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Potsdam OB Jakobs verteidigt Luftschiffhafen-Chef
Lokales Potsdam OB Jakobs verteidigt Luftschiffhafen-Chef
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21:55 17.01.2014
Aus alten (besseren?) Tagen: Jann Jakobs und Rainer Speer (rechts). Quelle: Christel Köster
Potsdam

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hat am Freitag dem umstrittenen Luftschiffhafen-Geschäftsführer Andreas Klemund Rückendeckung gegeben – einen Tag, nachdem OSC-Potsdam-Präsident und Ex-SPD-Innenminister Rainer Speer in einem offenen Brief den Rücktritt Klemunds wegen der Misere rund um die gesperrten Sporthallen im Luftschiffhafen gefordert hatte.

Am Freitag zeigte sich Jakobs dann solidarisch mit Klemund, der zuletzt auch von der Fraktion „Die Andere“ angezählt worden war.

„Der Geschäftsführer der Luftschiffhafen-Gesellschaft leistet sehr gute Arbeit“, sagte Jakobs. In der „angespannten Situation“ sei es „nicht ratsam, personelle und strukturelle Konsequenzen einzufordern“.

Speer hatte Klemund unter anderem vorgeworfen, sich als Luftschiffhafen-Chef nicht ausreichend um sportliche Belange zu kümmern: „Die Motivation für die Geschäftsführung ist auf sportfremde Einnahmen und Kostensenkung orientiert. Eine geschlossene Halle verursacht weniger Kosten als eine genutzte Halle“, so Speer in seinem Brief. „Die Zusammenarbeit mit der GmbH gestaltet sich seit Gründung im Jahre 2008 schwierig“, kritisiert der OSC-Präsident.

Jakobs’ Konter: „Es gibt keinen Grund, Klemund abzuberufen.“

Unterdessen wird immer rätselhafter, was sich bei der Hallensanierung Anfang der 2000er Jahre wirklich abgespielt hat. In einem Protokoll der Luftschiffhafen GmbH werden weitere Sanierungspfusch-Vorwürfe erhoben: „Die Abnahme der Schwimmhalle erfolgte mit einer Entrauchungsanlage, obwohl diese gar nicht verbaut worden war“, heißt es in dem Protokoll. Sprich: Es gibt angeblich eine bauliche Abnahme für eine nicht existierende Entrauchungsanlage.

Auf Nachfrage wollte sich die Verwaltung dazu gestern nicht äußern. „Das ist Gegenstand der Prüfung der Kommission, die sich mit der Aufarbeitung der Hallensanierung befasst“, sagte Rathaussprecherin Christine Weber.

Eine Galgenfrist hat das Sportministerium der Stadt bei der Beantwortung des knallharten Fragenkatalogs rund um die Hallenschließungen eingeräumt: Eigentlich wären die Antworten bis gestern fällig gewesen; jetzt gibt es aber einen kurzen Aufschub bis zum Dienstag. Wie berichtet, droht das Land wegen der Hallen-Sperrung mit der Streichung von 380.000 Euro Fördermitteln für den Luftschiffhafen und fordert Aufklärung.

INTERVIEW

Tragverhalten der Hallen sollte experimentell ermittelt werden

Timo Jacob ist Sachkundiger Einwohner im Bauausschuss und Bauingenieur. Er hat an der TH Leipzig Festigkeitslehre und Statik unterrichtet. Er schlägt einen neuen Lösungsansatz bei der Hallen-Problematik am Luftschiffhafen vor.

MAZ: Sie haben einen Vorschlag, wie man sehr schnell klären könnte, ob die Dächer der Hallen standsicher sind.
Timo Jacob: Es gibt ein Verfahren, das von der Materialforschungs- und Prüfanstalt für Bauwesen in Leipzig ständig angewendet wird: die Durchführung einer experimentellen Tragsicherheitsanalyse.

Aber Statiker begutachten die Hallen doch schon ständig. Machen die keinen guten Job?
Jacob: Die Analyse wird in genau solchen Fällen durchgeführt wie bei den beiden Hallen, wo es durch Schädigungen am Bauwerk nicht mehr möglich ist, allein durch rechnerische Verfahren den statischen Nachweis zu führen. Um herauszukriegen, wie sich das Tragverhalten in der Wirklichkeit darstellt und welche Reserven gegebenenfalls noch existieren, muss man das dann experimentell durchführen. Das Verfahren wurde etwa bei den Schwimmhallen in Dresden und Halle-Neustadt durchgeführt; in Potsdam bei der Humboldtbrücke und der Langen Brücke.

Und wie funktioniert das in der Praxis?
Jacob: Die Frage ist: Was funktioniert unter einer kontrollierten Normlast? Bei Hallendächern wie der Schwimmhalle in Dresden wurden große Belastungen in Form riesiger, wassergefüllter Kissen aufgebracht. Daraus lässt sich ableiten, wie sich das tatsächliche Tragverhalten unter der festgestellten und diagnostizierten Vorschädigung darstellt.

Was ist der Vorteil dieser Methode?
Jacob: Die Gewichte können gleichmäßig aufgebracht werden. Durch die Kissen kann man zum Beispiel die Schneelast simulieren. Daraus kann man wiederum ableiten, wie viel das Gesamtwerk imstande ist zu ertragen und wann im schlimmsten Fall der Versagenzustand eintreten könnte. Darüber hinaus kann man einschätzen, welche konkreten Maßnahmen zielführend sind.

Von Ildiko Röd

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