirk Fleischmann: Es geht darum, dass zwei Pigmente verboten werden sollen. Ein grünes und ein blaues, die aber für gut zwei Drittel aller Tattoo-Farben gebraucht werden, sie sind die Basis, auf die aufgebaut wird. Der Hintergrund ist, vereinfacht gesagt, eine neue EU-Kosmetikverordnung. Ein solches Verbot wäre natürlich ein enormer Einschnitt.

Anne Schwarz: Die Petition richtet sich an den zuständigen Ausschuss des Bundestags und wurde von mehr als 150.000 Menschen unterzeichnet.

Was würde ein solches Verbot für Euren Berufsalltag bedeuten?

Schwarz: Es wird sehr viel schwieriger, Motive zu gestalten, wenn man nur noch drei Farben zur Verfügung hat. Alles, was zum Beispiel floral ist, Blätter und Blumen, fällt aus.

Würde es also nur noch schwarz-weiße Tattoos geben?

Fleischmann: Es gibt ja noch andere Farben, gelb und rot, mit denen man viel machen kann. Der Markt würde sich da dementsprechend orientieren, aber es wäre definitiv eintöniger.

Gibt es denn keine Alternativen zu diesen Pigmenten?

Fleischmann: Nein, die gibt es nicht und die Industrie ist daran auch nicht interessiert. Letztlich ist der Markt für Tattoofarben einfach klein, wir sind noch immer ein Nischenmarkt.

In Eurem Studio sind die unterschiedlichsten Kunden, vom Studenten bis zur Rentnerin, Tattoos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Schwarz: Ja, das stimmt, da hat sich in den letzten 15, 20 Jahren viel getan.

Fleischmann: Und genau diese Entwicklung könnte damit zu Rückschritten gezwungen sein.

Schwarz: Ein solches Verbot zwingt sicher auch ein Stück weit in die Illegalität, also genau dahin zurück, wo sich die Tattookunst herausgearbeitet hat. Wenn die Pigmente fehlen, werden Farben irgendwo illegal gekauft, es fallen Kontrollmechanismen weg. Da sind dann im Zweifel wirklich gefährliche Stoffe drin, das Risiko für die Kunden wächst und der Schwarzmarkt boomt. Genau das muss aber vermieden werden.

Fleischmann: Mich ärgert das so, weil der Verband, also die deutschen organisierten Tätowierer, jahrzehntelang zusammen mit den Gesundheitsämtern und auch mit Ärzten an der Sicherheit gearbeitet hat.

Wie sieht denn Eure Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt konkret aus?

Fleischmann: Genau wie in der Gastronomie, wir werden fortlaufend kontrolliert. Übrigens werden auch die Farben bislang schon kontrolliert. Die Reglementierungen sind zurecht sehr intensiv.

Schwarz: Wir haben ja zum Teil die gleichen Geräte wie ein Arzt, um alle Maschinen so säubern zu können, dass jeder Kunde sich auf Sterilität verlassen kann.

Gleichzeitig gibt es aber Entzündungen, es kommt zu Problemen mit Tattoos.

Fleischmann: Das ist richtig, aber es gibt in ganz Deutschland keine nachgewiesene, valide Studie darüber, dass das an den Farben liegt. Diese ganzen Horrorgeschichten, die man im Fernsehen sieht, spielen in den USA, wo ganz andere Standards gelten als hier.

Schwarz: Entzündungen sind immer eine Sache der Hygiene. Das falsche Studio oder die falsche Pflege machen eine Menge aus.

Was ist es, unabhängig von den Farben eigentlich, was die Kunden im Moment wollen? Gibt es aktuelle Trends?

Fleischmann: Trends kommen und gehen, so wie die Sonne auf und untergeht.

Schwarz: Ja, je nach dem, was gerade in den sozialen Netzwerken oben angezeigt wird.

Gibt es auch Sachen, die Ihr gar nicht macht?

Schwarz: Natürlich verbieten sich bestimmte politische Inhalte, das machen wir nicht. Außerdem tätowiere ich nichts, wovon ich nichts verstehe, Maori-Motive zum Beispiel. Das sollen die Menschen machen, die das leben und dahinter stehen. Mit solchen Kulturen muss man sich auseinandersetzen.

Fleischmann: Oft ist es aber auch das Zusammenspiel von Motiv und Stelle, am Handgelenk oder hinter dem Ohr kann man keine sehr kleinen Sachen stechen.

Und gibt es Potsdamer Besonderheiten?

Fleischmann: Das direkte Umfeld der Menschen ist immer eine wichtige Inspiration, das kann die Familie sein, aber eben auch die Stadt. In Potsdam machen wir natürlich eine ganze Menge Potsdam-Tattoos, ich habe schon den Flatowturm auf eine Wade tätowiert, auch Fußballmotive sind oft zu sehen, also von Babelsberg 03. Da habe ich, naja, einen ganzen Sack von gemacht.

Und von Turbine Potsdam?

Schwarz: Turbine-Motive haben wir noch nie gemacht.

Fleischmann: Aber wir haben viele Turbinen, also Spielerinnen, tätowiert.

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