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Potsdam Nach Unwetter: Braucht Potsdam ein besseres Abwassersystem?
Lokales Potsdam Nach Unwetter: Braucht Potsdam ein besseres Abwassersystem?
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00:22 20.06.2019
Zahlreiche Straßen in Potsdam standen nach dem Starkregen unter Wasser. Quelle: Foto: Julian Stähle
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Überflutete Straßen, vollgelaufene Keller und Flure: Das Unwetter vergangene Woche hat erneut die Schwachstellen im Potsdamer Entwässerungssystem gezeigt. Schon in der Vergangenheit war es bei Starkregen an den gleichen Stellen zu Problemen gekommen. Stadtwerke-Sprecher, Stefan Klotz, erklärt im Namen der Energie und Wasser Potsdam, was genau das Problem ist und was dagegen unternommen wird.

Der Starkregen in der vergangenen Woche hat in Potsdam zu zum Teil heftigen Überschwemmungen geführt. Da stellt sich die Frage: Ist das Abwasser- und Regenentwässerungsnetz für Potsdam zu klein?

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Stefan Klotz: Zunächst ein paar grundsätzliche Erläuterungen: Aus hydraulischer Sicht werden die Regen- und Mischwassernetze auf einen sogenannten „Bemessungsregen“ dimensioniert. Gemeint ist damit das größtmögliche Starkregenereignis, auf das eine Entwässerungsanlage und die Straßeneinläufe ausgelegt sind. Bei Starkregenereignissen, die über den Bemessungsregeln liegen, können die Straßenentwässerungsanlagen und die Regen-/Mischwasserkanalisation hydraulisch überlastet und die anfallenden Regenmengen nicht unmittelbar und sofort abgeleitet werden. Dabei handelt es sich um höhere Gewalt.

Was heißt das mit Blick auf das jüngste Unwetter?

Dazu ein paar Zahlen: Nach unserem Kenntnisstand sind bei dem letzten Unwetter 80 Millimeter – das sind 80 Liter pro Quadratmeter oder acht Wassereimer pro Quadratmeter – gefallen. Das ist das vierthöchste Niederschlagsereignis seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1893 und das zweithöchste Ereignis seit 1991 (84,1 Millimeter am 12. August 2002) – also schon ein besonders herausragendes Wetterereignis. Besonders ist auch die kurze Dauer mit 73 Millimetern in sechs Stunden und noch mal 7 Millimetern in zwei Stunden. Hinzu kommt, dass in Potsdam kleinräumig auch noch höhere Niederschlagsmengen von bis zu 120 Millimetern gefallen sein sollen (laut Regenradar). Übrigens: Der langjährige Durchschnitt für Potsdam für ein gesamtes Jahr liegt bei ca. 600 Millimetern, 2018 waren es rund 360 Millimeter. Der Monatsdurchschnitt für einen Juni liegt bei ca. 65 Millimetern.

Angenommen solche Extremwettereignisse nehmen zu. Müssten da nicht auch die Entwässerungsanlagen angepasst werden?

Eine grundsätzliche Neudimensionierung von Straßenentwässerungsanlagen und der Regen- und Mischwasserkanalisation und deren Umsetzung würde immense Kosten verursachen. Zudem wären bei den dann erforderlichen Baumaßnahmen umfangreiche Einschränkungen für den Straßenverkehr erforderlich.

In der Zeppelinstraße am Abzweig Geschwister-Scholl-Straße und Kiewitt kommt es besonders oft zu Überschwemmungen. Warum?

Aktuell wird folgende Lösung praktiziert: Seit 2014 ist eine durch die EWP in Abstimmung mit der zuständigen Wasserbehörde geschaffene Lösung für den hydraulischen Engpass des Kanalnetzes im Bereich Zeppelinstraße/Geschwister-Scholl-Straße/Auf dem Kiewitt in Betrieb. Durch gezielte Umbaumaßnahmen im Kanalnetz wurde ein reaktivierter Stauraumkanal im Bereich der Straße „Auf dem Kiewitt“ für die Zwischenspeicherung des Regenwassers genutzt. Ist die anfallende Regenmenge jedoch so groß, dass auch dieser Speicher ausgelastet ist, wird das Regenwasser in die Neustädter Havelbucht abgeleitet. Da auch dieses System begrenzt ist und dadurch das kurzfristig in sehr großer Menge anfallende Wasser nicht so schnell abgeleitet werden kann, kommt es bei extremen Starkniederschlägen wie am 11. Juni trotzdem zum Rückstau auf der Straße. Übrigens: Im Rahmen der Umsetzung der Wasserstrategie 2035 erfolgte vor zwei Jahren die Inbetriebnahme eines Mischwasserstauraumkanals in der Zimmerstraße, der in diesem Bereich für Entlastung sorgt.

Auch die Untergeschosse der stadtauswärts gelegenen Häuser an der Hegelallee laufen immer wieder voll, also auf der Seite Werner-Alfred-Bad. Was ist dort das Problem?

Hierzu liegen uns keine Schadensmeldungen vor. Wir würden diese im Einzelfall prüfen. Unabhängig von der Kanalisation kann es an Kundenanlagen Probleme geben, die durch nicht vorhandene oder nicht funktionierende Rückstausicherungen verursacht werden.

Sind in den besonders betroffenen Gegenden Arbeiten zur Erweiterung der Kapazitäten bei der Entwässerung geplant? Wenn ja, wo, wann und zu welchen Kosten?

Die Planungen für ein Rückhaltebecken im Bereich Kiewitt laufen. Dessen Bau beginnt aber frühestens 2022. Es handelt sich um eine unterirdische Anlage mit einem Fassungsvermögen von rund 3200 Kubikmetern. In der Hegelallee ist keine Maßnahme geplant. Grundsätzlich gilt: Abhängig von der Tiefenlage, der Größe und den örtlichen Gegebenheiten sind für einen Meter Abwasserkanal zwischen 1500 und 2000 Euro zu veranschlagen.

Was würde denn eine neue Entwässerung für den problematischen Bereich in der Zeppelinstraße kosten?

Für die Verbesserung der Situation in der Zeppelinstraße planen wir für das Rückhaltebecken am Kiewitt mit einen Investitionsvolumen von rund fünf Millionen Euro.

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Von Rainer Schüler