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Potsdam Seit einer Woche gilt die Bonpflicht: Händler und Kunden in Potsdam sind verärgert
Lokales Potsdam Seit einer Woche gilt die Bonpflicht: Händler und Kunden in Potsdam sind verärgert
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20:37 06.01.2020
Bereits zur Mittagszeit ist der Müllsack im Frische-Express am Hauptbahnhof gefüllt. Quelle: Johanna Apel
Potsdam

Seit dem 1. Januar gilt deutschlandweit die Kassenbonpflicht. Auch bei Kleinstbeträgen sollen Unternehmer nun Kassenbons drucken und dem Kunden mitgeben – auch in der Landeshauptstadt. Wie gehen die Potsdamer Verkäufer und Händler damit um? Händigen sie die Bons automatisch aus? Was halten sie von der neuen Regelung? Und was sagen die Kunden?

Die MAZ hat sich in Potsdam umgeschaut und in fünf Potsdamer Läden nachgefragt. Das Ergebnis: Nur ein Händler hat die Kassenbons ungefragt ausgegeben. Die anderen Verkäufer zeigten sich angesichts der Neuregelung noch zögerlich. Eines haben sie allerdings alle gemeinsam: ihren Ärger über die Neuregelung.

Nur wenige Verkäufer geben Bons aus

Besuch im Kiosk unter dem S-Bahnhof Babelsberg. Direkt am Treppenaufgang zu den Bahngleisen liegt der Laden an einer hoch frequentierten Stelle. Wer hier einkauft, bekommt den Bon nur auf Wunsch – beim Kauf wird er nicht direkt gedruckt. Die meisten Kunden seien in Eile, hätten keine Zeit und somit auch kein Interesse an einem Beleg für ihren Einkauf, erklärt die Verkäuferin. Sie würden die nächste Bahn erreichen wollen oder kämen gerade an, hätten ein anderes Ziel im Blick. Hier habe selten jemand Interesse an einem Kassenbon für ein gekauftes Kaugummi oder eine Zeitung, so die Verkäuferin.

Anders sieht es in der Bäckerei Schäfer an der Rudolf-Breitscheid-Straße aus: Hier haben die Betreiber das EDV-System zum Jahreswechsel so geändert, dass die Kasse bei jedem Kauf automatisch einen Bon druckt. Über den Tresen reichen ihn die Angestellten allerdings nur auf Nachfrage. Dafür sei meist keine Zeit, erklären sie, doch besonders der ökologische Aspekt besorgt die Angestellten.

Hauptärgernis: Umweltverschmutzung

„Es ist furchtbar!“, erzählt eine Mitarbeiterin, „Die Kassenzettel fliegen überall draußen rum, können nicht abgebaut werden und die Kunden beschweren sich. Ich finde das echt belastend.“ Das sei eine reine Umweltverschwendung. Wer einen Kassenbon verlangt, könne ihn natürlich bekommen, sagt sie. Doch der Rest lande direkt im Müll.

„Bei 300 bis 400 Kunden am Tag kommt da einiges zusammen“, sagt die Mitarbeiterin. Unklar sei außerdem noch, wie hoch die Zusatzkosten durch die Bonpflicht werden. Für einen Überblick über die zusätzlich benötigten Papierrollen und die Mehrausgaben sei es aktuell noch zu früh.

Bonpflicht gilt selbst bei Kleinstbeträgen

Unmut auch im Kiosk an der Rudolf-Breitscheid-Straße. Mitarbeiterin Diana Friese schüttelt über die Neuregelung nur den Kopf: „Das ist doch irre, diese Papierverschwendung.“ Für sie besonders skurril: „Ich sehe es nicht ein, einem Kind einen Bon zu geben, das sich für zehn Cent ein Gummitier kauft – und sich zwei Minuten später überlegt, noch eins zu kaufen.“

Unfair findet es Friese auch, dass die neue Regelung vor allem die Kleinunternehmer treffe. Eine Kollegin fragt sich außerdem, „ob das steuerlich so viel bringt?“ Sie findet: „Da sollte man doch lieber bei den großen Unternehmen genauer hinschauen.“

Auch die Kunden sind verärgert

An ihrer Kasse kann sich Diana Friese noch aussuchen, ob die Kassenbons gedruckt werden sollen oder nicht. Doch sie arbeite auch in einem Kiosk in Drewitz, erzählt sie, und dort würden die Bons automatisch gedruckt. Dort stehe der Mülleimer mittlerweile direkt unter der Kasse, sodass die Belege unmittelbar darin landen können.

Diana Friese, Mitarbeiterin im Kiosk an der Rudolf-Breitscheid-Straße, zeigt einen Bon Quelle: Johanna Apel

Bodo Splisteser ist Kunde in dem Kiosk an der Rudolf-Breitscheid-Straße – und hält von der Kassenbonpflicht genauso wenig wie Diana Friese. Das sei „absoluter Blödsinn“, der die Händler nur Geld kosten würde, findet er. „Ich überlege schon, die Kassenbons alle zu sammeln und sie in einem Sack beim Finanzamt abzugeben“, sagt er.

Viele wollen keinen Bon

Ines Thiede, Mitarbeiterin des Obst- und Gemüseladens Frucht-Express im Potsdamer Hauptbahnhof, gibt den Kassenbon so wie viele andere Ladenbesitzer auch nur auf Nachfrage raus. Die meisten Kunden würden den Kassenzettel gar nicht wollen, erzählt sie, die regten sich sogar darüber auf. „Für einen Apfel und eine Banane wollen die Kunden keinen Kassenbon“, sagt sie.

Bereits zur Mittagszeit ist der Müllsack im Frische-Express am Hauptbahnhof gefüllt Quelle: Johanna Apel

Und Kundin Ruth Kozlowski bestätigt das. Sie ließe sich den Bon nur geben, wenn sie danach in ein ähnliches Geschäft gehe und möglicherweise beweisen muss, dass sie die Ware woanders gekauft hat. Da die Kasse im Frucht-Express die Bons jedoch automatisch druckt, landen sie auch hier alle in einem Müllsack neben der Kasse. Ines Thiede hebt den Müllsack in die Luft – er ist prall gefüllt mit Kassenbons. Und das bereits zur Mittagszeit.

Michelle Heß, Mitarbeiterin der Bäckerei Exner, zeigt den gefüllten Mülleimer Quelle: Johanna Apel

Mülleimer voller Kassenbons

Die Angestellten der Bäckerei Exner an der Karl-Liebknecht-Straße sind ebenfalls verärgert, geben dem Kunden jedoch trotzdem ungefragt bei jedem Kauf den Kassenbon mit. Mitarbeiterin Michelle Heß zeigt den Mülleimer, randvoll mit ungewünschten Kassenbelegen. „Die Kunden möchten die Kassenbons nicht haben, lassen sie liegen und wir schmeißen die dann in den Müll. Da entstehen Riesenmüllberge, es ist anstrengend.“ Dem stimmt eine Kundin kopfnickend zu: „Ich lasse mir die Bons nicht geben“, sagt sie. „Allein für die Natur ist das schon unschön.“

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