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Potsdam Nach der Vorlesung geht es zurück nach Berlin
Lokales Potsdam Nach der Vorlesung geht es zurück nach Berlin
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02:21 25.05.2018
Willi Stieger, Laura Ranglack und Jasper Whitler studieren gerne in Potsdam (v.l.), vermissen aber das studentische Leben in der Stadt.
Willi Stieger, Laura Ranglack und Jasper Whitler studieren gerne in Potsdam (v.l.), vermissen aber das studentische Leben in der Stadt. Quelle: Leonie Zimmermann
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Potsdam

Es gleicht einem Phänomen: Wer morgens mit der Bahn fährt – Richtung Golm, Babelsberg oder Griebnitzsee – der kommt nicht umhin, auf Studierende zu treffen. Bevor die erste Vorlesung losgeht, tummeln sich die jungen Menschen massenhaft in Stadt, Park und Bahn. Denn eingeschriebene Studenten gibt es viele in Potsdam. Oder anders gesagt: Würden alle junge Menschen, die an einer Fakultät in Potsdam eingeschrieben sind, gleichzeitig ein Fußballspiel besuchen, denn das tun sie in der Regel gerne, dann würden sie das Karl-Liebknecht-Stadion mit seinen rund 10 000 Plätzen bald dreimal füllen. Trotzdem trifft man abends oder am Wochenende nur wenige von ihnen in der Stadt an. Der Grund: 94 Prozent der Studierenden leben außerhalb der Stadtgrenze, sagt Willi Stieger, Asta-Referent der Universität Potsdam für Studentisches Wohnen.

Für die meisten Studierenden stellt Potsdam nur einen Zwischenstopp dar, ihr Weg führt sie nur selten in Gegenden fernab ihrer Hochschule. „Sobald die Vorlesung endet, ist es fast wie bei einer Massenpanik“, sagt Jasper Whitler, der Erziehungswissenschaften im 6. Semester studiert. „Alle eilen zur Bahn, quetschen sich in die Gänge, um möglichst schnell ins belebte Berlin zu flüchten.“ Auch Whitler lebt in Berlin, wegen der „utopischen“ Mietpreise in Potsdam und Umgebung. „Ein kurzer Blick in eine Online-Mietbörse hat gereicht, um zu wissen: Hier habe ich keine Chance auf bezahlbaren Wohnraum“, sagt der Berliner. Durch die zunehmende Modernisierung der Wohnräume und die vielen Prominenten, die Potsdam für sich entdecken, werde es für Studierende immer schwerer, in die Stadt zu ziehen.

Wer eine Bleibe hat, dem fehlt es nicht selten an anderen Ecken: „Wir haben alle Bock auf ein reges Studentenleben, aber uns fehlen zunehmend Gelder, Locations und Unterstützer“, sagt Laura Ranglack, Kulturreferentin des Asta der Universität Potsdam. Das Problem sei dabei nicht etwa die fehlende Kulturlandschaft in Potsdam, „nur leider können Studierende sich die hohen Getränkepreise der Bars im Zentrum oft nicht leisten.“ Dadurch, dass die Nachfrage nicht übermäßig groß sei und die Stadt sich nach und nach immer mehr in Richtung Touristen ausrichte, fiele es zunehmend schwer, erschwingliche Angebote in „normalen“ Kneipen zu finden.

Was den ambitionierten Studierenden an Alternativen bleibt, ist oft nur Selbstorganisation. „Das Kulturzentrum (KuZe) ist gerade unser größter Anlaufpunkt,“, sagt Ranglack. Ob Theatergruppen Hausaufgabenhilfe für Flüchtlinge oder Bandproben – das Gelände an der Hermann-Elflein-Straße wird bereits von zahlreichen Jugendgruppen genutzt. Besonders die studentischen Tresen-Schichten seien beliebt: „Wenn die KuZe-Kneipe geöffnet ist, trifft man immer viele Kommilitonen“, sagt Ranglack. Allerdings wüssten noch immer zu wenige Menschen, dass es dieses Angebot überhaupt gibt.

Auch das Pub à la Pub an der Breiten Straße oder das Spartacus an der Friedrich-Engels-Straße gehörten zu den selbst organisierten Angeboten, die gut vom studentischen Klientel angenommen würden. Und noch etwas haben sie alle gemeinsam: „Diejenigen, die sich für ein aktives Studentenleben einsetzen, leiden aber letztlich unter großem finanziellen Druck“, sagt Ranglack. Gemeinsam mit dem Studentenwerk kämpft der Asta deshalb für mehr kulturelle Initiativen. „Wir freuen uns über jede Idee und jede Location, die wir nutzen können“, ergänzt sie.

Vor allem in den letzten Jahren würden Studierenden in ihrer Freizeitgestaltung immer mehr Steine in den Weg gelegt werden, etwa durch zunehmende Privatisierung und den verstärkten Fokus auf Tourismus. „Wir kämpfen mit unseren Anliegen gegen Player, denen wir kaum gewachsen sind“, sagt Ranglack. Häuser würden von Multimillionären aufgekauft und kulturelle Anlaufstellen fielen nach und nach weg. Das jüngste Beispiel: Das Rechenzentrum. Ranglack: „Dort haben viele Studierende Räume als Werkstatt oder Ateliers gemietet – das wird uns jetzt auch genommen.“

Ein herber Rückschlag sei auch der Abriss der Fachhochschule gewesen. „Wir haben monatelang protestiert, sind auf die Straße gegangen und haben mit allen Mitteln versucht, den Abriss zu verhindern“, sagt Ranglack, „interessiert hat es im Endeffekt niemanden.“ Der Abriss habe besiegelt, was bereits vorher aus studentischer Sicht befürchtet wurde: Das Stadtzentrum bietet nun kaum noch Raum für Studentenkultur. Der von vielen Seiten gewünschte Ausbau des studentischen Lebens fällt zunehmend schwerer. „Wer sich nicht durch die Mietpreise abschrecken lässt, den hält das fehlende kulturelle Angebot ab, herzuziehen“, sagt Whtilow, „es ist ein Teufelskreis und das muss sich ändern.“

Bei einer Podiumsdiskussion am 5. Juni um 18 Uhr im Bildungsforum wollen Studierende und Stadtvertreter über die Situation sprechen.

Von Leonie Zimmermann