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Potsdam Nach tödlichem Balkon-Sturz: Verteidiger und Gutachter sehen Mängel im Wohnheim
Lokales Potsdam Nach tödlichem Balkon-Sturz: Verteidiger und Gutachter sehen Mängel im Wohnheim
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08:00 31.07.2019
Justitia Quelle: dpa
Potsdam

Im Sicherungsverfahren gegen den psychisch kranken Potsdamer Stefan L. (41), der einen Mitbewohner vom Balkon in den Tod gestoßen hat, fordern Staatsanwaltschaft und Verteidigung, den Beschuldigten dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Zuvor hatte der renommierte Sachverständige Matthias Lammel sein Gutachten vorgestellt – und die Wohnstätte, in der Stefan L. seit 2010 lebte, scharf kritisiert.

„Man hat relativ wenig darauf geachtet, was ihn bedrängt“

Das Heimpersonal, so Lammel, sei mit Stefan L. schlichtweg überfordert gewesen, die Einrichtung für ihn nicht geeignet. Man sei mit L. umgegangen, wie es für einen geistig Behinderten sinnvoll sei: Man habe versucht, seine sozialen Kompetenzen zu trainieren. „Aber man hat relativ wenig darauf geachtet, was ihn bedrängt, was ihn vielleicht beängstigt.“ Lammel, der das Verfahren begleitet und auch die Aussagen der Mitarbeiter der Wohnstätte mitverfolgt hat, attestiert ihnen mangelnde Kenntnisse und laienhafte Beurteilungen, „die den Verdacht erregen, dass sie das Krankheitsbild gar nicht so richtig einschätzten konnten. Man hat nicht wahrgenommen, dass es sich um einen psychisch schwer kranken Menschen handelt, der psychiatrische Behandlung braucht.“

„Es handelt sich um ein strukturelles Problem“

Stefan L. und der von ihm getötete Bernhard F. sind – so genommen – Opfer des Betreuungssystems. Die Art der Fürsorge, die für L. erforderlich sei, fehle heute, sagt Lammel: „Es handelt sich um ein strukturelles Problem, das nach der wohlgemeinten und auch richtigen Psychiatriereform entstanden ist. Wir haben zu wenig Betten in der Allgemeinpsychiatrie. Wir können nicht alle Patienten enthospitalisieren und mit einer passenden Nachfolgeeinrichtung versorgen – da klafft eine Lücke.“ Diese Lücke konnte das Wohnheim offenbar nicht füllen.

Experte rügt, dass L. Medikamente eigenverantwortlich einnahm

„Die Mitarbeiter haben gedacht, es sei das Beste, ihm nachzugeben, wenn er ihnen zu nahe kommt.“ So habe das Personal für L. einen Freiraum geschaffen, der ihn scheinbar unauffälliger machte, in dem er aber tatsächlich seinen Angewohnheiten mehr und mehr nachgehen konnte – und der dem Personal immer weniger Einblick gewährte: „Man wusste nicht, was sich in ihm breit macht“, so Lammel. Der Experte rügt zudem, dass man L. auch die Freiheit ließ, seine Medikamente in Eigenverantwortung einzunehmen: „Das kann man machen, wenn man hinter der Person steht oder Blutspiegeluntersuchungen durchführt – wenn man nur auf Gott vertraut, kann das schiefgehen.“

„Krankheit in der schwersten Ausprägung“

Laut Matthias Lammel traten bereits 1997 erste Hinweise auf, dass Stefan L. krank sein könnte. Diese Hinweise hätten sich schnell verdichtet: „Eine Diagnose war 2000 sicher möglich“, so Lammel. Der Behandlungsverlauf sei von Anfang an kompliziert und stets auf eine Zwangsunterbringung orientiert gewesen, denn L.s Zustand habe sich nie gebessert. Er sei seit 2000 durchgehend und chronisch produktiv akut psychotisch. „Es bestehen keine Zweifel daran, dass Herr L. unterzubringen ist“, so Lammel. Er habe „eine Krankheit in der schwersten Ausprägung wie man psychisch krank sein kann“. Es gebe schizophrene Verläufe, die äußerst ungünstig seien – damit habe man es hier zu tun. „Es gibt wenig Aussicht, dass wir das wahnhafte Durcheinander abstellen können. Man kann es aber sicherlich lindern. Die Medikamente sind das A und O.“ Infolge seines Zustandes sei es wahrscheinlich, dass Stefan L. erneut erhebliche rechtswidrige Taten begeht – er sei für die Allgemeinheit gefährlich.

„Wir können mit derart kranken Menschen derzeit nicht umgehen“

Verteidiger Bodo Zielonka begleitet Stefan L. schon seit Jahren; auch als Betreuer und Verfahrenspfleger. „Seit rund zwanzig Jahren ist Herr L. ein Gefangener seiner Krankheit“, sagt der Anwalt: „Er leidet auch unter dieser Krankheit“. Die Gesellschaft trage eine Mitverantwortung für das, was passiert ist: „Wir können mit derart kranken Menschen derzeit nicht umgehen“, so Zielonka. „Das Heim war total überfordert, die Mitarbeiter konnten das nicht händeln und haben Probleme abgeschoben – das ist auch anderswo so.“ – Das Urteil ist für den 5. August angekündigt.

Von Nadine Fabian

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