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Potsdam Prozess nach Überfall: „Wenn du gehst, sind alle tot“
Lokales Potsdam Prozess nach Überfall: „Wenn du gehst, sind alle tot“
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01:16 15.11.2018
Seit dem 22. Oktober stehen die vier mutmaßlichen Täter vor dem Potsdamer Gericht. Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

Irgendwann in jener Nacht, die die längste ihres Lebens werden sollte, drückt Dana B. (Name geändert) ihrem Peiniger das Sparschwein des jüngsten Kindes in die Hand. „Ich wusste, ich muss Zeit schinden, ich muss ihn am Laufen halten, dass er mich nicht permanent schlägt“, sagt Dana B. – „Geld, Geld!“, fordern die beiden Männer, die in die Familien-Villa am Jungfernsee eingebrochen sind. „Mehr, mehr!“ Später, als den Tätern klar wird, dass nicht mehr zu holen ist als das, was schon in ihren Hosentaschen steckt, wollen sie Gold sehen. Dana B. gibt ihnen Schmuck im Wert von 30 000 Euro. Die Stücke sind seither nicht mehr aufgetaucht.

Dana B. – 47 Jahre alt, selbstständig, Mutter – tritt im Prozess gegen Jorge H. (22) und John R. (25) und ihre beiden Komplizen, die sie und ihre Familie im Juli 2017 überfallen haben, mit bemerkenswerter Ruhe auf. Zu keinem Zeitpunkt verliert sie die Fassung. In ihrer Aussage liegt keine Spur von Bitterkeit. „Ich bin nicht der Mensch, der eine hohe Strafe möchte“, Dana B.: „Mein größter Wunsch ist es, dass sie so etwas nie wieder machen.“

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Der dreijährige Sohn versteckt sich in seinem Bettchen unter der Decke

Den Horror jener Nacht erlebt jeder anders in dem schönen Haus, das Dana B. „unser Paradies“ nennt: Der dreijährige Sohn versteckt sich in seinem Bettchen im Elternschlafzimmer unter der Decke. Die achtjährige Tochter hat eine Freundin zu Besuch: Die Mädchen öffnen ihre Zimmertür einen Spalt breit, sehen Dana B. und einen der Einbrecher auf dem Flur und ziehen sich unbemerkt zurück. Die älteste Tochter, die am nächsten Tag ihren zwölften Geburtstag feiern will und auch bei den Eltern geschlafen hatte, versucht einzugreifen und gerät in die Gewalt von John R. – der nimmt das Mädchen immer wieder in den Schwitzkasten und drückt so fest zu, dass es keine Luft bekommt. „Er war zu dem Kind brutal“, sagt Dana B.: „Er hat gedroht, dass sie nicht überlebt, wenn wir nicht funktionieren.“

Immer wieder schlägt John R. auf sie ein

Dana B. funktioniert. Während Jorge H. ihren Mann mit dem Messer im Schlafzimmer in Schach hält , führt sie John R. überall da hin, wo sie ihm Geld und kleinere Wertgegenstände übergeben kann: ins Büro, zurück ins Schlafzimmer, wo sie den Safe öffnet, schließlich ins Kinderzimmer des Sohnes, wo das Sparschwein steht. Immer wieder schlägt John R. auf sie ein: „Es hörte nicht auf. Man hat diese Wut gespürt. Es war eine Endlosschleife“, sagt Dana B. Einmal trifft es sie besonders hart: John R. hat wieder einmal die Tochter im Würgegriff. „Ich dachte, sie wäre tot. Sie hing ganz schlaff in seinem Arm“, sagt Dana B. „Ich bin zu ihm hin, weil ich meinem Kind helfen wollte. Aber er hatte eine unbändige Kraft.“

John R. stößt Dana B. gegen ein Regal, das mit ihr umfällt. Sie schlägt mit dem Kopf auf den Boden, verliert das Bewusstsein, kommt aber wieder zu sich. „Ich lag unter dem Regal wie in einer Höhle und hab versucht, mit dem Handy die Polizei anzurufen – dann bekam ich einen Tritt ins Gesicht.“ Dana B. erleidet eine Orbitabodenfraktur, eine Hirnschwellung, Platzwunden und Hämatome. Was sie zu dieser Zeit nicht weiß: Sie ist schwanger. „Dieses kleine gesunde, quietschvergnügte Kind ist wie ein Happy End“ sagt Dana B.

„Man denkt, man lässt seine Familie im Stich“

In jener Nacht, die die längste ihres Lebens werden sollte, gelang ihr unverhofft die Flucht. Auf der vermeintlichen Suche nach Geld führt sie John R. vor die Haustür. „Plötzlich standen wir da im Regen und etwas in mir hat gesagt: Renn! Renn! Hau ab und hol Hilfe!“ John R. ahnt wohl, was kommt. „Er sagte: Wenn du gehst, sind alle tot.“ Dana B. rennt trotzdem. „Man denkt, man lässt seine Familie im Stich“, sagt sie. Ein paar Minuten später fährt die Polizei vor.

Der Prozess wird am 19. November fortgesetzt.

Von Nadine Fabian