Mutmaßlicher Mord im Gartenteich in Glindow vor dem Landgericht Potsdam: Angeklagter will Ehefrau in Notwehr getötet haben
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Potsdam Er soll seine Ehefrau im Gartenteich ertränkt haben – und beruft sich auf Notwehr
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Mutmaßlicher Mord im Gartenteich in Glindow vor dem Landgericht Potsdam: Angeklagter will Ehefrau in Notwehr getötet haben

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17:38 29.03.2021
Prozessauftakt am Landgericht Potsdam: Wolfgang L. – hier mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg – ist wegen Mordes angeklagt. Er soll seine Ehefrau in einem Teich ertränkt haben.
Prozessauftakt am Landgericht Potsdam: Wolfgang L. – hier mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg – ist wegen Mordes angeklagt. Er soll seine Ehefrau in einem Teich ertränkt haben. Quelle: varvara Smirnova
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Potsdam

Dieser Prozess vor dem Landgericht Potsdam hätte mit einem Geständnis, wenigstens aber mit Worten der Reue, des Bedauerns, vielleicht auch mit einer Geste der Scham beginnen können, doch er beginnt mit einer jähen Schuldzuweisung an das Opfer. Der wegen Mordes an seiner Ehefrau (40), wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung, Nötigung und Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagte Potsdamer Wolfgang L. (65) wendet sich direkt ans Schwurgericht. Bevor er etwas zu seiner Person und zu seinem Werdegang sagen könne, müsse er etwas loswerden: „Dass ich unschuldig bin, da es Notwehr war.“ Mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg ist dieses Statement nicht abgesprochen. Der erfahrene, viele sagen ausgekochte Rechtsanwalt wird nach dem ersten Verhandlungstag sagen, dass es schwierig werden wird, an L.s Unrechtsbewusstsein zu appellieren.

Angeklagter soll ankündigt haben, Frau und Kinder zu töten

Wolfgang L. soll im Mai vergangenen Jahres seine von ihm getrennt lebende Ehefrau mit einem Messer zunächst schwerst verletzt und die daraufhin nahezu wehrlose Frau im Gartenteich ertränkt haben. Die Beweislage ist erdrückend. Es gibt mindestens zwei Augenzeugen. Laut Staatsanwaltschaft sei L. in der Ehe schon zuvor gewaltbereit gewesen und habe mehr als einmal angekündigt, seine Frau und die zwei gemeinsamen Kinder zu töten.

Seit 2005 waren Wolfgang und Dorota L. verheiratet, die Tochter und der Sohn sind heute zwölf und fünfzehn Jahre alt, sie treten im Prozess als Nebenkläger auf. Der Angeklagte hat keinen Kontakt mehr zu ihnen. „Außer zu mir hat er zu niemandem Kontakt“, sagt Matthias Schöneburg.

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Zuletzt hatte die Familie in einem Reihenhaus im Potsdamer Norden gelebt. Doch Ende 2019 kündigte Dorota L. an, dass sie sich trennen wolle. Im April 2020 zog sie mit den Kindern in eine Ferienwohnung in den Werderaner Ortsteil Glindow. Idyllisch, ruhig, nett, ein wunderschöner Ort, um sich ein paar Tage zu erholen, schwärmen Feriengäste im Netz: „Hier geht es einem richtig gut.“ Dorota L. wird am Abend des 11. Mai 2020 in diesem Idyll sterben.

Laut Anklageschrift erscheint Wolfgang L. gegen 18 Uhr an Wohnung und gibt vor, etwas besprechen zu wollen – er hat ein Küchenmesser mit einer 17 Zentimeter langen Klinge dabei, im Hosenbund steckt eine Schreckschusspistole. Wolfgang L. soll seine Frau mit den Waffen bedroht haben: In Angst um Leib und Leben flüchtet sie ins Freie, springt über eine Hecke, rennt über den Rasen, rutscht aus und fällt in den Gartenteich. Dem Sohn, der der Mutter helfen will, schießt L. laut Staatsanwaltschaft aus kurzer Distanz ins Gesicht. Danach geht er mit dem Messer auf seine Frau los – in der Anklage heißt es: in direkter Tötungsabsicht, weil er sie für sich verloren glaubte und auch kein anderer sie habe sollte. Vier Mal sticht L. zu, trifft den Hals, verletzt das Rückenmark. Dann drückt er den Kopf seiner Frau unter Wasser. „Er ließ erst nach drei bis fünf Minuten von ihr ab – als er von ihrem sicheren Ableben überzeugt war.“ Die Polizei stellt L., nachdem er sein Auto „in suizidaler Absicht“ im nahegelegenen Gewerbegebiet Plötzin gegen eine Hauswand gelenkt hatte.

Der Angeklagte berichtet ausschweifend aus seinem Leben

Unterbrochen von mehreren Krankenhausaufenthalten befindet sich L. seither in Untersuchungshaft. Im Gerichtssaal erscheint er auf Krücken. Die Frakturen und die anderen Verletzungen, die er sich bei dem Unfall zugezogen hat, haben einige Operationen erforderlich gemacht. Als gebrochener Mann präsentiert sich Wolfgang L. dennoch nicht: Zwei Stunden lang berichtet er ausschweifend und detailversessen aus seinem Leben. Dabei wird schnell klar, weshalb dieser Prozess weder mit Reue noch mit Scham begonnen hat – und auch nicht beginnen konnte.

Der Beste, der Fleißigste, der mit den guten Absichten und dem dicken Portemonnaie. Der Erfolgreiche, der Ehrliche, Rechtschaffene und dennoch oft Verkannte, vor allem von den Frauen immer wieder Hintergangene, Belogene und Betrogene – so sieht sich Wolfgang L., so stellt er sich vor Gericht in einem oft sonderbaren und kaum zu lenkenden Monolog dar. Der erste Verhandlungstag schafft es kaum über L.s Jugend hinaus.

Bei der NVA das „lautlose Töten“ gelernt

Seine Schilderungen folgen einem Ja-Aber-Muster. Die Kindheit bei Lauchhammer: sehr schön, aber viel, viel Arbeit auf dem Hof. Die Schule: sehr gut, aber dennoch war nach der 8. Klasse erst einmal Schluss, weil ihn der Vater in die Dachdeckerlehre steckt. Die Arbeit auf dem Bau: sehr gut, aber er habe wegen der Gesundheit an einen Ort „mit guter Luft“ gewollt und sich bei der Nationalen Volksarmee verpflichtet. Dort wollte und sollte er ins Musikkorps, landete aber bei der Militärpolizei und – wie er sagt – in einer Spezialeinheit, wo er „lautloses Töten“ und „psychologisch-taktisches Denken, wenn man angegriffen wird“ gelernt und sich „richtig ins Zeug gelegt“ habe.

Die Verhandlung wird am 12. April fortgesetzt. Dann soll Wolfgang L. berichten, wie er Dorota L. kennengelernt und wie er den Tattag erlebt hat. Auch der Sohn des Paares soll an diesem Tag seine Zeugenaussage machen.

Von Nadine Fabian