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Potsdam So lebt es sich im Winter auf Potsdams Straßen
Lokales Potsdam So lebt es sich im Winter auf Potsdams Straßen
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00:22 14.12.2018
Der Potsdamer Bahnhof als Notquartier. Quelle: Creso
Babelsberg

Um elf wird es mal wieder sehr lebendig bei Creso in der Gartenstraße: Obdachlose kommen an diesem Dienstagvormittag frühstücken, fünf sind es an diesem bitterkalten Tag. Brötchen, Wurst und Fisch stehen auf dem Tisch, den sie selbst decken; es gibt Kaffee und Tee, keinen Alkohol.

Johanna Lütkehölter und Sandra Weber sind Streetworker bei der Creso – Creative Sozialarbeit gGmbH. Sie bieten diesen „Brunch“ immer dienstags an, bis zu 15 Leute kommen; alle leben auf der Straße, aber nicht nur da. Micha etwa: Der 45-jährige Langzeitarbeitslose hat eine kleine Wohnung im Schlaatz, er hat ein Boot, er spart rigide, kommt gut zurecht und lebt doch auch zusammen mit den Frühstücks-Kumpels auf der Straße. Da sitzt er wortlos, ohne Bettelschild, die „Schnorrer-Büchse“ vor sich, den Hund daneben. „Das hilft enorm“, sagt er: „Jeder Obdachlose kennt den Hundebonus. Aber das Tier schränkt auch die Bewegungsfreiheit ein. Mit einem Hund kommt man in kein Notquartier.“ Muss er auch nicht, er hat ja ein Zuhause: die Wohnung oder das Boot, in dem drei Leute schlafen können. „Bei mir im Haus ist eine Mieterin gestorben“, erzählt er: „Eine kleine Wohnung, gut für einen Obdachlosen. Doch die Vermieter haben uns ganz frech gesagt, sie nehmen nur Syrer und Afrikaner.“

Unter Brücken und in Notasylen

Die anderen am Tisch wissen den Schutz eines Hundes vor Dieben zu schätzen, verzichten aber lieber drauf. Mike zum Beispiel. Der 39-Jährige aus dem Harz ist vor allem in Berlin und nur manchmal in Potsdam unterwegs, derzeit öfter, seit er Kiki kennt: die ist 27 und lebt erst acht Monate in verlassenen Bungalows, unter Brücken und in Not-Asylen. Mike macht das schon 12 Jahre. Er war in Hamburg, Göttingen, Hannover, zieht weiter, wenn er „die Schnauze voll hat von einer Stadt“. Tags schlägt er sich gerade in Potsdam durch, nachts schläft er lieber in Berliner Unterkünften: „Da gibt’s viel mehr als hier.“

Er hatte mal ein geordneteres Leben: Er hatte eine Wohnung, einen Job als Abrissarbeiter, machte Kraftsport in der Freizeit; man sieht ihm das noch an. Doch die Zeitarbeitsfirma, für die er in Sachsen-Anhalt Häuser abtrug, zockte ihn ab, zahlte keinen Lohn; er ging woanders hin, jobbte als Maler und Lackierer: „Das mach’ ich gern.“ Doch wieder wurde er um seinen Lohn geprellt, er rutschte in Hartz IV und blieb drin stecken. „Darauf hab’ ich keinen Bock mehr“, sagt er: „Ich hole mir kein Geld ab im Amt; ich schnorre lieber.“ „Aber da hast Du keine Krankenversicherung“, wendet Micha ein: „Da hast Du gar nichts.“ „Scheiß drauf“, zuckt Mike mit den Schultern in seiner Kunstlederjacke: „Dann sterbe ich eben.“

Hilfe für Bedürftige

Die Suppenküche auf dem Campus der Stadtverwaltung hat täglich von 9 bis 14 Uhr geöffnet.

Für Bedürftige gibt es eine warme Mahlzeit, sie können auch duschen, Wäsche waschen und am Montag und Mittwoch von 10 bis 14 Uhr in der Kleiderkammer stöbern.

Das Sozialkaufhaus vom Verein Exvoto, Max-Eyth-Allee 44a, ist Montag bis Mittwoch 9 bis 18 Uhr, Donnerstag und Freitag 9 bis 16 Uhr sowie Samstag 9 bis 13 Uhr geöffnet.

Die Tafel verteilt in ihrer Ausgabestelle in der Drewitzer Straße 22a am Montag und Freitag 16 bis 18 Uhr, am Dienstag 14 bis 16 Uhr, am Mittwoch und Donnerstag 15 bis 17 Uhr Lebensmittel.

Zudem betreibt die Tafel eine Ausgabestelle in Teltow, Potsdamer Straße 34 (Samstag, 15-17 Uhr), und die Tee- und Wärmestube in Werder, Eisenbahnstraße 1 (Montag bis Freitag, 9-15 Uhr).

Doch noch ist Mike gesund, sammelt den ganzen Tag Pfandflaschen, vor allem Fußballspiele lohnen sich. Da trinken sich die Fans vorher einen an und schmeißen vor dem Spiel die Flaschen weg. 20 bis 40 Euro pro Spiel lassen sich verdienen. „Die Leute, die mich sehen, sagen oft: Geh doch mal arbeiten“, erzählt Mike: „Aber wie denn? Ohne Wohnung und vor allem ohne Papiere“ – die hat man ihm im Schlaf geklaut. Er müsste sich neue besorgen, allein schon, falls er mal Kiki heiratet. Die hätte nichts dagegen, und als er sagt „dann müsste ich auch sparen, um die Scheidung zu bezahlen“, knufft sie ihn in die Seite, zieht ihm das Basecap ins Gesicht, schlägt die Hände vor die Augen und bricht in hemmungsloses Kichern aus. „Kiki“, ruft mahnend einer aus der Runde, „Kiki!!! Jetzt geht das schon wieder los!“ Mühsam kämpft die füllige junge Frau ihr ansteckendes Lachen nieder und kann weiter essen. Auch ihre Papiere habe ihr jemand im Schlaf gestohlen, sagt sie; so lebt sie also ohne. Ob sie tatsächlich Kiki heißt?

Im Teufelskreis: Kein Job, keine Wohnung

Aus Ostfriesland kommt sie, hat keinen Schulabschluss – ein Teufelskreis: Keine Bildung, kein Job, keine Wohnung. „Es gibt ja Firmen, die Obdachlose einstellen und ihnen sogar ein Dach über dem Kopf anbieten“, erzählt Micha; er hat davon aus dem „Westen“ gehört, aber nicht aus Potsdam: „Ich glaube, das gibt es nicht mal in Berlin.“

Auf Weihnachts- und Jahrmärkten aufbauen helfen würde Mike ganz gern, aber ein „Kollege“ hat schlechte Erfahrungen damit gemacht: „Für 12 Stunden Arbeit wollten sie dem nur zehn Euro geben“, erzählt Mike: „Da schnorre ich doch lieber.“ Micha, der Nicht-Obdachlose, kann nicht nur das, er hat auch das Flaschensammeln perfektioniert, kommt zu Fußball- und anderen Sport-Events, zu Konzerten. Er hat für alle Flaschencontainerarten der Stadt Schlüssel, auch für die unterirdischen; da kriecht er sogar rein. Das bringt so viel ein, dass er ein paar tausend Euro sparen konnte.

Das schafft „Locke“ (56) nicht. Zu DDR-Zeiten hatte er ein Haus und ein Baby, doch der Junge starb mit nur fünf Monaten wegen eines Herzfehlers, erzählt er, auch er sei herzkrank. Es ging bergab mit ihm. Irgendetwas richtig Schweres hat er verbockt; er sagt nicht was. 28 Jahre verbrachte er im Knast; das Mauern im Jugendwerkhof der DDR war der einzige Job, den er je hatte. Seit 19 Jahren lebt er auf der Straße und will nie mehr in eine Wohnung. Vor einem halben Jahr starb seine Schwester, und weil er seine Eltern niemals kannte, hat er jetzt keinen nahen Menschen mehr. Außer denen, die mit ihm bei Creso frühstücken. „Locke“ hat zwar keinen Plan vom Leben, wohl aber einen für die Woche. Er weiß genau, wo er an jedem einzelnen Tag hin will, nur nicht ins Obdachlosenheim am Lerchensteig von Potsdam: „Zu viele Regeln, und man darf nicht trinken.“

„In solchen Massenunterkünften wird viel geklaut“, setzt Mike die Liste der Bedenken fort: „Und da gibt’s Viecher; das knackt, wenn man drauftritt.“ Klauen sei noch nicht das Schlimmste; zuweilen gebe es auch Angriffe auf Schlafplätze. So habe mal jemand versucht, von einer Brücke aus einen Molotow-Cocktail abzuseilen und Obdachlosenzelte abzufackeln: „Ich kann nur jedem von uns raten, seinen Schlafsack nicht zuzuziehen“, sagt Mike: „Dann ist man schneller raus, wenn der mal Feuer fängt.“

Weihnachten kommt näher – kein Thema für die Obdachlosen. „Wir sind vermutlich in Berlin“, sagt Kiki: „Aber Weihnachten haben wir nicht.“ Was sollten sie sich auch gegenseitig schenken? „Dass wir uns haben“, sagt Mike, „ist schon Geschenk genug.“ „Das sind starke Menschen“, sagt Sozialarbeiterin Johanna Lütkehölter: „Die halten was aus.“

Von Rainer Schüler

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