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Potsdam Nach Fall in Potsdam: Wenn Häftlinge ins Krankenhaus müssen
Lokales Potsdam Nach Fall in Potsdam: Wenn Häftlinge ins Krankenhaus müssen
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05:36 08.03.2019
Quelle: dpa
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Potsdam

Ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall: Hier zählt jede Sekunde, der Patient muss ins Krankenhaus. Doch was passiert, wenn der Patient gleichzeitig Häftling ist?

In den fünf Brandenburger Justizvollzugsanstalten sitzen derzeit 1296 Gefangene ein. Mit einem von ihnen teilte sich eine 84 Jahre alte Frau kürzlich im Potsdamer Ernst von Bergmann-Klinikum das Krankenzimmer auf einer Spezialstation, wie die MAZ berichtete. Seitdem kochen die Diskussionen in den sozialen Netzwerken hoch. Einige Leser verstehen, dass die betagte Patientin sich mit ihrem Zimmergenossen und dessen Bewachern unwohl fühlte – viele andere betonen, der Mann habe das gleiche Recht auf eine gute Behandlung, wie jeder andere Patient auch. Außerdem zähle in einem Notfall vor allem die Versorgung, persönliche Belange seien nicht entscheidend.

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Insgesamt sind Fälle wie dieser sehr selten. „Wir führen keine Statistik über die Herkunft unserer Patienten“, heißt es im Bergmann-Klinikum, „aber der zuständige Chefarzt kann sich an zwei Gefangene auf seiner Station in den vergangenen zwei Jahren erinnern.“ Im Josefs-Krankenhaus sieht es ähnlich aus: „Die Akutversorgung ist eine Ausnahmesituation, die eher selten vorkommt“, so dessen Sprecher Benjamin Stengl. Auch das Justizministerium führt keine Statistik über Krankenhausaufenthalte der Gefangenen.

Wenige Straftäter in den Krankenhäusern

Tatsächlich sind die Kliniken nur in wenigen Fällen zuständig. Routinebehandlungen, etwa beim Zahnarzt, werden in den Gefängnissen durchgeführt. „Bei Bedarf werden die Gefangenen auch in die Praxen gebracht, in der Regel außerhalb der üblichen Sprechzeiten“, sagt der Sprecher des Justizministeriums, Uwe Krink. Jedes Gefängnis hat eigene Ärzte.

In Brandenburg/Havel gibt es zudem eine Krankenstation, die auch Häftlinge aus den anderen JVAs aufnimmt. 512 Patienten wurden in den stationären Einrichtungen der Gefängnisse im vergangenen Jahr versorgt. „In einem medizinischen Notfall, also einer lebensbedrohlichen Situation, wird die Rettungsstelle alarmiert“, sagt Uwe Krink. Dann kommt der Patient in ein normales Krankenhaus. „Eine andere Option sind geplante, komplizierte Operationen, bei denen eine Versorgung in der Klinik nötig ist“, erklärt Damaris Hunsmann vom Bergmann-Krankenhaus.

Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel Quelle: Volkmar Maloszyk

Auf den Spezialstationen wird, wie berichtet, in erster Linie nach den medizinischen Belangen entschieden, wer wo liegt. „Wenn die Patienten ansprechbar sind, fragen wir sie natürlich, ob sie mit einem Häftling auf dem Zimmer einverstanden sind“, sagt Damaris Hunsmann. Die Gefangenen haben meistens Wachpersonal dabei, das die Sicherheit für Mitpatienten und Pflegepersonal gewährleistet. Zum Teil tragen die Gefangenen auch Fußfesseln; Handschellen oder gar Fixierungen am Bett sind hingegen nicht üblich.

Regel: Einzelzimmer ohne Besucher

Auf den Wachstationen versuchen die Krankenhäuser, die Häftlinge in Einzelzimmer zu legen. Besuch dürfen sie während ihres Klinikaufenthalts übrigens normalerweise nicht empfangen. „Im Ausnahmefall kann jedoch ein Besuch in Abhängigkeit von dem Gesundheitszustand gestattet werden“, sagt Ministeriums-Sprecher Uwe Krink.

Für das medizinische Personal sind die Häftlinge ganz normale Patienten. „Primär kommen wir unserer Verpflichtung nach, Menschen unabhängig von Herkunft, Biographie, sozialem Status, politischer Einstellung oder geschlechtlicher Orientierung in einer akuten, lebensbedrohlichen Lage verantwortungsvoll zu versorgen“, sagt Benjamin Stengl vom Josefs-Krankenhaus.

Josefs-Krankenhaus in Potsdam Quelle: Friedrich Bungert

Die Ärzte und Pflegenden wissen auch nicht, weshalb ein Häftling eine Strafe verbüßt. „Das verbietet sich schon aufgrund der Persönlichkeitsrechte“, sagt Damaris Hunsmann. Außerdem sei das nicht wichtig: „Niemandem steht auf der Stirn geschrieben, wer er ist, für uns sind das einfach Patienten wie alle anderen auch.“

Von Saskia Kirf