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Potsdam Mädchen sexuell missbraucht: Nachbarn sahen Angeklagten mit dem Kind – und reagierten nicht
Lokales Potsdam Mädchen sexuell missbraucht: Nachbarn sahen Angeklagten mit dem Kind – und reagierten nicht
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17:43 16.01.2020
Willi D. (58) – hier beim Prozessauftakt im Dezember – hat ein Geständnis abgelegt. Die Beweisaufnahme geht indes akribisch weiter. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Die Katzen sind Freigänger. Deshalb schaut Petra N. (67) öfter mal aus dem Küchenfenster auf die Straße hinaus. Am frühen Abend des 25. Mai 2019 – die Rentnerin kocht gerade für die nächsten Tage vor – sieht sie einen Nachbarn aus dem Aufgang nebenan auf den Wohnblock zuhalten. Sie kennt seinen Namen nicht, aber sie kennt seine Gewohnheiten. „Er hat immer gegrüßt, er war immer freundlich, er hat nur ein bisschen zu viel getrunken“, sagt Petra N. Eigentlich habe sie ihn nie nüchtern gesehen, er war „immer unter Stoff“ – und er war nur selten in Begleitung: „Leute, die augenscheinlich auch Alkoholprobleme hatten.“ Am 25. Mai aber ist alles anders: Der Nachbar ist nicht allein. Er hat ein Mädchen dabei. „Ich habe gesehen, dass er mit einem kleinen Kind – dunkle Haare, Bubikopf – die Treppe hochging“, sagt Petra N. „Da habe ich für mich ganz heimlich gedacht: Mein Gott, wer gibt ihm denn das Kind mit? Es hat aber nicht ausgesehen, als ob es den Herren nicht kannte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Mädchen nicht mit will – deshalb habe ich mir nichts dabei gedacht.“

Das Mädchen wird per Videoübertragung zugeschaltet

Den Namen ihres Nachbarn erfährt Petra N. wenig später aus den Medien: Willi D. (58) soll das Mädchen (6) in seiner Wohnung in Drewitz sexuell missbraucht haben. Seit Ende Dezember sitzt der einschlägig Vorbestrafte vor dem Landgericht Potsdam auf der Anklagebank. Er hat ein Geständnis abgelegt, aber die Beweisaufnahme geht weiter. Insgesamt sieben Zeugen befragt die Strafkammer am dritten Verhandlungstag, darunter das Opfer und seinen Vater. Die Öffentlichkeit wird von diesem Teil der Verhandlung ausgeschlossen. Das Kind genießt darüber hinaus einen besonderen Schutz: Es muss nicht im Gerichtssaal aussagen. Das Mädchen wird aus einem anderen, geschützten Raum per Videoübertragung zugeschaltet. Die Richter und Schöffen, die Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage, die Gutachter und der Verteidiger sehen das Kind auf einer Leinwand – Willi D. aber muss sich so positionieren, dass er nichts sehen kann.

Das Verschwinden des Kindes hatte die Landeshauptstadt am letzten Mai-Wochenende 2019 in Atem gehalten. Das Mädchen war am 25. Mai gemeinsam mit dem Vater und drei Brüdern bei Porta in Drewitz einkaufen, trennte sich aber von der Familie und stieg alleine in den Fahrstuhl. Seine Spur verlor sich vor dem Möbelhaus. Ein Großaufgebot der Polizei mit Hunden und Hubschraubern suchte nach dem Kind, das aber erst am 26. Mai auf einer Bank entdeckt wurde.

Der Ort des Geschehens: Zwischen dem Möbelhaus und dem Stern-Center (l.) und der Gartenstadt Drewitz (r.) liegen nur ein paar Minuten zu Fuß. Quelle: Friedrich Bungert

Nur kurz zuvor haben es die Eheleute S. durch den Hertha-Thiele-Weg laufen sehen – die im Auto des Paares befestigte Dashcam zeichnete die Szene sogar auf. Die Eheleute waren gerade erst in den Kiez gezogen und pendelten zum Putzen noch in die alte Wohnung. Dorthin brechen sie auch am 26. Mai auf, doch nur eine Ecke weiter bemerken Mateusz und Marilu S., dass sie die Einweghandschuhe zum Saubermachen vergessen haben. Sie kehren um und halten am Ende des Blocks, in dem Willi D. wohnt. Die Dashcam filmt eine menschenleere Straße: Drei Autos parken am rechten Fahrbahnrand, Mateusz S. überquert die Straße, dann – der Zeitstempel zeigt 12 Uhr 29 Minuten und 23 Sekunden – taucht am rechten Bildrand eine kleine, dunkle Gestalt auf: das Mädchen.

„Sie ist schnell gegangen, aber nicht gerannt“

„Sie sah mich kurz an“, berichtet Mateusz S. (30). Er habe nichts Auffälliges an dem Kind wahrgenommen und keinen Zusammenhang zu dem Vermisstenfall hergestellt. Auch seine Frau, die im Auto sitzen geblieben war, sieht die Kleine. „Sie ist schnell gegangen, aber nicht gerannt“, sagt Marilu S. (28). „Es sah aus, als würde sie wissen, wo sie ist und wohin sie will.“ Einen Zusammenhang zu der Suchaktion habe auch sie nicht hergestellt – nicht so richtig jedenfalls. Sie erinnert sich, dass der Helikopter über dem Wohngebiet kreiste, als ihr Mann wieder in den Wagen stieg. „Wir sagten uns: Was ist die Chance, dass ausgerechnet wir das kleine Mädchen sehen? – Was ist ein kleines Mädchen in der Stadt?“

Dass es eben doch ausgerechnet sie waren, die das kleine Mädchen gesichtet hatten, dämmert den Eheleuten Stunden später. „Als wir wieder kamen, war der Hertha-Thiele-Weg komplett abgesperrt“, erzählt Marilu S. Das Paar wendet sich an einen der vielen Polizisten, die die Anwohner des Karrees befragen, und übergibt die Dashcam-Daten.

Verschärftes Sexualstrafrecht seit Ende 2016

Willi D. ist wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Tateinheit mit weiteren Sexualdelikten, Entziehung Minderjähriger, Freiheitsberaubung und Körperverletzung angeklagt. Dabei steht auch der juristische Begriff der Vergewaltigung im Raum – dieser hat mit der Reform und der Verschärfung des Sexualstrafrechts Ende 2016 eine Wandlung erfahren und umfasst inzwischen mehr als die landläufige Vorstellung umreißt. Um für Vergewaltigung verurteilt zu werden, muss nun – kurz gesagt – nicht mehr eine klassische Vergewaltigung, also ein Geschlechtsverkehr, stattgefunden haben. Es genügt ein „Eindringen in den Körper“, wie es in Paragraf 177 des Strafgesetzbuches heißt. Wenn zum Beispiel jemand mit dem Finger in den Körper eines anderen eindringt, kann das auch als eine Vergewaltigung gelten – und so bewertet es die Rechtsprechung in den vergangenen Jahren auch immer häufiger. Verteidiger Thomas Arndt betonte gegenüber der MAZ, dass es in D.s Fall nicht zum Äußersten gekommen sei. Mit einem Urteil ist im März zu rechnen.

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